einer biedern Gesinnung lag, welches eine Fertigkeit gewonnen hatte, all' sein Tun und Lassen an religiöse Gedanken zu knüpfen; ein Herz, das immer in Hinsicht auf seinen Schöpfer und allgegenwärtigen Wohltäter empfand und handelte, gerät nun mit einemmal unter Menschen, von welchen es ganz das Gegenteil hört; Menschen, die unter dem Schein und mit den Floskeln höherer Geistesbildung ihre dorfmässige Gewissenhaftigkeit lächerlich machen, ihr eine Seelenstärke vorspiegeln, die das Gute aus reiner Liebe zum Guten, ohne Hinsicht künftiger Belohnung wolle, ihre Eitelkeit erregen, und ihr von selbstständigem S e y n vorschwatzen. Und das möchte noch hingehn, wenn sich nicht eine überwiegende Sinnlichkeit, eine leidenschaft dazwischen gestellt hätte, welcher denn allerdings kein Begriff willkommner war, als der von selbstständiger Unabhängigkeit, der die altväterische Frömmigkeit im Wege stand, und die alles hinwegräumte, was ihren Ausbrüchen hinderlich sein konnte. Wie so einfach und ruhig wäre des Mädchens Leben im väterlichen haus dahin geflossen! Rein und voll Unschuld hätte ich sie der Liebe eines braven Mannes hingegeben, und meine gut erzogenen Enkel hätten meinen Grabhügel mit Rosen umpflanzt! Jetzt – – Grüntal verbarg sein Gesicht, und vermochte lange nicht, weiter zu sprechen. Seelmann und seine Frau waren gerührt, und wagten es nicht, seinen Schmerz zu unterbrechen. Nach langem Schweigen gewann endlich der unglückliche Vater so viel über sich, dass er seine Erzählung wieder fortsetzen konnte.
Julchen bildete sich wirklich ein, es sei Herabwürdigung ihrer Reize, wenn ein Mann wie E i c h e , dem blendendes Glück und volltönende Titel fehlten, der nicht in poetischen Phrasen sprach, sich einfallen liesse, sein Auge zu ihr zu erheben. In Gesellschaften war ihr mancher Unsinn vorgesagt worden, der ihrer Eitelkeit so wohl tat; und das Mädchen, welches bis ins funfzehnte Jahr die Ehrlichkeit selbst war, hatte eine Fertigkeit erlangt, ihre wahre Herzensmeinung hinter leere Worte zu verstecken, und in ihren Antworten so vielseitig zu sein, dass sie auf mehr als eine Art verstanden werden konnten. Eine solche erhielt auch E i c h e , und der ehrliche Mann war so wenig mit den Ränken kleiner weiblichen Seelen bekannt, dass er, was sie ihm sagte oder geschrieben hatte, ganz treuherzig für eine Einwilligung hielt, die sie, sittsam verschleiert, ihm zu verstehn gebe. Diesem zu Folge betrug er sich wie ein Liebhaber, der nun bald in die Rechte des Bräutigams treten wird. Sie hatte ihm ihr Stammbuch gegeben, – eine Mode, welche eben zu der Zeit Ton unter den jungen Mädchen war, – er gab es ihr bei dieser gelegenheit zurück, und, statt sich durch ein Reimlein ihren albernen Freunden zuzugesellen, hatte er ein schönes feurigzärtliches Gedicht hineingelegt. Das gefiel dem eitlen Dinge; denn von ihren hirnlosen Verehrern konnte sie dergleichen nicht erwarten. Sie dankte ihm sogar schriftlich, in Ausdrücken, die ihm, im gegenwärtigen Verhältnisse und bei seiner gänzlichen Unerfahrenheit in den krausbunten Mädchenlaunen, für Beweise ihrer Zuneigung galten.
Indess vertraute sie es grossen Kotterieen junger Mädchen, dass E i c h e ihr einen Heiratsantrag gemacht hätte, Falk erzählte es dem Departement bei welchem er angestellt war, und E i c h e n s Gedicht lief in Abschrift umher, ehe noch der redliche arglose Mann eine bestimmte Antwort erhalten hatte. Endlich bat er in den feinsten Ausdrücken um eine solche. Dies bewog Julchen, der Sache früher, als es ihr Wille war, ein Ende zu machen. Karoline bat sie aufs rührendste, nicht übereilt zu handeln; ich drang mit grösster Zärtlichkeit darauf, dass sie uns alle durch einen vernünftigen Entschluss glücklich machen möchte; aber vergebens! – Sie gab E i c h e n einen förmlichen Korb, versicherte, wie die Mädchen denn immer w o r t r e i c h sind, wenn sie einen dummen Streich beschönigen wollen, sie schätze ihn ungemein hoch, sie würde u n t r ö s t l i c h sein, wenn er aufhörte sie mit seiner Freundschaft zu beglücken; aber in ein näheres verhältnis mit ihm zu treten, sei ihr schlechterdings unmöglich. Warum? könne sie nicht sagen. – Wahrscheinlich weil sie es selbst nicht wusste. Mit diesem Gänsegeschnatter wurde einer der würdigsten Männer abgefertigt. Was die eitle Törin und ihr elender Ratgeber gehofft hatten, geschah nicht. Sie glaubten, er solle nun noch lange winseln, flehen, und so des übermütigen Geschöpfes Triumph recht vollständig machen; allein acht Tage nachher schrieb er mir mit einer Ruhe, die seiner würdig war: die liebliche Täuschung sei vorüber, – J u l c h e n liebe ihn nicht, – die so lange freundlich genährte Hoffnung sei dahin, – sein Herz fühle die Lücke, aber i h r Glück läge ihm mehr als sein eigenes auf der Seele; doch besorge er, sie sei nicht auf dem rechten Wege, es dauerhaft zu gründen. Jetzt wäre es ihm Pflicht, das teure Bild aus seinen Herzen zu verwischen. Heiraten würde er nun vielleicht nie. Diesen Entschluss müsse er um so eher fassen, da er durch einen Todesfall in seiner Familie zu Pflichten der Mitteilung aufgefordert würde. Er bat mich, ihn mit meiner Freundschaft zu trösten und zu unterstützen, wenn ich je Rückfälle einer unglücklichen Neigung bei ihm bemerken sollte, u.s.w.
Jede Zeile dieses Briefes grub sich in mein blutendes Herz wie mit Dolchstichen. Ich ärgerte mich, dass er die Sache so gleich aufgab, und