1784_Unger_099_44.txt

wenige Jahre, und die Rosenzeit ist dahin! Jahre, ach Gott! eine Krankheit, ein bleichender Kummer, und dahin ist sie! Mariane, schelten Sie nicht, wenn ich Ihre frohen Augenblicke trübe; ich werde mich bemühen, heiterer zu schreiben. Für diesmal meinen Gruss und Kuss."

Bald nachher schrieb sie wieder:

"Noch immer keine Sylbe von meiner neu vermählten Freundin! Haben Sie mich vergessen, Mariane? verdrängen interessantere, neuere Bekanntschaften die arme Julie? – Ihr Bruder ist auch noch nicht von seinem Urlaub zurück. Liebte er wie mein Herz ihn liebt, würde er dann so lange säumen? O, trösten, trösten Sie mich! Sie, seine Schwester, sein schönes Ebenbild! Sie, meine Mariane! – ich darf Sie doch noch mit diesem vertraulichen Namen nennen? – Ach, ich leide viel! Meine Lage in diesem haus wird immer unleidlicher; seitdem Madame den abschläglichen, unfreundlichen Brief von meinem Vater erhalten hat, lässt sie es mich entgelten. Ja, Mariane, nur Ihnen sag' ich's, sie hat mich mit den niedrigsten Namen geschimpft; – sie hat mich geschlagen, als ich mich sehr sanft wegen eines mir angedichteten Fehlers rechtfertigen wollte. Das Hausmädchen versichert mir, Madame sei eifersüchtig auf mich, weil der Vetter mir einige Artigkeiten gesagt hat. Fast sollte ich glauben, die D ö r t e habe recht. Er lobte die blendende Weisse meiner Haut, und nannte mich ein reines Maienblümchen. Bald nachher schimpfte die Madame auf meinen faden weissen Teint, und riet mir, die ungeheure Menge blonder Mähnen, wie sie mein Haar nannte, mir aus der Stirn zu schneiden; ich sähe einem Löwenpudel gleich, besonders mit meinen seelenlosen blauen Augen. – Dann lobte sie ihre Augen, Mariane, ihre pikante Physiognomie, und setzte hinzu: es sei ihr lieb, dass sie braune Augen habe, und kein schaales Blondinengesicht wäre. –

Auch fordert sie jetzt beinahe niedrige Dienstleistungen von mir, und gibt mir Tagaufgaben, die ich schlechterdings nicht bestehen kann. Mir einige Erleichterung zu verschaffen schenkte ich ihr das Tischgedeck, was mir meine liebe selige Mutter zuletzt schickte; aber wenn ich dergleichen Liebesproben nicht alle Tage geben kann, bin ich wenig gebessert. Unter dem Vorwande, mich in Wirtschaftsgeschäften zu üben, schafft sie eine Arbeiterin nach der andern ab, und lässt mich deren Stelle vertreten. In Gesellschaft demütigt sie mich damit, dass sie sagt: sie wolle sich nie wieder mit plumpen Landvolke abgeben; wenn man sich die undankbare Mühe gegeben hätte, ihre Kinder abzuhobeln, wären sie hinterdrein noch grob. Was der Amtmann für ein erzgemeiner Mensch sei, sähe man daraus, dass er seinen jüngsten Sohn bei einem Tischler in die Lehre gegeben hätte; sie schäme sich recht, wenn der Hobeljunker zu seiner Schwester käme. – Freilich sei der Junge wohl simpel, und tauge zu nichts Besserm; aber ihrem haus solle man nicht zumuten, solche Leute, die von allem Gefühl für feine Schicklichkeit entblösst seien, aufzunehmen. Ach, Mariane, wie mir zu Mut wurde, als diese person, die mich eine Stunde vorher mit niedrigen Schimpfnamen belegt hatte, von Gefühl für Schicklichkeit deklamirte!! – – Ach! ich sehne mich mit ganzer Seele aus dieser Hölle, in der man noch obendrein mit Hunger und Durst geplagt wird! Wohin ich aber möchte? weiss ich wahrlich nicht! – Sei's, wohin es wolle; nur wünschte ich, nicht in einer traurigen Entfernung von allem, was mir auf Erden teuer ist, schmachten zu müssen."

Endlich antwortete Mariane:

"Um des himmels willen, Liebe, quäle nicht auch mich noch mit Deinen trübseligen, schwärmerischen Grillen! Findest Du Dein Glück in dem andächtigen Gewinsel: gut, so winsele Du; aber mich verschone damit. Warum sollte man sich, wenn die Rosenzeit (wie Du sie nennst) da ist, und der Himmel schöne, gedeihliche Frühlingstage gibt, sie mit Vorstellungen und Besorgnissen von Herbst und Winterstürmen verderben? Bist Du unzufrieden mit Deinen Herzensbuben? Lass ihn laufen; e s g i e b t d e r T ö f f e l m e h r , d i e b e s s e r s i n d a l s e t Legt die insolente Schulmeisterin Dir ihre üble Laune in den Weg, so lache sie aus und wirf ihr Deine Geschenke vor. Dass sie eifersüchtig über Dein wunderschönes Lärvchen ist, habe ich längst bemerkt. Du hast so ein süsses Idyllengesichtchen, das besonders den jungen gefühlvollen Teologen zuzusagen pflegt und bei welchem sie in eine elegischpoetische Stimmung geraten; aber dergleichen verzeihen diese Sentenzenkrämerinnen nicht. Sie wird Dich mit ihren Orakelsprüchen bas plagen; doch hör' nicht d'rauf, sondern singe Dir eins, und kucke aus dem Fenster. Besser kann ich Dir nicht raten. Mir geht es auch nicht nach Wunsch, aber so bald lasse ich die Flügel nicht hängen. Doch eins muss ich Dir umständlich erzählen.

Als ich aus dem lustigen Stadtgewühl plötzlich in diese ländliche Einöde versetzt ward, wurde mir bei aller meiner Keckheit doch ein wenig bange um's Herz; denn was die Dichter auch über das Landleben so blumenreich phantasiren, mir ist ein Baum ein Baum, und die Strohhütte das traurigste Asyl auf Erden. Üble Laune ergriff mich wider meinen Willen, und der Herr von L.. wurde mir mit seiner bräutigamsmässigen Zudringlichkeit unsäglich zuwider.