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, die Frau wäre mich gern los. Ich habe schon bemerkt, dass sie still wird, wenn der Consin viel und freundlich mit mir spricht. Neulich sang ich mit ihm das göttliche Duett: S e l m a r , i c h l i e b e D i c h , etc.; von der Gewalt der Worte und der Musik ergriffen, verhallte unser Gesang, und lösete sich in ein leises Lispeln auf; seine Wange ruhete an meiner Wange, wir weinten die wonnigsten Tränen, und ohne dass wir es selbst wussten, hatte sich seine Hand um meinen Leib geschlungen. In diesem Moment der wunderbarsten Trunkenheit war unbemerkt Karoline hereingekommen. Falk sprang betroffen vom stuhl auf, und ich sah, glaube' ich, entsetzlich einfältig vor mir auf die Noten hin. – Wie Du einen erschreckst! sagte Falk, Du schleichst so leise. Er küsste ihr dabei flüchtig die Hand. Allerdings hätte er etwas klügeres sagen können; aber woher Geistesgegenwart nehmen, wenn man wie vom Traum erwacht? Ich bin gar nicht hereingeschlichen, sagte sie mit bebender stimme, und sah leichenblass aus; dann fiel sie ihm mit einer konvulsivischen Bewegung um den Hals, und entfernte sich schnell. Karl und ich blieben stumm und verwirrt zurück, und standen, wie Adam und Eva nach dem Sündenfalle mögen da gestanden haben. Endlich erholte sich Karl, und sagte zu mir, ich möchte seiner Frau doch nachgehen; sie sei so grillenhaft, dass sie sich wohl gar einbilden könne, uns liege daran, allein zu sein. Ich tat es. Sie hatte die Tür ihres Kabinets hinter sich verriegelt; aber durch den Vorhang der Glastür, den der Zugwind verschoben hatte, sah ich dass sie vor einen Stuhl knieete, und betend die hände rang. – Ihr gutmütiges Auge schwamm in Tränen. Dieser Anblick durchschauerte mein ganzes Wesen. Ich wünschte mich tausend Meilen weit entfernt; mein Herz zerfloss in Mitleid. Weinend eilte ich in mein Zimmer. Schrecklich war mir nachher der Augenblick unsrer Wiederzusammenkunft; ich bebte wie eine arme Sünderin, hatte den ganzen Abend hindurch nicht das Herz, die Augen aufzuschlagen, und so brachten wir alle drei einen höchst peinlichen Abend zu. Karoline bemühte sich, heiter zu scheinen; es gelang ihr aber schlecht: denn es brachen oft mitten in ihrem gespräche Tränen aus ihren Augen. Nun scheute ich nichts so sehr, als mich allein mit ihr zu befinden; und doch war es unvermeidlich. Am folgenden Morgen, als Karl ausgegangen war, und wir mit unsrer Näharbeit neben einandersassen, sah ich ihr es an, dass etwas in ihr arbeitete, was sie gern los sein wollte, wozu sie aber den Anfang nicht finden konnte. Endlich brach es mit einen Tränenstrom los. Sie weinte lange an meinem Busen, ehe sie ein vernehmliches Wort vorzubringen im stand war. Cousine, – schluchzte sie endlich hervor, – ich wollte Sie nicht kränken; aber ich bin ein armes schwaches Weib, ich kann es nicht zurückhalten! – – Ich wollte in der ersten Verwirrung mich befremdet stellen. – Julchen, liebes Julchen, fuhr sie fort, Sie verstehn mich ganz sicher. Ich gestehe, es ist unverzeihliche Schwachheit; und billig hätte ich es Ihnen längst schon sagen sollen, dass ich einen Hang zur Eifersucht habe. – Sie sind so schön, mein Kind, wirklich, so ungemein schön, und ich habe nur meine Liebe und Treue dagegen aufzuweisen. Wenn Ihnen meine Ruhe nicht ganz gleichgültig ist, so vermeiden Sie doch meinen Mann, so oft er allein ist. – Auftritte wie der gestrigeGott weiss, wie weit ich entfernt bin Ihnen Vorwürfe zu machen, denn die Schuld muss wohl in mir selbst liegen; – aber solche Auftritte müssen unsre allerseitige Ruhe untergraben.

Ich verstummte, und wusste nichts dagegen zu sagen, nahm mir aber heilig vor, Karln in Zukunft aus dem Wege zu gehen. Karoline jammerte mich sehr, denn ich fühlte, dass Karl mich ihr vorziehn muss; als aber der erste lebendige Eindruck dieser Unterredung allmählich schwächer wurde, konnte ich's wieder nicht über mich gewinnen, ihm wehe zu tun. Soll er denn gestraft werden, wenn sein Herz unwillkührlichen Eindrücken, die zu nichts Bösem führen, nachgiebt? Schon einigemal hat er mich recht wehmütig gefragt: was er mir zu Leide getan hätte? Wenn er wüsste, dass seine Frau an meiner Zurückhaltung Schuld sei, würde er es sie schon fühlen lassen. – Diese Lage der Sachen ist äusserst marternd. Sagen Sie mir, Mariane, was ich tun soll."

Es ist beinahe unglaublich, dass mein armes Mädchen so schnell jede Stufe moralischer Verwilderung erreicht haben konnte. Bei einer erwachsenen und vollendeten person würde es indess mehr Ursache zum Erstaunen geben, als bei einer jungen empfänglichen Seele, deren Erwartungen besonders waren erregt worden, die in einer ihr unbekannten Zone vom Glanze des Neuen und Ungewohnten geblendet wurde. Und wäre dies alles nicht, so konnten Weichlichkeit und Müssiggang ohnmöglich ihres Zwecks verfehlen; denn dem, an wahre Tätigkeit gewöhnten, Mädchen mussten die kleinen Spielereien der Mode gar nicht als Arbeit vorkommen, wie sie das auch zu Anfang selbst geäussert hatte. Daneben der Umgang mit schon verderbten Gespielen; das Lesen so manches wollustatmenden buches; und mehr als dies alles, die, alle Moral und religiöse Grundsätze zerstörenden, Mitteilungen ihrer freigeisterischen Lehrerin und ihres Vetters. Man denke sich ein zartes Gemüt, in dem der Keim