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würde. – Das war nun gut genug; und ich hätte mich auch vielleicht beruhigt, wäre nicht am darauf folgenden Posttage ein Brief von Madame Brennfeld eingelaufen, worin sie mir vorschlug, ihr Julchen ganz zu überlassen. Dieses talentvolle Mädchen, hiess es, wolle sich gern dem Erziehungsfache widmen, und sich unter ihrer Anweisung dazu bilden. Ihr Glück würde dadurch für die Zukunft gegründet. Mamsell Juliette sei ungemein liebenswürdig geworden. Sie habe ihr nicht so viel Empfänglichkeit für die feinern Sitten zugetraut; auch habe sie sich die achtung aller ihrer adlichen Zöglinge erworben. Ich warf, höchst aufgebracht, den närrischen Brief auf die Seite, und nahm ihn nur wieder, um noch stärker dagegen zu streiten. Julchens Brief war ein blosses Nachbeten des einfältigen Zeuges; sie war aber doch nicht schlau genug, die Gründe gehörig zu bemänteln, um welcher willen sie den Vorschlag der chère madame so annehmlich fand. Ich setzte mich aber in der ersten Hitze hin, schlug beiden alles ab, und das in Ausdrükken, wie meine Missbilligung sie mir eingab; wobei ich mich gern jeder Gefahr aussetzte, was die beleidigte Philosophin mir dagegen für Ehrentitel würde geben wollen. Meiner Tochter antwortete ich mit ungewohnter Strenge, so dass sie mich gewiss einen grausamen Vater genannt haben wird. Ich schrieb ihr, sie sollte keine Stunde über das bestimmte Vierteljahr in dem verwünschten haus bleiben, das mir so viel Herzleid gemacht hätte. Hierauf hat sie ihrer Herzensfreundin folgenden Brief geschrieben:

"Was soll aus mir werden, Mariane? Mein Vater begegnet mir grausam; unsern Plan verwirft er gänzlich. Mit ganzer Seele würde ich mir den unangenehmen Beruf einer Unterhofmeisterin haben gefallen lassen, weil der Lohn so unaussprechlich süss gewesen sein würde. Wenn ich nun aber bei Falk's bin: ach, dann ist es beinahe ganz unmöglich, dass ich meinen Geliebten sprechen kann! Karoline ist so strenge, ihr werde ich mein Herz nie entdecken können; mir bleibt denn nur die Kirche übrig, und auch dahin wird die ehrliche Plagerin mit mir gehen. Ich hasse schon in Voraus alles, was mir im Wege steht. Zuweilen werde Ihnen, Mariane, darf ich es wohl gestehn, dass ich Gestern suchte ich etwas unter meinen Papieren, würde mein Tod sein, wenn Dein Vater mir mit Recht Vorwürfe machen könnte, dass ich an Deinen A u f e n t h a l t i n B e r l i n S c h u l d b i n .' Ach Gott! wer so, wie ich, den sanften, herzeindringenden Ton ihrer Bitten kannte! O, ich kann, ich kann diese so einfachen, rührenden Worte nicht wieder loswerden! Und dann noch die entsetzliche Vorstellung, dass ich ihr die Leiden ihrer letzten Tage vielleicht noch erschwert, dass ich ihre segnende Hand nicht an meinem Herzen gefühlt habe; o, Mariane! sie starb mit einem kummerbeschwerten Herzen, wozu ich Unglückliche vielleicht auch beigetragen hatte!

In eben dem Kästchen, worin der teure Brief lag, fand ich auch den Anfang eines Tagebuchs, das ich in verschiedenen Absäzzen, auf Anraten meines Vaters, über mein Herz hielt. Mariane, es war nichts geringeres als ein feierlicher Bund, den ich, nach Anleitung des frommen D o d d r i d g e , mit Gott errichtet hatte. Ich habe eine feierliche Zusage, immer fromm und rechtschaffen zu sein, aufgesetzt, und eben gestern war es ein Jahr, dass ich diese Zusage tat. Ach, guter Gott, ich habe seitdem mit keiner Sylbe wieder daran gedacht! Meine Andachtsbücher, mein Zollikofer, Hermes Handbuch der Religion, etc., alles liegt bestäubt da; mein Herz ist von allen frommen Empfindungen durchaus gesichtet, selbst kein äusseres Hülfsmittel. verschafft mir auch nur eine Minute andächtiger Rührung. Mein Herz ist wie versteinert. Beunruhigt über den peinlichen Zustand meines inneren, setzt' ich mich an's Klavier, und prüfte mein Herz mit dem lied aus Rollens Liedersammlung: W i e i s t m e i n H e r z s o f e r n v o n D i r , etc.; da kamen Tränen, mein Herz öffnete sich, und ich weinte bitterlich. Vorsätze dämmerten in meiner Seele auf; aber die Dämmrung wurde nicht Licht, eine trübe Wolke düstern Unmuts umhüllte sie, es folgte bald ein Zustand der Erschöpfung, und ich verfiel in Gedankenlosigkeit und Zerstreuung. Im Nebenzimmer wurde gesprochen; ich trocknete meine Tränen, verschloss die Briefe, versteckte das andächtige Notenbuch, und begab mich zur muntern Gesellschaft. Unter dem frohen Geräusch der mutwilligen Scherze trat auch allmählich wieder das Bild des Geliebten in meiner Seele hervor. Die Gesellschaft ging erst spät aus einander; in meinem Kabinet erwarteten mich die schwermütigen Vorstellungen, denen ich vorher entgangen war. Sie zu zerstreuen wollte ich an meinen geliebten Louis schreiben; aber es gelang mir durchaus nichts. Da ward ich unmutig, und die ganze Welt war mir zuwider. Mein Vater hätte mich nicht hierher schicken, oder mich nicht mit strengen Begriffen von Eingezogenheit und dergleichen plagen sollen; das passt zu meiner Lage gar nicht. Ach, Mariane, Sie mögen wohl recht haben, entweder g a n z g u t , o d e r g a n z d e m L e i c h t s i n n e g e l e b t . O, diese Rückfälle, sie sind tödtlich! Noch