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Weib, dass Julchen in ihren Mann viel Vertrauen zu setzen schiene. "Er hätte" – schrieb sie – "sich alle Mühe gegeben, sie aufzuheitern, und ihr den Aufentalt in ihrem haus angenehm zu machen; es wäre ihm auch so ziemlich gelungen, und sie wäre gegen ihn weniger kalt und zurückhaltend." Die gute Seele setzte ein unbegränztes Vertrauen in alle die, denen sie gut war, und es hielt schwer, sie von den Fehlern solcher Personen zu überzeugen. Ihren Karl vergötterte sie beinahe, und ich hätte es keinem raten wollen, auch nur den Schatten eines Fehlers an ihm zu entdekken. Sie hatte einen weit richtigern Verstand und bessres Urteilsvermögen als er; aber ihre Bescheidenheit ging so weit, dass sie sich ohne Widerrede seinen Aussprüchen unterwarf. Bei dieser Stimmung hatte sie auch natürlich nichts dagegen, dass F a l k es sich angelegen sein liess, der jungen Hausgenossin die Zeit zu vertreiben. Er führte sie beinahe täglich ins Schauspiel; denn wo auch nur eine Geige gestrichen wurde, da war er abonnirt. Er veranstaltete Lustbarkeiten, und führte Julchen in Gesellschaften ein, die keinen andern Zweck des Lebens, keine andre Bestimmung kennen, als das Vergnügen, es sei von welcher Gattung es wolle. Durch Falk wurde die Gedankenlose mit allen Gesellschaftsspielen bekannt, und so, nicht aus Geldgeiz sondern aus Eitelkeit, eine leidenschaftliche Spielerin, die keinen Tag ohne Karten hinbringen konnte. Blieben sie einmal zu haus, so lasen sie mit einander Gedichte, Romane und manches andere, was die Seele zur Üppigkeit hinneigt. Zur Abwechslung musicirten sie, sangen zärtliche Duetten, und die Lücken füllte eine Piketpartie. Dadurch gewöhnte sich das Mädchen, ihre redliche Freundin von all' ihren Planen auszuschliessen, und sie für entbehrlich zu halten. Der Mann der Freundin war ihr zum angenehmen Lebensgenuss ja ganz allein notwendig.

Karoline konnte unmöglich mit dieser Einrichtung

zufrieden sein. Sie äusserte ihre Missbilligung auf die sanfteste Art, stellte ihrem mann vor, dass er der jungen person vollends alle ernstafte und ihrer Bestimmung entsprechende Tätigkeit verleide, und durch die unaufhörlichen Zerstreuungen E i c h e n s A b s i c h t e n a u f J u l c h e n Hindernisse in den Weg legte. Zuweilen wurde sie auch wohl böse, wenn Falk ihr im scheinbar scherzhaften Tone antwortete: was der Pedant mit dem hübschen Mädchen solle? die sei für ihn zu gut. Es fiel der ehrlichen Seele, der Karoline, wohl zu spät auf, dass es für eine Frau immer eine missliche Lage ist, wenn der Mann stündlich gelegenheit hat, neben ihr ein schönes Mädchen zu sehen, – ihre bloss häusliche Nettigkeit mit der raffinirten Zierlichkeit zu vergleichen, in der das junge Äffchen täglich erscheint, weil es kein wichtigeres Geschäft kennt, als auf neuen Putz zu sinnen. Karoline setzte ein unbeschränktes Vertrauen in ihren Mann, das er keinesweges verdiente, und mir, bei einer übrigens so einsichtsvollen Frau, unbegreiflich ist. Mir gefiel der Mensch nicht; mein Gefühl war gegen ihn, ob ich gleich aus Gründen nichts gegen ihn einwenden konnte. Er war nach dem allgemeinen Begriff eine schöne Mannsperson von vollem, gesunden Wuchs, und stach gegen seine galanten Mitbrüder wenigstens so ab, wie der Vollmond gegen das letzte Viertel. – Denn lieber Seelmann, sähen Sie die armen Knochenmännerchen, wie matt und kraftlos die meisten von ihnen umherschleichen, es würde Ihnen weniger auffallen, wenn uns die Zeitungen verkündigen, dieses oder jenes nützliche Staatsmitglied sei noch vor dem vierzigsten Jahre an Entkräftung gestorben. – Sie wissen, wie viel Gelächter dies in den Provinzen erregt, wo noch deutsche Kraft wohnt.

Ehe ich J u l c h e n s Brief anführe, der die Spuren trauriger Selbstvergessenheit immer deutlicher an sich trägt, muss ich ein Wort von E i c h e n sagen, um die törigte Blindheit des irregeführten Mädchens in ein noch helleres Licht zu setzen.

Weil jedem Mädchen die Aussenseite das wichtigste ist, so will ich bei dieser anfangen. Als der Rechtschaffene um Julchen warb, war er zwei und dreissig Jahr alt. Seine Grösse übertraf etwas die gewöhnliche Mannslänge; sein Wuchs war schlank und zierlich; er trug seinen wohlgebildeten Körper wie ein feiner Weltmann, doch ohne in gesuchte Manieren zu fallen. Sein Gesicht war regelmässig, sein Auge schön und seelenvoll. Bei ruhiger affektloser Stimmung war heitrer Ernst darin ausgedrückt; lächelte er, so war's das Lächeln der Vernunft und eines wohlwollenden Herzens; zuweilen mischten sich Strahlen des feinsten Witzes ein, der aber nie in beissende, verwundende Laune ausartete. Nur seine Herzensfreunde kannten diese Seite an ihm. Er besass mehr als einseitige Gelehrsamkeit; allein in Gesellschaften vermied er den wissenschaftlichen, und noch mehr den lehrenden Ton. Gegen Frauenzimmer war er zurückhaltend und bis zur Ängstlichkeit behutsam. Ich gestehe dass dies wenig zur Annehmlichkeit des geselligen Vergnügens beitrug; da es aber aus seiner Gewissenhaftigkeit entsprang, so wage ich nicht, es zu tadeln. Sein Herz war bis zur Weichheit empfindlich; aber nie sprach er von Gefühl, noch weniger prunkte er mit dem, was ihm ganz von natur dem bessern Menschen angeeignet dünkte. Sie mit seinem vollen moralischen Wert bekannt zu machen, wäre zu weitläuftig. Nur noch dies, lieber Seelmann: er war einer Ihrer würdigsten Amtsbrüder, und seiner ihn liebenden Gemeinde, was mein lieber Seelmann der seinigen ist.

So gut und edel war der Mann, den meine arme unbesonnene