Gabe der lieben Weiber, in Kleinigkeiten zu leben und zu weben, diese leichte Empfänglichkeit mit dem Kleinen und Geringen froh und zufrieden zu sein, lernen Töchter nur von guten Müttern. Wenn ich ein schlottriges Mädchen oder Weib sehe, die es zu klein dünkt, ihre hohen Geistesgaben im Kleinen zu üben oder anzuwenden, so denke ich mir immer ein Mann oder Bruder hat sie erzogen.
Indess war es meiner lieben guten Frau immer ein
Dorn im Herzen, dass ein so reizendes Mädchen, wie unsre Tochter war, n u r l ä n d l i c h erzogen würde, nicht T a n z e n , nicht M u s i k , nicht F r a n z ö s i s c h lernen sollte! Von dem letzteren hatte sie zwar mit ihren Brüdern genug gelernt, um ein leichtes Buch verstehen zu können. Das war aber meinem armen weib nicht genug, die es sich selbst zu einem grossen Mangel anzurechnen pflegte, dass sie diese Sprache nur verstand, nicht sprach, obschon in ihrem ganzen unschuldigen Leben kein einziger Fall eingetreten ist, wo sie sich durch dieses Nichtkönnen gedrückt gefühlt hätte. Julchen sollte ihrem Wunsche nach französisch plaudern können, wie eine galante Stadtjungfer. Auf dem Klavier liess ich sie durch einen geschickten Organisten unterrichten; sie war nicht ohne Talent dazu, und sang mit süsser schmeichelnder stimme meine und der Mutter Lieblingsstückchen, wenn ich auf meinen alten verstimmten Klavier trommelte. Eine Hauptsängerinn braucht sie eben nicht zu werden, sagte ich: auch liegt in ihrer Haltung und dem regelmässig schönen Körperbau eine natürliche Grazie, die mir kein Tanzmeister zur Unnatur umschaffen soll. Sehr gern hätte meine Frau eine Französinn ins Haus genommen; aber bei diesem Anliegen blieb ich taub. Wie? dafür, dass ich irgend ein armes Waisenmädchen von der Zucht ihrer Aufseherinnen, oder aus sonst einer Not errettet, und sie in das Wohlsein meines Hausstandes als Mitgenossinn aufgenommen hätte, sollte ich mich einen sot allemand nennen lassen? wie diese Dinger, wenn sie sich anfangen zu fühlen, wohl zu tun pflegen. Und dann so soll mir mein Julchen, das ehrliche deutsche Blut, durchaus keine schwadronirende Deutschfranzösinn, diese niedrigste aller niedrigen Abarten, werden. So dachte ich damals. Wollte Gott! ich hätte Mut zum Durchsetzen bewiesen.
Mein Mädchen war nun dreizehn Jahr geworden, und so gut und lieblich, dass ihr Anblick uns Eltern recht im Herzen wohl tat. Ich habe von je her das Erndtefest zu einem allgemeinen Freudentage für meine Dorfgenossen bestimmt, und ihnen jede frohe Unterhaltung gestattet, wozu ich nach allen Kräften beitrug. Woran liess ich aber stets ein frommes Dankfest gehen, dessen Einrichtung Sie, mein lieber Pastor, selbst gebilligt haben. Julchen, als ein herangewachsenes Mädchen, war diesmal die königin des Tages, und brachte den Kranz. Von einem Hügel sahen meine Frau und ich den frohen Zug ankommen. Julchen ging zwischen ihren Brüdern, ebenfalls ein paar frische blauäugige rotwangige deutsche Jungen. Julchens schneeweisses Kleid prangte mit hellgrünen Bändern, und Kopf und Brust mit Blumen, wie der einfache Landgarten sie gab. Ihre langen blonden Locken spielten im Winde. Nie, nie sah ich ein holderes geschöpf! Auf ihrer blendenden Stirn und in dem dunkelblauen Auge sass Verstand, und in dem liebreizenden mund Wohlwollen und Herzensgüte. Mein inniges Wohlgefallen an meinen schönen guten Kindern zerfloss in heisses Dankgebet; Tränen strömten über meine Backen, und nie wurde wohl das kräftige Lied: N u n d a n k e t a l l e G o t t ! mit herzerhebenderm Gefühle gesungen. Mein Weib stand an meine Schulter gelehnt, auch sie war sanft gerührt. O mein Weib, sagt' ich, und drückte sie innigst an mein Herz, sieh unsre Kinder! Danke mit mir Gott für diesen reichen Segen! "Ja, bester Mann, sagte sie, mich küssend, ist es nicht Jammer, – ja, nun muss es heraus, – ist es nicht Jammer und Schade, dass dieser Engel von Tochter hier auf dem dorf vergraben bleiben soll?" – wasser dämpft nicht schneller Glut, als jetzt meine Freude durch die unvorsichtige Äusserung meiner Frau gedämpft wurde. Warum Jammer und Schade? sagte ich wehmütig, und liess kalt mein Weib aus meinen Armen gleiten. Dies Gespräch wurde durch die Annäherung von Landleuten unterbrochen, und – mit meinem Vergnügen war es aus. Ich sah mein Julchen so traurig an, als ob sie mir gewaltsam entrissen werden könnte. Meiner Frau konnte ich in einigen Wochen, des einfältigen Jammer und Schade wegen, nicht recht freundlich ins Gesicht sehen.
Und dennoch wäre alles gut geblieben, hätte uns nicht ein feindseliger Dämon einen neuen Forstmeister ins Dorf gebracht. Er war ein Edelmann und hatte eine gnädige Frau und gnädige fräulein Töchter. Diese waren in Berlin in einer französischen Pensionsschule verbildet worden, schämten sich nun ihrer deutschpommerschen Namen, und nannten sich ma soeur Julie, und ma soeur Adelaide, den derbdeutschen Vater, der kaum ahnete, dass es noch andre Franzosen in der Welt gäbe, als die er als Kornet bei Rosbach hatte schlagen helfen, mon cher père; sie sangen Liederchen aus den Etiennes aux Dames, putzten und zupften sich den ganzen Tag vor dem Spiegel, und behohnlächelten jedesmal in der Kirche den ländlichen Aufzug meiner Frau und Tochter, die dann ganz trostlos zu haus zu kommen pflegte, obschon sie ihre Jahre hindurch geschonten Kleider, alle nach der Reihe vorführte, die dann wohl