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der Bibel gelesen, dass ihr so weinerlich geworden sei. Es sei mehr als Narrheit, die besten Jahre mit Skrupeln zu verderben. Auch sie habe sich sonst wohl mit Grillen geplagt, und am kränkelnden Gewissen gelitten; sie habe sich aber nachher eines Bessern bedacht, und den alten Wust und Tand, der ihr noch von den Katechismusjahren angeklebt hätte, ausgefegt. Man müsse nichts halb sein; entweder voller Genuss, oder gar keiner. "Sei ganz gut, oder ganzböse? – nein, nur leichtsinnig"; hiess es. Überhaupt bestehe der Unterschied zwischen gut und böse nur in einem mehr oder weniger lebhaften Temperamente, das man sich am Ende doch nicht selbst gegeben habe. Zum Beschluss schickte sie noch eine nachdrückliche Ermahnung, die altväterischen, von der elterlichen Erziehung sich herschreibenden, Grillen aufzugeben, der Jugend zu geniessen, und ihr die Angelegenheiten ihres Herzens zu entdecken, die sie aber vielleicht schon recht gut wüsste. Julchens Antwort bezeichnet merkwürdige Fortschritte auf der Bahn des Leichtsinns, wie Sie selbst bemerken werden.

"Sie haben wohl recht, meine Beste. Ich quäle mich selbst, und ändre nichts damit. Mein Herz geht seinen Weg unaufhaltsam fort, wenn gleich die Vorurteile meiner ersten Erziehung mir zuweilen wie Gespenster erscheinen, und meine Seele mit Schrecken erfüllen. Sollte das Sünde sein, was der Schöpfer selbst mit glühenden Buchstaben in unsre weiblichen Herzen schrieb? War es denn Sünde, dass mein Vater meine Mutter liebte, ehe sie die Seinige wurde? Er ward glücklich; sollte denn ich es nicht auch werden können? – Warum hat er mir doch so ängstliche Grundsätze beigebracht? sie martern mich, und stören mich in den süssesten Gefühlen meines Jugendlebens. Hätte ich immer die Einsichten gehabt, die ich jetzt erlangt habe, wie viel bittere Stunden zählt' ich weniger!"

(Zur Erlangung dieser Einsichten war ihr nicht sowohl fräulein Mariane, als die alte unwissende taube Französin behülflich gewesen; denn da Madame Brennfeld es zu sehr unter ihrer philosophischen Würde hielt, sich mit solchen Kleinigkeiten zu befassen, als die Zeitverkürzungen junger Mädchen sind, hatte die alte Frau sich gern ihrer Jugend erinnert, indem sie mit ihren Untergebenen ihre Lieblingslesereien wieder einmal aus dem alten morschen Koffer, der alles war, was sie auf dieser Welt besass, hervorholte. Diese bestanden nun in nichts anderm, als der Prinzessin von Kleve, dem glücklich gewordenen Bauer von Mariveaux, den Denkwürdigkeiten eines Mannes von stand, Crebillon's Schriften, und mehr dergleichen feuergebenden Romanen, welche die geheimsten Tiefen ihrer Empfindung durchwühlten, und in gährender Hitze zum Aufbrausen brachten.) Julchen fährt fort:

"Und doch, Mariane, wäre es vielleicht besser, ich wüsste von dem allen nichts. Mich grauet, wenn ich mir die einfachen, herzlosen Auftritte des häuslichen Lebens denke, wenn ich mir die niedrigen, elenden Geschäfte einer bürgerlichen Wirtschaft vorstelle, zu welchen ich wahrscheinlich bestimmt bin. Ich weiss nicht gewiss, was für Absichten mein Vater mit mir hat; aber etwas ahne ich davon, und ich wollte lieber sterben als es eingehen. – Mariane, ich stehe an, Ihnen mein Herz zu entdecken; aber es geht in sich selbst zu grund, wenn es sich nicht einer treuen Freundin mitteilt. Unterstützen Sie mich mit Ihren Einsichten. Hier haben Sie, was mich quält." – –

Nun folgt eine unendlich lange Zergliederung der s ü ss e n , namenlosen Gefühle, welche ihr Herz durchschauert, als sie Marianens Bruder zuerst gesehen. Als sie auf dem ersten Balle den Walzer mit ihm getanzt, habe unnennbare Wonne durch ihr ganzes Wesen gezuckt. Sie schildert mit vieler Lebhaftigkeit und sehr romanhaft alle die Kämpfe, die es ihr gekostet; die sie nämlich hätte bestehen sollen, aber mit keinem Gedanken bestanden hat. Erst war sie zu schüchtern gewesen, seine, ihr durch den Friseur zugestellten, Briefe anzunehmen; dann, wenn sie wieder bedacht hätte, dass A n d r e , d i e b e s s e r g e a c h t e t w ü r d e n , a l s s i e , nicht so viel Umstände machten, hätte sie einen raschen Entschluss gefasst, und einen in der Eile angenommen und zu sich gesteckt. Dann sei es ihr doch vorgekommen, als wäre das nicht recht, und sie habe ihn uneröffnet zurückgeben wollen. Hundertmal habe sie ihn besehen, ach! und jeden Buchstaben, den die teure Hand aufgezeichnet, und jedesmal habe ihr armes Herzchen stärker geschlagen. Endlich, in einem fatalen augenblicke, da sie sich d e n dachte, gegen den ihr Herz sie so unwillkührlich fortriss, ihn sich mit aller der Liebe, in all' seinen Reizen dachte, da tausend Vorstellungen dieser Art sich allmächtig vor ihrer Seele drängten, in einem solchen Moment zerknickte das Siegel (ganz von ungefähr, wie sie beteuerte; – vermutlich haben die Küsse es zerschmolzen), und nun tränkte sie ihr Herz tropfenweise mit allen den Süssigkeiten, mit welchen der verführerische Bube ihre müssige, weichliche, und durch fade Romane empfänglich gewordene Seele vergiftete. – Sie ward von unwiderstehlicher Wonne berauscht, und wiederholte sich hundertmal die Worte, die ihrem Gefühle die schmeichelhaftesten waren. Von da an versank sie nun völlig in Untätigkeit; sie fühlte sich zu jedem ernstaften Geschäfte, so wenig es auch deren in solchen schulen gibt, unaufgelegt. Dem ungeachtet antwortete sie ihm zu der Zeit noch nicht; und sie