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Köpfen mag sie eine innere Kraft sein, die ein wohltätiges Licht auf dem Lebenswege verbreitet; aber bei mittelmässigen und Weiberköpfen ist sie nur Behelf, sich den nähern Pflichten einer positiven Religion zu entziehen.' – Sagen Sie selbst, Mariane, kann ein junger munterer Mann, wie Karl, mit einer solchen Andächtlerin, einer so ernstaften person, glücklich sein? –

Meine Brüder melden mir, dass mein Vater krank ist. Gern wäre ich bei ihm; aber die ewigen Vorwürfe schrecken mich ab. Er mag wohl sagen: es ist alles eitel; er hat von allem gekostet. Und doch würde ich mich über seine Strenge wegsezzen, wenn meine Stiefmutter sich artiger gegen mich betrüge. Unmöglich kann ich ihr den ersten Besuch geben. Ich bin kein Kind mehr, und es ist wohl an ihr, mich aufzusuchen.

Mir fällt zuweilen ein, Sie könnten wohl krank sein, und dann schaudre ich vor Schreck zusammen. Ich wäre untröstlich; auf den Flügeln der heissesten Liebe würde ich zu meiner innigstgeliebten Mariane eilen! Reissen Sie mich doch je eher je lieber aus der Angst, u.s.w."

hören Sie wohl, lieben Freunde, wie Julchen sich über ihren todtkranken Vater ausdrückt? Wie sie die Abneigung gegen seine Warnungen und gegen ihre Pflicht mit einem kindisch-preciösen Wesen entschuldigt? wie sie ihr Herz geflissentlich gegen ihn verhärtet? wie warm hingegen, und mit welcher Herzlichkeit sie über Marianens mutmassliche Krankheit spricht? Ein eigner karakteristischer Zug unsrer Zeit, die nahe liegenden Pflichten mit Füssen zu treten, und sich entferntere selbst zu schaffen, bei deren Erfüllung der Eitelkeit geschmeichelt wird; seine Freunde in Europa zu verstossen, um in Amerika zum Wohl der Menschheit mitzuwirken. – Freilich muss man an diese heissen Freundschaften nicht immer glauben; die aufgenommene Kraftsprache drückt sich oft etwas zu genialisch aus. Einige Dichter wollten es so, und die prosaische Welt findet sich im Nachlallen schön und schmuck. Aber es tut doch weh! – Auf der einen Seite ein todtkranker, so herzlicher, liebevoller Vater; auf der andern eine neugeknüpfte Bekanntschaft. Und welche Bekanntschaft? Guter Gott, ich dachte, ich hätte es vergessen! –

Grüntal seufzte tief, und liess seinen Kopf schwermütig in seine Hand sinken. – Nach einer Weile sagte er matt: hier ist Marianens Antwort. "Ja, Juliette, ich bin krank, und zwar sehr ernstlich. Dieser Zustand ist mir äusserst neu. Mich wundert, dass Sie es nicht wissen; ich habe doch einen Arzt aus der Stadt holen lassen. Freilich, für die Stadt bin ich längst tot; sie ist eine leichtsinnige, undankbare Freundin, im Wohlstande lächelt sie ihrem Anbeter zu, und bei Schmerz und Krankheit zieht sie sich zurück.

Das Schreiben fällt mir sehr schwer, auch hat der Arzt es mir verboten; aber es wäre schon ein herber Vorschmack des Todes, wenn ich mich nicht mehr mit der einzigen Freundin, gegen die ich mein Herz darf reden lassen, unterhalten sollte. Julchen, liebstes Julchen, Krankheit ist ein sehr nachdrücklicher Lehrer! Ich habe diesen so oft wiederholten Gemeinspruch nie recht verstanden; jetzt wird er mir in seiner ganzen fürchterlichen Bedeutung erklärt. Julchen, wenn ich dürfte, wenn es mich grade nicht zu schlecht kleidete, ich würde' Ihnen sagen: lassen Sie sich durch mein Beispiel warnen. Ach, ich achte der Lehre zu spät!

Dieser ernste Ton, der für diesmal nicht Persiflage ist, muss Sie erschrecken. – Ach Julchen, in dieser Stunde, in der sich mein ganzer trostleerer Zustand fürchterlich deutlich mir vor die Seele drängt, kann ich nicht mehr I c h sein. Wenn in einzelnen Minuten die Phantasie mir ihre bunten Bilder einer hellen Zukunft vorzaubert, dann spott' ich des Grabes, und versetze mich aufs neue in jene frohen Szenen, welchen ich meine Gesundheit aufopferte. Meine Lage ist sonderbar schwankend. Nachmittag um 4 Uhr.

Was ich diesen Vormittag geschrieben habe, ist alles närrisches, melancholisches Zeug! Ich war so engbrüstig, und hutte viel Blut ausgeworfen, da wähnt ich mich schon an der schwarzen Pforte des Todes. Noch dazu war ich drei Tage hindurch ganz allein gewesen, und hatte niemanden gesehen, als den alten Pfarrer, der wohl glauben muss, es gehe mit mir zu Ende. Jetzt habe ich lieben Besuch aus der Nachbarschaft gehabt. – Ich liess mir einen Spiegel geben. Gott behüte, wie sehe' ich blass und verfallen aus! Ist das die Schönheit, die uns so viel Wert geben soll? – Schick' mir geschwind ein Bonnet, eins, das verdeckt, ohne zu vergrässlichen. Hörst Du? Mit den Coeffüren will es nicht recht fort.

Nun wirst Du allerdings auch wissen wollen, was es mit mir gegeben hat, und wie ich in einen so ungewohnten Zustand geraten bin. Hör' an, und merke Dir's. Das Maskenkleid hast Du gesehen, und wirst also erraten haben, dass es in meiner Nachbarschaft einen Ball geben sollte. Du hast keine idee, welchen trefflichen Effekt meine Figur in dieser Kleidung machte. Ich gefiel mir, und gewiss auch andern. Es war ungemein viel Gesellschaft da. Ich nahm mir vor, ohne Rückhalt zu wirken, alle die Landschönen weit hinter mir zu lassen, und es gelang mir auch über Erwartung. Du kennst mich wenn ich einmal an's Tanzen komme. Sie mussten mir alle weichen, und vergingen vor Neid; denn