ausser Fassung, dass ich mich auf der Stelle entschloss, meine Tochter aus der Stadt zu holen, und sie bei meinen Schwiegereltern unterzubringen, weil meine Frau sie durchaus nicht um sich haben wollte. Die Anstalten zu meiner Abreise betrieb ich mit grossem Eifer, ob ich mich gleich sehr krank fühlte, und Fieber und Krampf durch meine Nerven wühlten. Meine Frau widerriet mir die Reise, sie sah mit Schrecken, wie bleich und schwankend ich umherging; aber ich dachte es durchzusetzen. Als ich den Wagen bestieg, fiel ich in Ohnmacht, und als ich wieder daraus erwachte, rasete ich, und kannte keinen der Umstehenden. Die Krankheit nahm bald überhand, und dauerte bei zwei verschiedenen Rückfällen gegen vier Monate. Meine Söhne warteten und pflegten mich. Fritz, der ehrliche Tischler, wollte seine Schwester holen; wenn man aber das Mädchen nur nannte, wurde mein Zustand so heftig, dass es keiner wagte, mich sie sehen zu lassen. Gleich zu Anfange meiner Krankheit hatte sie folgenden Brief an Marianen geschrieben:
"Sie antworten mir nicht, beste Mariane! Was ist das? – Haben Sie mich vergessen, so muss ich Sie wohl an Ihre Juliette erinnern, und Ihnen einiges von ihrer gegenwärtigen Lage mitteilen.
Den verdriesslichen Freier habe ich geschwinder abfertigen müssen, als ich wollte. Darüber ist mir mein Vater entsetzlich hart begegnet, so dass ich, wenn ich die Eingebungen der Stiefmutter dazu nehme, glauben muss, er hasst mich. Diese Vorstellung hat für mein Herz eine wirklich versteinernde Kraft. Indess würde ich mir doch in einem andern Falle Gewalt angetan haben, mich seinem Willen aufzuopfern; aber hier? – Lieber mag er mein Leben fordern, als diesen Beweis meines Gehorsams. Mein Herz ist in Ansehung dieses Mannes statt und kalt; er ist nicht der, der meine ganze Seele füllen kann. Seine Begriffe vom Einklange der Herzen und inniger Seelensympatie schmecken nach Teologie. Anwerben, und hinterdrein gleich heiraten! – Das ist ordentlich fürchterlich. Obendrein ist er so jämmerlich bescheiden, dass er blutrot werden konnte, wenn ihn von ungefähr auch nur mein Handschuh berührte. – Unserm Geschlecht kann diese strenge Sittsamkeit zuweilen zur Verschönerung dienen; aber einem mann steht sie, in meinen Augen, gar nicht an, und setzt ihn herab. Nicht wahr, Liebe?
Ich wüsste wohl einen, den mein Herz mit innigster Liebe umfassen könnte, der meine ganze Seele füllen würde, hielten nicht unselige Bande – – 'Wie grausam das Geschick Seelen trennt, die es doch für einander geschaffen hat!' sagte F a l k gestern bei einer gewissen Veranlassung. – Der Schöpfer sollte nicht hart und ungütig sein, wenn er anders sich überhaupt um uns bekümmert. – Karoline ist eine fromme, andächtige Seele; gleich fährt ihr Herz ängstlich zurück, wenn sie Religionsspott ahnet: was sie nämlich so dafür hält. Falk ist nun einmal ein loser lieber Mann. Er zog sie letztin mit ihrem frommen Eifer auf, und war so witzig, dass ich wider Willen mitlachte. Da machte die Frau ein jämmerliches Gesicht über das andre, und rief mit einer an ihr ungewöhnlichen Stärke: 'Auch d i e s e Gattung von Leichtsinn schon aufgenommen! O Julchen, möchte doch Gott Ihr Herz in seine Hand nehmen! Sie sind auf bösem, bösem Wege; Sie arme!' – Ich kann nicht leugnen, dass mir ihr andringender Ton auffiel, und ich ihr, vielleicht etwas trotzig, zur Antwort gab: Das, Cousine, überlassen Sie nur getrost meinem eignen Gewissen; denn vermutlich werde ich für mich selbst Rechenschaft geben müssen. Ich schämte mich ein wenig, als sie mir darauf die Hand freundlich mit den Worten darreichte: 'Nicht böse, liebes Mädchen; ich hatte nichts Arges im Sinn.' Das hat die gute Seele freilich niemals; aber dem ungeachtet stehen wir seit der Zeit auf einem feierlichen fuss mit einander, und, was mir sehr lästig ist, sie sieht mich zuweilen mit Tränen im Auge an. Dann zieht sich mein Herz wider Willen ängstlich zusammen, und es jammert mich die arme Frau. Das muss doch Hypochondrie sein! Denken Sie nur, Mariane, des Morgens betet sie, oder ist doch zu andächtigen Betrachtungen eine halbe Stunde für sich. Um dies zu können, steht sie von allen im haus am frühesten auf. Nach Tische läuft sie wieder in ihr Kabinet, und bleibt einige Minuten still für sich. Anfangs, als ich noch vertrauter mit ihr war, fragte ich sie: was sie nach Tische immer allein täte? Sie gestand, dass sie sich einige Minuten sammle, und Gott um Mut und Kraft zur Erfüllung auch der schwersten Pflichten, zu welchen sie etwa aufgefordert werden könnte, bäte. Wird Ihnen Ihre Bitte gewährt? fragt' ich. 'Die Vorstellung, dass der Urheber meines Daseins um mich weiss, dass ich ihm mein Anliegen vortragen kann, gibt mir ein Bewusstsein, das mir zum grossen Segen wird. Ich weiss nicht, wie mein schwaches weibliches Herz manchen Kummer tragen würde, wenn mich der Gedanke an einen allsehenden Wohltäter meiner armen Menschennatur nich stärkte.' – Sie riet mir, mein Herz dem Gedanken an Gott ja nicht entfremden zu lassen. 'Die Religion, zu der wir uns bekennen, – fuhr sie fort, – ist ein fester Pfeiler, da hingegen die Philosophie, wie unsre Modedamen sie treiben, nur ein Spazierstöckchen ist. Bei guten, weit umfassenden