wenn ich eine bessere Erziehung gehabt hätte? – Nie, nie wärst du mein Weib geworden, wärest du gewesen, was man aus Julchen machen wird. – Du erschreckst mich; was werden sie denn aus ihr machen? – Eine Närrinn, die weder für die Stadt, noch für das Land, wo sie mit ihrer sanften Einfalt hingehört, mehr taugt; – und du wirst es zu verantworten haben. Mein armes Weib weinte bitter; so stark hatte ich noch nicht geredet, und der alte Narr, Grüntal, liess sich durch diese Tränen weich machen, gab wieder nach, ward aufs neue mit Vorstellungen bestürmt, überstimmt, und – Gott weiss wie? unwillkührlich fortgerissen, so, dass ich endlich wie ein müdegejagter Hirsch kraftloss mich zum Ziel legte.
Den bittern Unmut meines Herzens zu zerstreuen, eilte ich zu unserm Pfarrer; er war noch ein junger Mann, aber ganz nach meinem Herzen, – deutsch und bieder, ohne jene anstössige Roheit, wodurch unsre jungen Schriftsteller und manche Teaterdichter, den ehrlichen Deutschen zu bezeichnen denken. Er war mir gut, und darum klagt' ich ihm mein Leid. Und muss es denn nun eben eine f r a n z ö s i s c h e Kostschule sein? sagte er freundlich; muss es Berlin und ein fremdes Haus sein, das ihrer liebenswürdigen Tochter Bildung vollenden soll, so gibt es ja deutsche Erziehungsanstalten jeglicher Art, worin alles, und mehr noch als in den französischen gelehrt wird. Sehen sie hier die öffentlichen Ankündigungen; sie haben die Wahl. Wollen sie, so schreibe ich an einen Freund, auf den ich mich verlassen kann.
Ich willigte ein, und betrieb nun ebenfalls meine Sache im stillen, bis die Antworten gekommen und wieder geschrieben, und wieder gekommen waren; dann erst offenbarte ich den neuen weisen Plan meiner Frau, die dies und das daran zu erinnern hatte, unter andern, dass ihre ganze Freude mit dem Französischen nun vorbei sei, dass Julchen es künftig dem albernen schnipschen fräulein gleich tun könne; nun würde doch wieder nur etwas ganz gewöhnlich Bürgerliches herauskommen. Ich unterdrückte die Antwort, die mir schon auf den Lippen schwebte, und wollte mich meines Sieges über die französische Jugendbildnerinn nicht zu sehr überheben.
Von nun an wurden die Anstalten zu Julchens Abreise eifrig betrieben. Bei jedem Stück, dass mit auf Reisen ging, ward die G n ä d i g e zu Rate gezogen, nach deren Angabe die Sonntagskleider in Hauskleider verwandelt wurden. Die rechten Siegs- und Triumphröcke sollten in Berlin, von feinem Modezeug nach neuesten Schnitt gemacht werden; dagegen konnte ich vernünftiger Weise nichts einwenden, denn es ist Pedanterie gegen Mode und Geschlechtsgebrauch zu feld zu ziehen, sobald beides nur nicht die Sittlichkeit, den Vermögenszustand und den Rang, den die person in der Gesellschaft hat, überschreitet. Auch weiss ich dass man dem geist der Zeit etwas nachsehen muss. Die siechen versessenen fräulein rümpften die Nasen, dass Julchen zu einer Deutschen ins Haus sollte: doch würde auch diese eine horrible Arbeit haben, Julchen zu degourdiren; ein Ausdruck, dessen sich wahrscheinlich die Französinn bediente, als sie diese im grund nicht üblen Mädchen entpommerte.
Ich sah dem Unwesen still wehmütig zu. Der erste Julius, der zur Abreise bestimmte Tag, rückte immer näher, und unsre kleinen, sonst so frohen Mahlzeiten, wurden immer düstrer und früher abgebrochen. Sah Julchen meine mühsam zurückgehaltnen Tränen, so sank sie auf meine hände, und zerfloss in Traurigkeit. "Mein lieber, lieber Vater, wie soll ich ohne sie leben! Was kann mir einen solchen Vater ersetzen! Ich werde es nicht ertragen!" – rief sie dann von Schluchzen unterbrochen aus. "Behalte Gott im Herzen, mein ewig teures Kind, und sein Segen begleitet dich überall!"
Doch ich eile zu dem letzten traurigen Abend vor ihrer Abreise. Tröstend war mir die Bemerkung, dass sie den Tag nicht in kindischer Unbehaglichkeit, sondern vernünftig gerührt zubrachte. Wie mein Herz unter der Last seines Grames arbeitete, und meiner Frau erkünstelte Standhaftigkeit wie Wachs zusammen schmolz, werden Sie sich leicht vorstellen. Indess die Mutter noch mancherlei im haus besorgte, ging ich mit Julchen aufs Feld. Eine Zeitlang schlenderten wir schweigend neben einander; sie sah mit auffallender Rührung alle sie umgebenden Gegenstände an, um sie gleichsam ihrem Andenken auf ewig einzuprägen. Ihre Tränen flossen nun unverhalten, ich aber hütete mich, diesen heilsamen Strom überfliessenden Gefühls zu hemmen. So erreichten wir grade die Anhöhe, von der wir Julchen als Kranzträgerinn am Erndtefest hatten ankommen sehen. Eben sank die Sonne hinter den gegenüberliegenden Wald. Gott! wenn, ach! wenn wird mir die Sonne h i e r wieder untergehen! schluchzte sie, indem sie sich kindlich an mich schmiegte. liebes Kind, – erwiderte ich, indem ich sie zärtlich an mein bekümmertes Herz drückte, – liebes Kind, die Trennung soll nur kurz sein, du hast sie zwar selbst gewollt, arme Tochter, ich weiss es; ich hoffe du wirst dich bald aus der erstickenden Stadtluft hinwegsehnen. Denke dir indess lebendig Gottes Auge über dir, und deines Vaters Herz bei dir. Morgen um diese Zeit bist du dortin, schon weit, weit von uns weg. Dann gedenke, wenn die Sonne untergeht, deines betrübten Vaters, dessen Sonne nun vielleicht auf immer untergegangen sein wird. – O wolle doch das Gott nicht, mein teurer ehrwürdiger Vater! Was kann ich