können! dachte' ich. Magot stand im Begriff zu gehen; noch war der Brief in meiner Hand, die Tür ging auf, jemand aus dem haus trat ins Zimmer, und rasch entschlossen flog der Brief in Magot's Hut. Er gab ein Zeichen, dass er mich verstehe. Ich schämte mich, und wandte mich schnell um, meine Röte zu verbergen. –
Nun hat Louis den Brief, er und Sie werden mich verachten, und ich werde das elendeste geschöpf auf Gottes Erde sein.
Diesen Brief wird Ihnen Monsieur Belair zustellen. Lassen Sie mir ein paar Zeilen Antwort zukommen. O, wie beb' ich, sie zu erhalten! Mir wird das Gesicht vergehn, finde ich den Namen Louis; und finde ich ihn wieder nicht, so – – o, ich Ärmste! mir ist nicht zu helfen. Heute soll ich an meinen Vater schreiben; Gott weiss, wie ich das machen soll! Es ist, als ob sich mein Herz vor ihm zurückzöge, seitdem er wieder verheiratet ist, u.s.w."
Sie sehen, lieber Seelmann, wie mein armes Mädchen sich selbst täuschte, und ihre traurige Entfernung von dem Vaterherzen nicht in sich, sondern in meiner zweiten Heirat zu finden meinte. Ich erstaune, wo ich den Mut hernehme, Ihnen alle diese Umstände, die mein Herz so ganz zerbrochen haben, zu wiederholen. Marianens Antwort war völlig so, wie sie sich von einem so verzerrten charakter erwarten lässt. Julchen, – schrieb sie, – würde sich durch ihre alberne Bedenklichkeiten noch völlig unglücklich machen; das wären die t r i s t e n (traurigen) Früchte der pedantischen Erziehung, die ihr Vater ihr, zu ihrem Unglück, gegeben hätte. Die würden ihr, wenn die feinste Berlinische Welt noch hundert Jahre an ihr bildete und deniaisirte, immer noch ankleben. Was es denn nun für ein wundergrosses Unglück sei, einem hübschen Jungen gut zu sein? Sie wollte wohl schwören, dies sei Julchens erste Liebe, so vieles Aufsehn mache sie davon, und so arkadisch drücke sie sich aus. So viel sie sich erinnre, sei sie schon in ihrem dreizehnten Jahre eperdüment in einen allerliebsten Fähndrich verliebt gewesen, dessen Schwester auch bei Madame Brennfeld in Pension getan war. Damals wären viel junge Herren aus- und eingegangen; ein böser Dämon hätte aber einst den alten Eisenfresser, den Obristen von ..... hingeführt, dessen Tochter auch der Erzieherin anvertraut gewesen. Dieser Grobian habe einen so gewaltigen Lärmen über die Besuche der jungen Herren angefangen, dass die Madame, aus Furcht vor mehrern dergleichen Auftritten, sich auf einmal in die Philosophie geworfen habe. Sonst sei sie eben keine Prüde gewesen; und der Herr Vetter wäre noch so ein Andenken der lieben vorigen Zeit. Julchen möchte mit den patriarchalischen langweiligen Begriffen von ehelicher Zärtlichkeit zu haus bleiben. Karoline sei ihr deshalb entsetzlich zuwider. Heirat und Liebe reime sich grade, wie Eis und Sommerhitze; – und was der verderblichen Grundsätze mehr waren. Zuletzt lud sie Julchen dringend ein, zu ihr zu kommen. Sie solle ihren Schäfer in der blühendsten Laube finden, und die Nachtigallen sollten ihre Schüchternheit in Liebe auflösen, wenn sie mit dem ersten heiligen Kuss feierlich ihm den Sold der Minne geben würde.
Julchen hatte nun den ersten, viel kostenden, Schritt getan; der zweite, den sie zu ihrem Verderben tat, war der Besuch, welchen sie bei Marianen abstattete, und wozu sie von ihrer sogenannten Aufseherin um so leichter erlaubnis erhielt, da diese es kurz vor der nahen Verheiratung ihrer Lieblingin nicht noch am Ende mit ihr verderben wollte. Überdem erfuhr ja der grillenhafte alte Spiessbürger, der Amtmann, nichts davon, wenn man nur in Worten fein strenge war, und die Wörter M o r a l und M o r a l i t ä t fleissig im mund führte. Bei diesem unseligen Besuche wurde das arme verblendete Mädchen ganz zu den elenden grundsätzen des Bruders und der Schwester hingerissen. Sie kamen über den Ort ihrer Zusammenkunft überein, verabredeten alle die Ränke, durch welche die Aufseherin und der arme leichtgläubige Vater hintergangen werden sollten; und wenn der Pfaffe (Eiche) sich d'rinn zu mischen gedächte, so sollten junge Offiziere, des Kornets Spiessgesellen, dies durch irgend eine öffentliche Beleidigung rächen. So war denn alles Freude und lachen. Zu haus nährte die arme Betrogne ihre leidenschaft durch die fortgesetzte Lektüre des Rousseauschen Romans, vor welchem er junge Mädchen selbst warnt. Ich erhielt nur selten Briefe von ihr, und diese waren steif und kalt. Es fehlte nur noch, dass sie mich Herr Vater genannt hätte. – Mir wurde aufs neue bange um mein Julchen; denn ich konnte es mir ungefähr vorstellen, wie lange die Grundsätze eines weichen Mädchenherzens gegen das unablässige Untergraben eines verführerischen geliebten Buben Stich halten würden. Ich teilte meiner Nichte meine Besorgnisse mit. Sie stillte sie wohl einigermassen mit der Nachricht: dass meine Tochter wenig ausginge, und den Sonntag bei ihr zubrächte, wobei denn gemeiniglich auch Herr E i c h e sei; sie wollte aber bemerkt haben, dass Julchen diesem absichtlich mit der äussersten Kälte begegne, wodurch der bescheidene Mann nur noch schüchterner in seinem Umgange mit ihr gemacht wäre. fräulein Lindenfels sei jetzt, schrieb sie, auf einem der Güter ihres Bräutigams, wo sie mit ihm getraut werden sollte. Überdem rücke ja die Zeit immer näher, da Julchen ihre Hausgenossin