war in meinem Herzen so lebendig, so feurig; er war mein zweites inneres Leben. Nun bin ich mir a l l e i n nicht mehr zum Leben genug! Wohl Ihnen, Mariane, dass Sie so leichtes Blut haben, und so frohen Herzens sind! Ich irre unstät umher, und suche ängstlich etwas, das die Gefühle der Vergangenheit in meiner Seele erneuen soll. Es wäre mir alles willkommen, wenn nur diese Stille, diese Öde nicht wäre. Einmal bin ich bei Madame Brennfeld gewesen, aber auch dort befriedigt mich nichts mehr. Ich bin aus dem liebenswürdigen Kranze hinweggepflückt, und habe aufgehört dort einheimisch zu sein; ach! in dem haus, das mir so lieb wie das väterliche, ja noch lieber geworden war!"
Dies sind die merkwürdigsten Stellen ihres Briefes, die den unlustigen widrigen Zustand der Leere am deutlichsten bezeichnen, welcher auf die Erschütterung aller heftigen Leidenschaften zu folgen pflegt. Das übrige entielt einige gelinde Vorwürfe über die Art, wie Mariane sie lehrte ihren Verlust zu ertragen. Mir meldete sie in ganz allgemeinen Ausdrücken, dass sie zu ihrer Cousine hingezogen und sehr gütig aufgenommen wäre, sich aber noch immer nicht an ihren jetzigen Aufentalt gewöhnen könne. – Zuletzt empfahl sie sich unbekannter Weise ihrer Frau Stiefmutter, und verblieb meine gehorsame Tochter.
Ich hoffte indess alles von Karolinens verstand und trefflichem Herzen, auch von Eichens naher Bewerbung um Julchen. Ich dachte: wenn er ihrer Zuneigung gewiss ist, soll in andertalb Jahren die Hochzeit sein. Gern hätte ich die Heirat früher vollzogen gesehen; ich konnte es aber nicht über mein Herz bringen, einem mann, den ich ehrte und liebte, ein Mädchen, das vielleicht noch unter dem Einflusse einer unwürdigen leidenschaft stand, zur Gattin und Mutter seiner Kinder zu geben. Überhaupt trug ich als ein ehrlicher Mann Bedenken, diese Heirat unter solchen Umständen befördern zu helfen; aber dann mahnte mich der Vater, die Tochter je eher je lieber der Gefahr zu entreissen. Karoline, der ich's zur heiligsten Pflicht gemacht hatte, mir stets ganz offenherzig Nachrichten von meiner Tochter zu geben, schrieb mir: sie müsse gestehn, dass es schwer sei, Julchens Herzen, bei ihrer geflissentlichen Zurückhaltung, beizukommen. Ehedem habe es wohl geschienen, als ob sie E i c h e n mit vorzüglicher achtung begegne; jetzt aber betrage sie sich sehr sonderbar gegen ihn, nehme ihn auf einen gewissen leichten Fuss, und beantworte seine zärtliche Aufmerksamkeit mit einer lustigen, nicht achtenden Art, die den trefflichen Mann, wie sie gewiss wüsste, in der Seele kränkte. Der gute Eiche selbst bestätigte Karolinens Nachricht, obgleich in den schonendsten, zärtlichsten Ausdrücken. Er beklagte sich sehr rührend, dass er ihr Vertrauen nicht gewinnen könne, und gedachte des Abends, dessen Julchen gegen Marianen erwähnt, wo sie ihm bei der Rückkehr vom dorf einen anscheinenden Beweis von Zuneigung gegeben hätte. Sein Herz habe aus diesem Augenblicke, dem ersten, in welchem er gewagt seine herzliche Neigung sprechen zu lassen, die süsseste Beruhigung geschöpft; jetzt meide sie ihn augenscheinlich, und es tue ihm weh, dass sie seine unverkennbare Zärtlichkeit mit leichtsinnigem Scherze, und in einem Tone, den er nicht zu verdienen glaube, erwiedre. Ich dachte: das Mädchen ist albern. Die jungen Dinger bilden sich zuweilen ein, es kleide ihnen gut, wenn sie einen rechtschaffnen Mann quälen, und dadurch, dass sie ihre Liebhaber bei der Nase herumziehen, ihrer kleinen person eine besondre Bedeutsamkeit geben. Möchten doch Erzieherinnen, die bei der Bildung ihrer Zöglinge ihre Zuflucht zu Romanen nehmen, ihnen den charakter des fräulein B i r o n zu beherzigen geben, damit sie sähen, welcher redlichen Offenheit sich dieser weibliche Engel befliss! Aber der G r a n d i s o n wird jetzt verlacht, weil ihn niemand mehr kennt; einer betet dem andern mechanisch nach, und spottet eines Werkes, das ihm kaum durch Hörensagen bekannt ward. – Grandison wird verspottet, weil einige Narren ihn missverstanden und missbrauchten. Die hohen Urbilder haben des Kontrastes wegen, den sie so grell bemerkbar machen, alle einerlei Schicksal; das Ehrwürdigste in der Wirklichkeit, wie das Idealische in der Dichtung. – Die Kunstrichter mögen Recht haben, wenn sie als solche sich gegen die Darstellung unerreichbarer Ideale der Tugend erklären; aber dem Menschenfreunde, der die Tugend gern so allgemein und so gross geehrt und geübt sähe als möglich, müssen sie ehrwürdig sein. Jene wollen Künstler bilden, dieser Menschen zur Tugend und Glückseligkeit führen; und – glauben Sie mir – die Menschen bleiben immer unter dem Vorbilde, dem sie nachstreben, und ahmen an dem ehrwürdigen oft nur die Schwächen nach, die doch ausser der Verbindung mit solchen Vorzügen nicht zu dulden wären. – Halten Sie mir doch diese gelegentliche Herzensergiessung zu gute, ich bin bereit, wieder einzulenken.
Ich antwortete E i c h e n : er müsse sich nicht abschrecken lassen, und – was ich mir heute noch nicht verzeihn kann – das Mädchen sei ihm gut, ich wisse es. Diese Versicherung vom Vater gab ihm Mut, seine Bewerbung um sie ernstlicher zu betreiben. Indess wurde das Mädchen durch den Beifall, den ihre Schönheit in allen Gesellschaften erhielt, noch eitler und aufgeblasener, und begegnete ihrem würdigen Verehrer bald mit jugendlichem Übermute, bald mit kalter Sprödigkeit. Dies schrieb mir von Zeit zu Zeit Karoline, gegen welche sie eine fortwährende Zurückhaltung beobachtete; indess freute sich das gute arglose