Jahren nicht zutrauen, dass ich mich durch einen raschen Entschluss um diesen Namen sollte bringen wollen. Doch Ihre Erwartung muss nun aufs höchste gespannt sein; ich verschone Sie mit einer umständlichern Einleitung, und beginne mit der geschichte der letzten Monate, die ich Ihnen – vielleicht aus strafbarer Weichlichkeit – verschwieg; welches ich mir aber aus Selbstgefälligkeit als kluge Schonung anrechnete. Ich hoffte durch eine lange Unterdrückung meines leidenden Gefühls das alte schicklichere verhältnis wieder herzustellen, duldete und schwieg; da wurden aber meine Leiden grösser, als meine Kräfte. Ich kämpfte manchen bittern Kampf, und warf mich endlich in meiner Not dem allgütigen Tröster in die arme. Die Überlegung, dass diese Leiden gewiss zu meiner Erziehung für einen vollkommnern Zustand nötig seien, beruhigte mich nach und nach; und das Ende aller meiner heimlichen Kämpfe, und, Gott gebe! auch meiner Leiden, war der Entschluss, der jetzt fest und unbeweglich vor meiner Seele steht: meine nun für's ganze Leben gekränkten Rechte einer Geliebtern abzutreten."
Sie können sich vorstellen, lieben Freunde, unterbrach sich hier Grüntal, dass diese Vorrede, die mich auf etwas Ausserordentliches und Unerwartetes vorbereiten sollte, mich fast vernichtete. Doch schlüpft' ich leise darüber weg, um nur das Wesentliche zu erfahren.
"Ich gestehe," (fährt Karoline fort), "dass mir, als ich meiner Cousine mein Haus anbot, kein Schatten von einigem Misstrauen gegen ihr Betragen und meines Mannes Grundsätze in die Seele kam. Ich glaubte an seine Liebe, weil ich die meinige zu ihm kannte. Vielleicht wäre ich auch nie aus dem süssen Traume geweckt worden, hätte nicht mein Karl gelegenheit gehabt, das, was er für mich fühlte, was er wohl selbst für Liebe hielt, mit der leidenschaft zu vergleichen, die ihm der stündliche Anblick und Umgang mit einer jungen, vollkommen schönen person einflösste. Und diese junge person, mein Onkel, w o l l t e g e f a l l e n ."
Hier schildert nun meine Nichte die Fortschritte der gegenseitigen leidenschaft bei Beiden, wie sie solche hat bemerken können. – Der Brief ist lang; ich übergehe, was dir zum teil schon selbst haben bemerken können, und einige lebhafte Auftritte, welche das verhältnis anschaulich machen, die Sie in Julchens Briefe an Marianen gelesen haben.
"Gott weiss es," – schreibt nun die Nichte weiter, – "dass mir nicht ein Wörtchen, nicht eine Klage, die Unmut oder Bitterkeit verriet, entfuhr. Ich duldete und schwieg. Wenn etwas einem Vorwurfe ähnliches geschah, so war es lediglich meine sich immer gleichbleibende Liebe und gefälligkeit im Umgange. Ich suchte keinen Vertrauten meines Kummers. Sie wissen, lieber Onkel, dass man dann sein Herz mit um so vollerm Vertrauen dem hingiebt, der allein aus der Angst erretten kann. Ihm übertrug ich meine Angelegenheit, ich wage nicht, zu sagen, mit Ergebung; denn wenn mein Mund dies Wort aussprach, widersprach mein empörtes Herz, und schauerte erschrocken bei der Vorstellung zurück, dass vielleicht mein ewiges los an der Trennung von dem mann hängen könnte, den ich noch immer über alles liebte. – Ich gestehe dass Julchen wirklich zurückhaltender gegen meinen Mann schien, als ich sie einst mit tausend Tränen gebeten hatte, dem unsäglich Schwachen auszuweichen. Meine Lage wurde nur noch peinlicher; denn nun liess er mich Julchens scheinbare Zurückhaltung entgelten, und war herrisch und auffahrend. Sie vermochte nicht, seinen Trübblick aufzuheitern, sie näherten sich einander noch mehr, und von nun an wurde ihr Umgang von Tage zu Tage inniger. Mir begegneten sie mit kalter erkünstelter Höflichkeit, die mir in die Seele schnitt. Doch blieb ich unerschüttert fest dem Vorsatze treu: meines Mannes Herz durch keinen Vorwurf von mir zu entfernen, oder ihm durch mürrisches Wesen einen Vorwand wider mich zu geben. Ich weiss, dass meine arme Mutter durch sanfte Nachgiebigkeit und Geduld meines Vaters Herz sich wieder gewonnen hatte. Bei dem allen war ich mir und uns allen vor den Augen unsrer Bedienten, die für die Geheimnisse und Fehler ihrer herrschaft nur zu scharfe Augen haben, eine Schonung und Behutsamkeit schuldig, die meine Lage mir unendlich erschwerte. Dieser Zustand dauerte, bald trüber bald erheiterter, bis zu Julchens Abreise zur sterbenden Mariane. Den Abend vorher verschaffte mir ein unvergesslicher Auftritt jene traurige Aufklärung über die Gesinnungen, auf die ich von Seiten meines Mannes jetzt nur noch zu rechnen hatte.
Ich war mit Anstalten zu Julchens Reise beschäftigt; denn ich nahm ihr immer gern ab, was sie ungern selbst tat. Als ich damit fertig war, suchte ich sie, wegen noch einiger Verabredungen, in ihrem Zimmer auf. Ich fand sie nicht. Mein Hausmädchen sagte mit schlauem bedeutendem Blicke: 'Mamsell Grüntal ist bei dem Herrn; s i e l e s e n w i e d e r m i t e i n a n d e r .' Ich unterdrückte den Unwillen, der in mir aufstieg, und ging, so gefasst als es mir nur möglich war, dahin. In meines Mannes Arbeitszimmer waren sie nicht; aber in dem anstossenden Kabinette hörte ich ihre Stimmen, und, – ja, ich muss nur gestehn, dass ich es tat, – ich blieb vor der Tür stehen. Sie lasen wirklich. Karl deklamirte ihr mit dem feurigsten Ausdrucke, in einer der Sache anpassenden Stellung, eine Szene aus Göte's Stella vor. Sie kennen den verführerischen