In der Tat, ich glaubte Du wüsstest das alles. Du hast sie auf den Pickenik gesehen, von welchen Dein Vater Dich heimholte. So auch sein Rachelchen, von der vermutlich die rabenschwarze Locke ist, die, – ich muss wahrhaftig lachen, ich kann mir nicht helfen – drollig genug, grade in Deine hände geraten musste. Ich rate Dir, nimm es heute' zu Tage mit den Männern so genau nicht. Wir lassen sie machen, und Du weisst, eine Höflichkeit ist der andern wert. Einmal, mein Schatz, musste das Ding doch ein Ende nehmen. Bedenke selbst, was sollte, was konnte daraus werden? Du bist zwar ein sehr schönes Mädchen; aber ich brauche Dir nicht erst zu sagen, was makelloser Adel sagen will. Ich muss zwar selbst gestehn, dass der Louis ein arger Libertin ist; aber er bleibt dabei doch immer ein Edelmann, aus einem der ältesten Häuser, die sich nie mit Bürgerblut vermengt haben. Rein haben wir's erhalten, rein wollen wir's unsern Nachkommen übergeben. Sprechen die Leute über Dich? – Lass sie; sie können doch nicht sagen Du habest Dich gemein gemacht; es war doch immer ein Mann von stand. Und dann so lass Dir zum Trost sagen: in Berlin geniessen Mädchen und Weiber immer erst eines gewissen Respekts, wenn sie ein paar aufsehen erregende Abenteuer bestanden haben. Es ist wahrhaftig eine ordentliche Demütigung, wenn gar nicht von einem gesprochen wird. Du kannst die Wahrheit meiner Behauptung darin bestätigt finden, dass der Graf von *** Dir Anträge macht. Was wüsste der von Julchen aus Lindenau, hätte mein Bruder Dich nicht en vogue gebracht? übrigens sterben wirst und musst Du nicht. O weh, wie viele Leichen würde es geben, wenn man von fehlgeschlagenen Liebeleien stürbe! – Übel disponirt hat mich indess das Geschichtchen doch. schreibe mir bald, ob der Graf Dich getröstet hat. Adieu, armes Mädchen, leidende Schöne! Wie interessant Du sein wirst! Geh', ich beneide Dich! bin aber doch Deine Freundin
M a r i a n e ."
Nach diesem Vorfalle blieb meine Tochter noch ungefähr acht Tage in der Pension, und zog dann, unter tausend Tränen und krank an Leib und Seele, zu meiner Verwandtin. Karoline hatte ein Herz, das ganz zum Trost des ihrigen geschaffen zu sein schien. Sie hatte zu Julchens Aufnahme alles mit der zärtlichsten Freundschaft und Aufmerksamkeit veranstaltet. Obgleich Julchen ihre sorgsame Liebe nicht mit der Offenherzigkeit lohnte, welche eine so rechtschaffene Freundin verdiente: so behandelte diese doch das herzkranke Mädchen mit aller der Schonung und Feinheit, welche ihr jetziger Gemütszustand erforderlich machte; denn sie erriet nur zu gut die Ursache der tiefen Schwermut, welche ihre Cousine mit zu ihr brachte, obgleich Julchen alles auf die lange, zur anhänglichkeit gewordene, Gewöhnung an das Haus der Erzieherin schob. Ihrer Empfindlichkeit zu schonen, verhütete Karoline sogar, dass sie in den ersten vierzehn Tagen E i c h e n zu sehen bekam. Sie war unablässig geschäftig, Zeitvertreibe und Zerstreuungen für sie zu erfinden, suchte sie nebenher in häusliche arbeiten zu ziehen, und bei ihr den Geschmack an den Geschäften des häuslichen Lebens wieder zu wecken. Sie gab, wider ihre Gewohnheit, Besuche, veranstaltete kleine Lustbarkeiten und Fahrten aufs Land, und liess sich durch die kalte, beinahe unfreundliche Art, mit der das Mädchen ihre Liebe aufnahm, im geringsten nicht abschrecken, in ihrem edlen Eifer fortzufahren. Sie erreichte aber ihre Absicht so wenig, dass das undankbare Mädchen vielmehr, verdriesslich darüber, folgendes an Marianen schrieb:
"Wenn ich's den Leuten nur sagen dürfte, wie sehr mich ihre Zudringlichkeit wartert! Es liegt ein recht peinigendes Gefühl darin, dass ich ihre Freundschaft nicht erwiedern kann. Sie stellen meinetwegen allerlei sogenannte Lustbarkeiten an; aber, o wie steif und seelenleer! Mein Herz wird sich nie an den ungeheuren Abstand zwischen d i e s e n Gesellschaften und jenen muntern, ungezwungenen gewöhnen können, deren Seele eine Mariane war, und ein – ach, dass er so liebenswürdig sein musste! – Da kommen denn die förmlichen deutschen Degenknöpfe, mit ihren Frau Gemahlinnen am Arm, und unterhalten die Damen mit Politik oder den Ereignissen bei der letzten l'Hombrepartie. Noch nie befand ich mich in einer so unangenehmen Lage. Es ist mir alles verdriesslich; es ekelt mich alles an; es kostet mir Überwindung, den Leuten auch nur höflich zu begegnen. Und wenn ich zuweilen ein einsames Stündchen erhasche, so kommt die dienstfertige Karoline, und zeigt mir die Herrlichkeiten, welche sie in ihrem Hauswesen vornimmt, oder verlangt gar ich soll ihr helfen. In der Tat, eine interessante Partie! Ich möchte vergehen. Ihre Wirtlichkeit ist mir zuwider, ihr Hauswesen geht mich nichts an. Was will denn die Frau? Wäre sie doch lieber mürrisch; ihre immerwährende Heiterkeit ist mir ein wahres Hauskreuz. Die träge, stumpfe Seele!
Es sollte mir sehr leid tun, meine Beste, wenn Sie meine Unbehaglichkeit einem Rückfalle von Liebe zuschrieben. Ich verachte sein Andenken; aber er füllte meine Seele so ganz, er war mir e i n langer zusammenhängender Gedanke, e i n Begriff, auf den ich alles bezog. Und nun plötzlich so schmerzhaft abgerissen! Es ist als hätte ich aufgehört zu leben; ein Stillstand aller meiner Kräfte, eine entsetzliche Lücke, eine düstere Todtenstille herrscht in meiner Seele! Sein Bild