beschuldigte ihn der Fühllosigkeit. Dann konnte ich ihn auch wieder meine Hochachtung nicht versagen, dass er sich nicht wegwarf, nicht den verliebten Seufzer machte, und sich einen zweiten Korb holte; aber auf das Mädchen fiel mein ganzer Unwillen. Wohl ihr, dass ich sie nicht bei mir hatte! – Ich wollte sie mir holen, wollte sie mit Gewalt ihrem verführerischen Umgange entreissen, und sie durch anhaltende Tätigkeit zahm machen, möchte sie auch dabei zu grund gehen! In meinem Unwillen wünschte ich sogar, dass ihr, sie zur Närrin machendes, Gesicht durch irgend einen Unfall entstellt werden möchte. Unglücklicher Weise liess ich gegen meine Frau etwas von Zuhausenehmung der Tochter fliegen; das zog mir ein anderes Ungewitter über den Hals, und ich, dessen Gefühl man schon so mürbe gemacht hatte, war endlich noch froh, dass nur alles beim alten blieb, und meine Frau wieder besänftigt wurde.
Die junge Dame in der Stadt bekam einen derben Verweis; denn den musste sie wenigstens haben, da sie mir einen Plan vereitelte, auf den die Freuden meiner alten Tage berechnet waren. Nun hielt sie's für nötig, ihr törichtes Benehmen in dieser Sache, allentalben wo sie hinkam, zu beschönigen, und in Teegesellschaften rechtfertigen zu lassen. Hin und wieder fanden sich vernünftige Frauen, welche wenigstens die Art ihres Benehmens tadelswert fanden; aber die Mädchen, selbst die jüngsten Gelbschnabel, hatten insgesammt Ursachen zur Verteidigung ihres Mitgänschens anzuführen. "Er soll immer nach Taback aus dem mund riechen," sagte eine. "Er hat ihr im Leben noch nicht die Hand geküsst!" eine andere. "Ich weiss es aus zuverlässigen Nachrichten, dass sie neulich in einer Gesellschaft ihr Strickknäuel fallen liess, wo er dabei sass, und sie sich selbst darnach bücken musste," erzählte eine dritte. "Sie tanzt gern und gut, das müsste sie als Predigerfrau auch aufgeben," lispelte eine vierte hinzu. Madame Brennfeld war der unmassgeblichen Meinung: das Mädchen habe ganz recht; E i c h e sei ein trübseliger Teologe, der über und über nach alter Ortodoxie rieche. Julchen habe doch nun schon hellere Begriffe bekommen, und könne daher mit ihm auf keine zufriedene Ehe rechnen.
Der armen Karoline widerfuhr die Kränkung, dass der Tadel den das Mädchen verdiente, zum teil mit auf sie fiel; denn ihre Gutmütigkeit duldete keine nachteilige Urteile über Julchen, so sehr sie selbst mit ihrem Betragen unzufrieden war, und so viel achtung sie für E i c h e n hatte. Die Welt glaubte in ihr Julchens Ratgeberin und Vertraute zu sehen, und tadelte sie mit Bitterkeit; selbst diejenigen, die den Leichtsinn meiner Tochter witzig fanden. So parteiisch und inkonsequent urteilt meistens der grosse Haufen, dessen Meinung wir oft die Ruhe unsres Lebens aufopfern!
In der ersten Aufwallung war ich selbst unbillig genug, ihr Vorwürfe zu machen. Sie beantwortete sie sanft, und sagte: sie leide selbst viel dabei, und habe nun den Verdruss, dass E i c h e ihr Haus meide, um Julchen nicht zu sehen. Über Julchen schrieb sie mir: sie wage es kaum, etwas Entscheidendes über ihren charakter zu sagen; sie besorge aber in der Tat, dass sie nur durch herbe Prüfungen von der Bahn des Leichtsinnes und der Zerstreuung zurückgebracht werden könne. Doch Sie hören vielleicht lieber Karolinens eigene Worte; hier ist ihr Brief:
"Ich bin noch zu jung, und zu weich von natur, als dass ich mir ein zurechtweisendes Ansehn geben könnte, wenn ich vergebens bitte und rate. Julchen will ihre natürlichen und erworbenen Talente nicht gern in der Abgezogenheit vergraben. Mein Mann führt sie in Konzerte und andre öffentliche Lustbarkeiten, und sie knüpft Bekanntschaften mancher Art, bei welchen sie nur auf die stimme des Vergnügens horcht. Darunter sind einige junge Frauen, die sich schämen würden, wenn sie im Verdacht ehelicher Treue ständen, und, um sich recht fest in ihrem Rufe zu setzen, sich allentalben mit den Männern andrer Frauen zeigen. – Gegenwärtig ist Julchen dabei, eine Rolle zu einem Schauspiel auf einem Privatteater zu lernen. Ich habe es ihr auszureden gesucht, indem ich Ihre Missbilligung, lieber Onkel, ihr zu beherzigen gab. Sie sagte: es sei zu spät, zurückzutreten; ich möchte Ihnen nichts davon schreiben, künftig solle es nicht wieder gegeschehn. So ganz darf ich es ihr nicht verargen, wenn sie nicht so eingezogen wie ich zu leben wünscht; denn ich fühle mich nicht stark genug, mit dem grossen Strome zu schwimmen, und darf und will andern meinen Sinn nicht aufdringen. Indess wäre zu wünschen, dass Julchen ihre Gesellschaften wenigstens mit mehr Auswahl aufsuchte. Mein Mann ist, denke' ich, in der Tat d a r i n ein wenig wunderlich, und will sich nichts einreden lassen. Sonst war er gern zu haus, und wir verlebten manchen schönen Abend bei einem guten buch oder bei traulichen Gesprächen; jetzt hat er sich aber dadurch, dass Julchen Unterhaltung finden soll, so in Gesellschaften verwikkelt, dass ich ihn wenig mehr sehe, viel weniger zum Gespräch mit ihm komme. Wäre unsre Ehe nur mit einer einzigen süssen Hoffnung gesegnet, so würde diese das Band zwischen mir und meinem Karl fester knüpfen." – –
Was das gute Weib mir nur wie durch einen Nebel zeigte, verstand ich erst, da die unselige Entwicklung nicht mehr zu hintertreiben war; was ich aber davon fassen konnte, brachte mich so