e b e , die so oft aus Affen Menschen, und Menschen zu Affen macht. – Dieses hätte aber eben so gut im dorf als in der Stadt eintreten können. Setzen Sie indess einmal den Fall, dass ein Mädchen, welches die allerersten Eindrücke ausserhalb dem elterlichen haus erhalten, und beinahe schon mit der Milch die Maximen der sogenannten verfeinerten Lebensart eingesogen hat; das man, ehe seine Begriffe sich noch entwickelten, seine wahren Empfindungen unter einen Schwall ungefühlter Komplimente verstecken lehrte, und welches dann in eine solche, halb oder ganz französische Schulanstalt kam: und zeigen Sie mir unter hundert, so erzogenen Mädchen nur eines, ja n u r e i n e s , das eine gute Gattin und Mutter geworden wäre, so will ich sagen: geben Sie Ihre Tochter hin, vielleicht tut Gott ein Wunder, und bewahrt ihr Herz vor Eitelkeit. Denken Sie sich nur, dass die armen jungen Geschöpfe sich nie unterstehen dürfen, nach ihrem eigenen Gefühl zu sprechen; dass die Aufseherinnen nie einen eigenen Gedanken bei dem kind aufkommen lassen; dass die Gouvernante, wenn man ihren Zögling um etwas fragt, sogleich ins Wort fällt, ihren eigenen Witz anbringt, und ein Kompliment herleiert, welches das arme kleine Ding oft mit weinerlicher stimme nachbetet. – Müssen dadurch nicht falsche Menschen gebildet werden? und ging nicht auf diesem Wege die belobte deutsche Treuherzigkeit verloren? –
Aber wo gerate ich hin! Doch Wahrheit steht immer am rechten Orte; und weil ich einmal dabei bin, Seitensprünge zu machen, so erlauben Sie mir, noch einen Missbrauch zu rügen, der – mit erlaubnis, Frau Pastorin, – ihrem ganzen Geschlechte als Erbübel eigen ist: ich meine die Schwachheit, einen ausgezeichneten Wert auf körperliche Vorzüge zu legen. In einem gesunden leib k a n n eine gesunde Seele wohnen. Sie tut's nicht überall und jederzeit, aber der Satz ist richtig; und daher ist alle Pflege, die auf Gesundheit des Körpers abzweckt, höchst vernünftig. Die weibliche Aufsicht geht indess gemeinhin n u r auf S c h ö n h e i t aus, und das ist nicht recht. Schon in meinem Knabenalter fiel mir's besonders auf, dass die lieben Weiberchen, sobald dies oder jenes Frauenzimmer genannt wurde, gleich mit der Frage d'rüber herfielen: "I s t s i e h ü b s c h ? I s t s i e g u t g e w a c h s e n ?" Ich habe nachher in allen Frauengesellschaften die nämliche Bemerkung zu machen gelegenheit gehabt. Nie wird gefragt: ist sie sittsam? ist sie häuslich? hat sie weibliche Geschicklichkeiten? etc. – Ihr glaubt's nicht, liebe Weiberchen, welchen Eindruck das auf Eure Töchter von früher Jugend an macht. natürlich denken sie: S c h ö n h e i t , und alles, was diese geltend macht, sei des höchsten Bestrebens wert; um so mehr, wenn sie bemerken, dass gute liebe Mädchen, welche die natur nicht begünstigte, oft sogar von ihren Eltern zurückgesetzt werden. Die Schönheit ist ein dankenswertes Geschenk der natur, doch aber nicht das erste und vorzüglichste; wozu sie freilich dann erhoben wird, wenn die Menschen zu roh sind, moralischen Wert zu fühlen. – "Der Amtmann ist ein Schwätzer," rief die Pastorin lachend, "die Schönheit wird doch ihren Wert behalten!" – Ganz gewiss, liebe Nachbarin, (entgegnete Grüntal) i h r e n W e r t h , aber nicht d e n P r e i s ; und damit sei es für heute genug. Ich hatte in langer Zeit nur drei oder vier Briefe von Julchen bekommen. Es war mir nicht möglich, ihr keine Vorwürfe deshalb zu machen, wobei mir Anspielungen auf den wahren Zustand ihres Herzens entfallen sein mochten. Sie beantwortete dies in einem beleidigten Tone, der mich das sanfte, folgsame Mädchen gar nicht wieder erkennen liess. Dabei entschuldigte sie sich mit mancherlei Abhaltungen; sie verfertige z.B. allerlei kleine Andenken für ihre Hausgenossen, u.s.w., kurz, der Vater musste gegen diese zurückstehen. Indess hatte sie folgenden Brief von ihrer leichtsinnigen Freundin erhalten:
"Dein Brief, liebe Juliette, hat mich ungemein amüsirt. Hab' ich's Dir nicht schon lange gesagt: der Pfaffe hat ein Auge auf Dich? Um alles in der Welt, mein Schatz, werde' mir keine Priesterfrau! Hörst Du? werde's ja nicht! Das sind die Unausstehlichsten aller Unausstehlichen! – Du schickst Dich nicht dazu; denn Du bist in allem Ernst demütig und bescheiden, verstehst Dich schlecht auf Geträtsche, und bist bei weitem nicht eitel und abgeschmackt genug, Dir auf fremdes Verdienst etwas zu gute zu tun. Ich habe einen wahren Gräuel an dem niedrigen Stolze dieser Gattung. Das erlaube ich Dir allenfalls, Deinen Spass mit dem frommen schüchternen Amanten zu haben. Wie erbärmlich! nicht einmal einen Handkuss bei seiner taubenartigen Schönen zu riskiren! Es versteht sich, dass Du mir nicht verschweigen musst, wie weit er sich mit seinem gottseligen Herzchen hervor wagt; ich will Dir dann schon sagen, wie Du Dich zu benehmen hast. Gönne Dir immerhin die Lust; denn mit meinem Bruder mag's so nicht so ganz richtig sein. Deine romanhafte anhänglichkeit fällt ohnedem – nimm mir's nicht übel, Kind, – ein