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Lesereien mit dem Vetter zugeworfen hatte, und die bei ihr eine völlige Zerrüttung aller gesunden Kräfte droheten. Das musste nun alles erst wieder fort, ehe ihre moralische Genesung gewiss werden konnte; und dieses Stück Arbeit hatte ich schon in meinem Sinne ihrem künftigen Gatten zugeteilt. Mit ihrem Klavierspielen wollte es auch nicht fort. Die kleinern Sachen, wodurch so oft unsre häusliche Freude war erhöhet worden, hatte sie wegwerfen müssen, und nun spielte sie stümperhaft Sonaten und Konzerte, dass einem die Ohren weh taten. Mit ihrem Gesang hielt sie hinter'm Berge, w e i l ' s n i c h t v i r t u o s e n m ä ss i g wäre. Gott! wie so oft waren wir überirdisch froh bei unserm und ihrem einfachen ländlichen Gezwitscher gewesen!

Gegen Abend, da wir recht lustig zu werden begannen, kam ein Bote von haus, mit der Nachricht, dass meine Frau von einem toten Sohn entbunden sei. Sie vermisse mich sehr zur Unzeit im haus, liess sie mir sagen; ich musste mich also geschwind aufmachen. Meiner Tochter hinterliess ich meinen herzlichsten Segen, übergab sie im Voraus der Falkschen Familie zur künftigen Hausgenossenschaft, führte sie auch E i c h e n zu, der ihr mit einem herzlichen Handschlag zusagte, als ihr bester Freund für ihre Zufriedenheit sorgen zu helfen. "Du lieber, guter Mann!" dachte ich, "Dein Wille ist unverbesserlich; aber Dein Herz, voll parteiischer Liebe, und Deine arglose, kein Übel ahnende Seele, sind nicht zu Wächtern gemacht!" – wie denn auch die Erfahrung bewiesen hat. Darauf warf ich mich mit nicht ganz leichtem Herzen in den Wagen, und rollte meinem dorf zu.

Jetzt knallte grade Gürge mit der Peitsche vor dem Pfarrhause, und erinnerte Grüntalen, dass es jetzt auch Zeit sei der Heimat zuzueilen. Der Amtmann brach für diesmal ab, und wünschte seinen Freunden eine gute Nacht. Nun erhielten Seelmanns von Grüntal, zur Ergänzung der begebenheiten, die Briefe nach ihrer Zeitfolge.

(Ein Billet von Marianen an Julchen.)

"Ganz etwas Neues, mein Liebchen! Ich heirate; – es ist unique! – aber nicht den Herrn Bräutigam, den Du die Ehre hast zu kennen: dem hab' ich in Gnaden seinen Abschied erteilt. denke' Dir den Biedermann von dreihundert Jahren her, der sich einfallen liess, von Einschränkungen neuerfundener Bedürfnisse, von süssem Genuss häuslicher Glückseligkeit, wie er die Monotonie des Ehestandes zu nennen beliebt, und dergleichen altfränkischen Jargon mehr, mir vorzureden! Auf Ehre, der Mensch kann kein Edelmann sein! – Sein Vater war sicher ein Gewürzkrämer, oder irgend ein Federkäuer. – Nein, mein häuslicher Herr Baron, ich bin des Zwanges herzlich müde, den mir mein übel disponirter Papa und seine fette Dulzinne in Geldangelegenheiten auflegen. Chaqu'un à son tour.

Doch zum neuangeworbenen Promis. Du wirst Dich zu tod lachen; denn es ist kein andrer, als der, ich denke sechszigjährige Herr von K .., über dessen Gurkengesicht und Spindelbeine wir so oft unser Spässchen hatten. Der Herr hat gütigst bemerkt, dass fräulein Mariane schön und witzig ist, dass ein junges galantes Weib seinem baufälligen Ansehn ein Rélief geben würde, und darauf war denn fräulein Mariane so grossmütig, sich seine wirklich fürstlichen Geschenke gefallen zu lassen; aber Juliette, der R i n g war auch dabei. Der R i n g ! – Bei allem Mute seufzt' ich doch. Wie? wenn das verwünschte Rund e w i g hiesse? wenn die baufällige alte Burg auf festerem grund stände, als unser eins ihr zutraut? – Gut, gut, auch dann giebts Mittel! Hör', Mädchen, heute' muss ich Dich sprechen; Du musst wissen, wie ich den ersten Seladon losgeworden bin. Das Ding war komisch; und man wusste es einzukleiden, dass bei dem alten Papa alle Schuld auf ihn fällt. Julie, Du musst kommen, Louis ist hier; der rotäugigen Schulmeisterin sag', Du gingest zur Muhme Sainte Beate: die F a l k meine ich. Mein Spindelfüsschen wird Dir sein Kompliment machen. Wenn der Geck nur nicht so verliebt täte! Das verwünschte Deutschschreiben wird mir blutsauer! – A dieu, chère amie! Komm' hübsch bei zeiten zu Deiner

M a r i a n e v. L.."

(Julchens Antwort.)

"Wie glücklich sind Sie, Mariane! Ihre muntere Laune verlässt Sie auch bei den ernstaftesten Gelegenheiten nicht! S i e ? Sie werden glücklich sein; aber ich? ach! ich werde es nie werden! Der arme Baron! Seine Leiden gehen mir zu Herzen! Er hat Sie redlich geliebt! – Spotten Sie meiner Cousine nicht; wollte Gott ich wäre eine Betschwester, wie sie es ist! Sonst war ich auch wohl fromm; aber jetzt! – Wenn Sie wüssten, wenn ich Ihnen sagen dürfte – – doch ich komme immer wieder auf den Baron. Er dauert mich von Herzen! Kein Leiden geht über gekränkte Zärtlichkeit. Leben Sie wohl, mein fräulein! Ich bin so ganz verstimmt, dass ich besser tue ich breche ab.

J u l i e G r ü n t h a l ."

Mariane beantwortete diesen Brief in dem mutwilligsten Tone; Julie (glaubte sie) hätte wahrscheinlich in einer alten Postille, oder, noch ärger, wohl gar in