Die Stille war feierlich; nur eine Wachtel schlug von fern, und am Wege hier und da ein Heimchen. Mariane, öffnete Ihr Herz sich je dem Einflusse der lieblichen Abenddämmerung? – Mein Herz erlag unter der Herrlichkeit dieser Erscheinungen. Fromm und unheilig zugleich, betete ich. Ja, ich betete: 'Nur einen solchen Abend, o Gott, gieb mir am arme des Geliebten!' Ich versank in die Fülle meiner Empfindungen, dachte mir meinen schönen heitern Jüngling, wie auch er vielleicht jetzt in den Mond sieht, und sich seine Julie denkt. Kaum bemerkt' ich meine Gesellschaft noch. Auch E i c h e schien besonderen Vorstellungen nachzuhängen; das ist indess bei ihm nichts ungewöhnliches: aber ich schauerte zusammen, als er meine Hand fasste, und sie leise aber innigst drückte. – Der Mond schien ihm ins Gesicht, da sah ich eine Träne in seinem Auge zittern, und auch mir traten Tränen in die Augen. Er ergriff von neuem meine nicht widerstrebende Hand, und schien sie an sein Herz drükken zu wollen. lachen Sie nicht über mich, Mariane; ich vergass die Welt, dachte mir in einem süssen, täuschenden Moment den Geliebten, und erwiderte den Druck der Hand mit Wärme und Innigkeit. Nun fiel mein Irrtum mir aufs Herz, da mir der Mann mit unbeschreiblichem Ausdrucke ins Auge blickte. Ich zog meine Hand lebhaft zurück; und mochte wohl verstört ausgesehn haben, denn der Mann seufzte kläglich aus der Tiefe der Brust. Ich schwieg unmutig, wendete mich von ihm, und erwartete Karolinen, die etwas zurückgeblieben war. Die Unterhaltung ward wieder allgemeiner, und der Abend wurde noch ganz leidlich beschlossen.
Zu haus ward ich sehr unfreundlich empfangen; Madame Brennfeld sagte, das späte Ausbleiben schikke sich nicht (es war noch nicht zehn Uhr, so genau pflegt sie es sonst nicht zu nehmen). Ich antwortete nicht, und dachte: die kurze Zeit will ich still sein und dulden. Ich habe doch in ihrem haus manche Freude genossen: ihr habe ich Sie zu verdanken; Ihnen den Geliebten. Sie hat Gefühle, die verworren in mir lagen, entwickeln helfen; sie hat mir Schätze des herrlichsten Geistesgenusses geöffnet, die ich in dem einförmigen Kreise der häuslichen Geschäfte und des trocknen Umganges mit meinen Verwandten nie kennen gelernt hätte. Wie hätte ich auf dem land von dieser feinen Geistesbildung etwas ahnen können? – Sie haben ja meinen Vater gesehen. Ich unterstehe mich nicht, ihn zu tadeln; aber was ist er doch, bei all' seiner Rechtschaffenheit, für ein r ü d e r Mann! – Nie ist's mir so einleuchtend gewesen, als da ich ihn zuletzt sah. Gott, wie unempfänglich jedem sanftern Eindruck! Ich war halb ohnmächtig, wenn er in so wenig gewählten Ausdrücken alle Einrichtungen unseres Instituts tadelte, und sie W i n d u n d z w e c k l o s e Z e i t v e r s c h l e u d e r u n g nannte. In seinen Augen geht nun einmal nichts über eine gute Wirtin und Kindermutter. – Lieber Gott! ich denke das ist alles recht gut und schön zu seiner Zeit; aber da wäre unserm Geschlechte ein recht elendes los zu teil geworden, wenn es bloss dem mann Essen und Wäsche besorgen sollte, und sich mit den Kindern zu quälen hätte. Gott weiss, wie mir, in der Rücksicht, vor dem Aufentalte bei Falk's graut! Ich werde das vis-à-vis zweier Eheleute sein, welche sich die interessanten Ereignisse ihrer häuslichen Einrichtung mitteilen: um wieviel Zeit die Köchin vom Markte gekommen ist? und ob die bunte oder die schwarze Henne legt? Karoline ist ein braves Weib, aber für eine so junge Frau ungemein ernstaft; und wenn sie lieset, sind es ernste Bücher, die ein Kirchenrat lesen könnte, und die sie wie ein Magister beurteilt. Künftig werde ich dabei sitzen, und wehmütig in die frohe Zeit zurückblicken, die ich in dem bunten Kreise junger munterer Leute in stets abwechselnder Unterhaltung verlebte; in die Wonnezeit, da ich täglich einen süssen Beweis der Zärtlichkeit von dem Geliebtesten unter allen Menschen an meine Lippen drückte, u.s.w."
Wie gefällt Ihnen nun das Mädchen, lieber Seelmann, das sonst keinen bessern Mann kannte, als ihren nur zu schwachen, zärtlichen Vater, den sie nun einen rüden Menschen schilt, weil er sich einer sie verderbenden Neigung entgegensetzte? Ist's Ihnen jetzt anschaulich, Frau Nachbarin, dass der Pensionenwind die Köpfe schwindeln macht? Sie haben es gesehen, mein Mädchen war brav und gut, als ich sie der verwünschten Residenzbildung übergab; ich war selbst schwachköpfig genug, dem grund zu trauen. der durch ihre erste Erziehung in ihr gelegt war. Julchen war kein kleines Kind mehr, als ich sie in die Windmühle brachte, die Landmädchen in Stadtdamen metamorphosiren soll; auch hat sie sich etwas länger gehalten als manche andere, und doch zuweilen durch einen flüchtigen Rückblick vor dem gänzlichen Verflattern bewahrt. Die erste gute Erziehung hielt die Wage noch eine Zeit herunter, bis die unselige Bekanntschaft mit dem Kornet, und verführerische, Sinnlichkeit erregende Bücher ihr einen so mächtigen Stoss gaben, dass sie gewaltsam in die Höhe schnellte. Die Bemerkung wird Ihnen, meine Freunde, nicht entgangen sein, wie geschwind des Mädchens Styl sich gebildet hatte. Das tat nun wahrscheinlich die L i