! Meine Nanette ist noch das einzige menschliche Wesen, das mich versteht; sie hat Welt, ist in Wien, Leipzig, und Gott weiss wo? herum gewesen; aber mein Friseur, Monsieur Leopold, ist auch in alle Welt gegangen, und hat den witzigen Einfall gehabt, meine Uhr und goldne Dose mitzunehmen. – Mag er, der luftige Franzose! Dergleichen Leute sind schwatzhaft, und sagen vielerlei, wenn ihnen zugesetzt wird.
Was fange ich nun an, mein Schatz? Setzt mir Herr von L.. ein gutes Jahrgeld aus, so ist meine Absicht erreicht. Ich habe an meinen gewesenen Bräutigam geschrieben, und ihm a l l e s v e r g e b e n ; (kannst Du mir nicht sagen, Julchen, was er getan hat)? Ich habe ihn ersucht herzukommen; vielleicht kommt er. Lieber tot, als so ohne Unterhaltung! – Ich nehme zehnmal ein Buch in die Hand, ich werfe mich zehnmal an den Flügel hin, aber das sind gar leidige Tröster. Die Tage kriechen wie Jahre. Von Louis sehe' und hör' ich nichts; sein Urlaub ist zu Ende. Lebe wohl, gutes Kind! Ist Dir wohl, so heirate in Deinem Leben nicht. schreibe' mir fleissig; ich verschlinge was mir aus der Stadt zukommt. A dieu, cher coeur.
Mariane.
N. S. Schick' mir doch die hochgepriesene Heloise. Bis jetzt habe ich mich nie an ein Buch gewagt, das mehr als fingerdick war. Schick' mir auch von den neuesten Hüten. Und Du, Kind, hüte Dich vor den andächtigen Rückfällen; Du ververbitterst Dir Dein Leben. Nenne mich doch Du. Schönheit adelt und macht alles gleich, sagt ein alter Franzose. A dieu, à dieu, die Langeweile macht mich zur Briefstellerin. Je t'embrasse de tout mon coeur."
Julchen fand das Benehmen ihrer Freundin gegen ihren Mann höchst witzig und lose. In allen Gesellschaften, sagte sie, würde davon, als von einer bonne plaisanterie gesprochen. Madame Brennfeld gedenke nie ohne lachen des Auftritts in der Brautkammer. Mariane sei schon immer ein loser Schelm gewesen. Von Louis, schrieb sie ihr, sei noch keine Nachricht da. Der Urlaub sei seit drei Wochen verflossen. Es sei schon vom Regimente an den Grossonkel, wo er sich aufhalten solle, geschrieben. Da wäre er gar nicht gewesen. Sie habe auch nun, vor Unruhe und Besorgniss, gar keine bleibende Stelle mehr; sie wanke rastlos umher. In vierzehn Tagen ziehe sie zur Cousine. Es wäre ihr als ob sie in den Tod sollte; im grund sei ihr aber nirgends wohl. Was die andächtigen Rückfälle beträfe, so habe Mariane nicht unrecht. "Ich martere mich damit ab," – schrieb sie, – "und kann mich doch, wenn mir's auch das Leben kostete, den Begriffen meiner ersten Erziehung nicht wieder anpassen. Erinnerungen, ja dieser werde ich mich wohl lebenslang nicht ganz entschlagen können; Szenen aus dem frühen Jugendleben bleiben für's ganze Leben teure Andenken. Vorige Woche fuhr ich mit Falk's auf das Land; E i c h e war in der Gesellschaft. Das Dorf war freundlich und gut, wie mein Geburtsort. Wie frisch lebten da alle meine ersten Jugendgefühle in mir auf! wie gern hätte ich mich so meines Lebens wie damals erfreut! aber Gott weiss es, was für ein banges drükkendes Gefühl sich den helleren Vorstellungen entgegensetzte. Die lieblichste Erinnerung lösete sich in Seufzer auf. Ein Hügel, von dem man eine weite Aussicht hat, erinnerte mich besonders an die Stelle, auf der ich den letzten Abend vor meiner Abreise mit meinem Vater stand. Er segnete mich der gute Vater, und ich weinte an seinem Herzen. Wie so gar anders ist es nun! Karolinens sanftes, gefälliges Wesen erinnerte mich an die zärtlichste der Mütter. Ich würde mich in Vorstellungen der Art ganz verloren haben, hätte nicht Falk, welcher der angenehmste Mann von der Welt ist, den muntern Ton unter uns zu erhalten gesucht. Ich glaube, sein guter Humor wird viel zu meiner Zufriedenheit in seinem haus beitragen. E i c h e ist ein sehr rechtschaffner Mann, und ich glaube er ist auch schön, wenn man k e i n e n a n d e r n kennt. Er ist aber so sehr zurückhaltend, dass ich nie ein Herz zu ihm fassen kann. Er hat sicher noch keinem Mädchen die Hand geküsst. – Mit Andern verglichen, kommt er mir entsetzlich steif und trübsinnig vor. Mich wundert, dass er hier nicht ein wenig mehr Welt annimmt. Auch unter seinem stand gibt es allerliebste lustige Männer. Freilich vergleiche ich alle mit einem mir teuren Ideal, und da verlieren selbst die besten. Das Kolorit der Liebe wohnt sonst nirgends in der natur, und die Kunst erreicht es vollends nicht. – Indess habe ich eine sonderbare Szene mit Eichen gehabt. Der Abend war so schön, die Lüfte weheten so lau, dass wir uns entschlossen, den Weg zurück zu gehen, und die Wagen nachfahren liessen. Der Mond schien auf einer düstern Tauwolke zu ruhen. Der ganze Himmel war mit falben krausen Wölkchen überstreut; zwischendurch flimmernde Sterne. Unser Weg führte uns längs einer Wiese, laue Abendlüfte weheten uns den Duft des frisch gemäheten Grases zu; an der andern Seite war ein lichtgrünes, sanftwallendes Kornfeld.