1784_Unger_099_59.txt

wie die Sonne zog ich alles an mich. Die übrigen sassen da wie abgelebte Jungfern, Verzweiflung in Haltung und Miene. Sie hätten mich jammern können, die armen Geschöpfe, wären sie nicht auch zu ihrer Zeit, wenn sie, ihrer Meinung nach. Geringere vor sich haben, unverschämt und arrogant.

Als eine Pause, ich weiss nicht wodurch? eintrat, sprang ich auf; mit dem Wesen, das Du kennst, riss ich mir einen aus dem Kreise meiner Bewunderer heraus, und kreiselte mit ihm im raschen Walzer, bis die Wände um mich her tanzten, und das Bewusstsein mir verging. Ich stürzte ohnmächtig hin, und erholte mich erst, als ein gewaltiger Blutsturz mir Luft machte. Es war ein grausenvoller Augenblick, Julchen, grässlich! grässlich! Tod und Verzweiflung schwebte vor mir, kalter Schweiss floss von der Stirn; die Augen dunkel; Gesaus und Geläut' vor den Ohren; in der Seele Schrecken des Todes. – – Ach Julchen, das kecke, das mutwillige Herz war ganz gebrochen! Fürchterlich, sich an's Grab hingetanzt zu haben! hier alles zurückzulassen, und nichts zu besitzen, was man dortin mitnähme! O Julchen, Julchen, ich muss es aus dem Sinne haben, oder ich winsele wieder wie heute' früh! Doch dringt der Wunsch sich mir wider meinen Willen auf: wär' ich doch, was ich bei Dir wegspöttelte! liebes Julchen, Sie waren ein frommes, gutes Mädchen, als Sie zuerst zu uns kamen; Sie könnten es noch sein, wenn Sie bei den Ihrigen geblieben wären. Ich habe leider! nie Eltern gekannt; sie übergaben mich von der Geburt an fremden gedungenen Händen, durch welche meine beiden ersten Lebensjahre verwahrloset wurden. Damals herrschte unter dem Adel mehr als jetzt die unselige französische Sitte, die Kinder ausser dem haus säugen zu lassen. Ich hatte meine Mutter kaum kennen gelernt, als sie mich wieder von sich stiess, und mich einer französischen Pension übergab. Man bemerkte bald, dass Unreinlichkeit und Hunger meiner physischen Ausbildung hinderlich wären, und nahm eine Französin in's Haus. Sie war ein hübsches, leichtsinniges Mädchen; meine Mutter glaubte Ursache zur Eifersucht zu haben, und hiess sie wandern. Ich blieb dann eine Zeitlang den Domestiken überlassen, spielte mit den Knaben, die zu meinem Bruder kamen, und gab früh genug gelegenheit zu Bemerkungen, welche den Vorsatz, mich in strengere Zucht zu geben, beschleunigten. Ach Julchen, zum erstenmale in meinem Leben dünkt mich, ich sollte besser sein; die Leere in Kopf und Herzen ist fürchterlich! Wenn man nun so da liegt, und sich auf sich selbst verlassen soll! Ach, mein Julchen, komme ich wieder auf, und ich habe mich mit meinen Gemahl ausgesöhnt, – denn das habe ich dem Himmel angelobt, – so will ich gewiss selbst Mutter sein, wenn ich Kinder habe! Da kommt der Arzt; ihn darf ich nicht sehen lassen dass ich schreibe." Der Prediger des Orts fügte diesem ununvollendeten Briefe folgendes Blatt bei:

"Frau von L.. ist durch einen abermaligen heftigen Blutsturz ausser Stand gesetzt worden, Ihnen, meine werte Demoiselle, den Brief, von ihr selbst beendigt, zu überschicken. Sie hat es mir aufgetragen. Ich soll Sie zugleich ersuchen, ihr in ihrem wahrhaft trostlosen Zustande beizustehen. Ich trete dieser Bitte von ganzem Herzen bei. Ein unvorsichtiger Dienstfertiger hat ihr die Nachricht hinterbracht, dass sich ihr Bruder in H.. erschossen habe, als er der Obrigkeit in die hände fiel, weil er einen beleidigten Ehemann, dessen Frau er verführt, im Duell getödtet hatte, und sich vor Schulden nicht mehr zu retten wusste. – Seit dieser Nachricht, hat der Arzt alle Hoffnung zum Aufkommen der gnädigen Frau aufgegeben. Gott erbarme sich der armen Dame! Sie ringt nach Trost, den ich ihr vergebens darreiche. Wie könnte sie sich auch die frohen Hoffnungen einer Religion zueignen, die sie ihr ganzes Leben hindurch verlacht hat? Ihre Seele ist für kein frommes Gefühl empfänglich. Bei der sichtbaren Auflösung ihrer Kräfte schaudert sie trostlos in martervoller Ungewissheit zurück. Sie betet, und ängstigt sich dann, dass sie mit den Worten, die ich ihr vorsage, keinen Sinn verbinden kann. Nie, nie habe ich einem traurigeren Krankenlager beigewohnt. Mein Herz blutet in mir. Herr, geh' nicht ins Gericht mit ihr! Wer wird bestehn, wenn Du willst Sünde zurechnen? –

Vor einer Stunde rief sie mich an ihr Bette. Sie lag mit gefalteten Händen. Ich musste mich zu ihr hinabneigen, denn ihre stimme ist schwach und gebrochen. Lieber, guter Mann, – sagte sie, – ich glaube Ihnen, ich habe es sonst schon gehört, dass die Religion kein leeres Wortgepränge ist. Dass ein Gott sei, glaubte ich immer; aber ich dachte ungern an ihn, und wenn es flüchtig geschah, so war es unter seltsamen verworrnen Begriffen. Ach, ich glaubte, es sei noch Zeit genug an ihn zu denken, wenn ich aufhörte jung zu sein, wenn die Welt mich verliesse! Jetzt, jetzt, lieber Mann, denke ich an Gott; aber seine Schrecken haben meine Seele ergriffen! Er wird mich verstossen! Sagen Sie, sagen Sie, – rief sie fast brüllend, – wird er? Ich sagte ihr, was ich unter solchen Umständen für das Schicklichste hielt. Mein Herz war durch ihren dringenden Ton,