in welchem wilde Verzweiflung lag, im Innersten zerrissen. Sie wagen es nicht, mir Gnade zu versprechen? – fing sie erschöpft an; – sagen Sie, sagen Sie's nur, ich bin verworfen! Sie weinte händeringend, und versank dann in stilles Nachdenken. Bald nachher begann sie in einem Selbstgespräch mit erschöpfter stimme: ach, dass ich von dem ärmsten Bauer geboren wäre! jetzt wäre ich gesund, und litte nicht diese Höllenqualen! arme Grüntal, auch Dich zog ich mir nach! Die schreckliche entscheidende Stunde ist da! – rief sie nach einer Weile, richtete sich im Bette auf, und sah fürchterlich wild um sich; – betet, betet, alle, alle, alle! – Ich rief den Arzt, dem es gelang, sie zu beruhigen, und bald verlangte sie nach Ihnen und ihrem Gemahl. Von ihrem Vater will sie nicht hören; er hat, ihrer Aussage nach, an ihrem Elende Schuld. Jetzt hat sie Kaffee verlangt, und, – ach, dass ich's sagen muss! – sie spottet des Todes, und verbietet mir den Zutritt, weil, wie sie sagt, meine traurige Gegenwart sie auf Schreckbilder führt, und ihre Phantasie verwildert. Sie würden sehr wohl tun, liebe Demoiselle, wenn Sie Ihre sterbende Freundin besuchten. Das Sterbebette derselben wird gewiss einen recht gesegneten Einfluss auf die Festigkeit Ihrer christlichen Gesinnungen haben, u.s.w."
Julchen flog auf den ersten Wink zu ihr. Kaum nahm sie von Karolinen Abschied. Für mich hinterliess sie einen trockenen Zettel, der mir übergeben werden sollte, wenn ich anfinge mich zu bessern. Er entielt nur Worte und Komplimente, die das Vaterherz von einer nur zu geliebten Tochter zu tief verwundeten, als dass ich sie wiederholen könnte. Herr von L.. weigerte sich standhaft, Marianen noch einmal zu sehen. Er würde sich vielleicht entschlossen haben, ihrer Bitte zu willfahren; – denn hassen konnte er so wenig als lieben, dazu sind diese Weltmenschen meist zu karakterlos, – aber es wäre eine Unterbrechung seiner Freuden gewesen, hätte ihn vielleicht traurig machen, und einen störenden Rückblick auf sich selbst veranlassen können. Auf Erden war ihm nichts verhasster, als Traurigkeit; und so versagte er der person, die er so sehr geliebt hatte, den Trost, den er ihr schlechterdings schuldig war. Sie starb, ohne ein Wort der Versöhnung von ihm zu hören.
Nach einigen Monaten wich die Krankheit von mir, aber meine Nerven waren so geschwächt, dass ich nur wenige Personen um mich leiden konnte. Der leiseste Fusstritt schien mir zu hart, die bedächtlichste Bewegung zu jähe. Alle Vorstellungen der letzten Ereignisse vor meiner Krankheit waren wie weggewischt aus meiner Seele. Mit desto frischeren Farben mahlte dagegen meine Imagination die Bilder meines vormaligen glücklichern Zustandes mir vor, besonders die Jähre meiner ersten Ehe. Mit kindischem Behagen hing ich an Kleinigkeiten, welche mir damals wert gewesen waren; ich konnte ein Glas, eine Tasse stundenlang betrachten, und eben so war auch das Bild meiner ehedem so guten und unschuldigen Tochter in mir aufgelebt. Ich führte mir selbst Veranlassungen herbei, wodurch ich gelegenheit bekam, ihren Namen recht oft zu nennen. Schlummernd streckte ich meine hände nach ihr aus, und fuhr auf, wenn ein Wagen kam, weil ich mir vorstellte, sie würde mich liebevoll überraschen wollen. In jedem Gesicht suchte ich Nachricht von ihr, und zürnte wie ein Kind, wenn ich mich getäuscht fand. Sehnsuchtsvoll war mein Auge unablässig auf die Tür gerichtet, wo ein Brief hereingebracht werden konnte. Endlich sagte meine Frau: es wäre gleich zu Anfange meiner Krankheit einer von ihr angekommen. Es war der eiskalte, dessen ich schon erwähnt habe. Wie unbefriedigend für so heisse Erwartung! wie kalt und unkindlich sie über meinen Zustand spricht! wie gezirkelt und geziert! – Voll Widerwillen warf ich den Brief auf die Seite, nahm ihn hundertmal wieder vor, und suchte endlich im Umschlage, ob ich da nicht noch ein tröstlicher Wort fände. Mir entfuhren Klagen darüber in Gegenwart meiner Frau, so behutsam ich sonst auch darin gewesen war. "Es ist noch ein anderer Brief da," sagte sie unbesonnen herausfahrend; "den soll ich Dir aber erst geben, wenn Du völlig genesen sein wirst." Von Julchen? rief ich, hastig gegen sie hinfahrend. "Ihre Hand ist es nicht," sagte sie; "Du musst Dich aber gedulden, denn es steht ausdrücklich auf dem Umschlage, dass Du den Inhalt nicht eher wissen darfst, bis Du völlig wieder hergestellt bist." Der Brief war auch wirklich in einen Umschlag an Fritz, und entielt diese Weisung. Nun stellen Sie sich leicht vor, dass ich nicht eher Ruhe hatte, bis ich den traurigen Brief halb erbettelt und halb erscholten hatte. Ich erkannte sogleich Karolinens Hand. Mein Herz klopfte als wollte es aus seiner Höhle, und meine hände zitterten so, dass ich das Siegel kaum erbrechen konnte. Hier ist er, seiner ganzen Länge nach:
"Bester Onkel! Sie werden hoffentlich weder den Entschluss, von dem ich Ihnen jetzt Nachricht geben will, noch die Empfindungen, die ihn veranlassten, überspannt finden, wenn ich Ihnen eine treue Darstellung meiner, oder besser, unsrer Lage werde vorgelegt haben. Da Sie selbst mich sonst schon die B e s o n n e n e -zu nennen pflegten, so werden Sie es jetzt meinen reifern