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haus zu nehmen; auch bat ich, sie nicht zuviel ausgehn zu lassen, weil ich darin meine eignen Grillen hätte. übrigens würde ich f ü r d i e M ü h e , d i e sie sich mit der Bildung meiner Tochter gegeben hätte, ewig dankb a r s e y n . Ihr Gesicht hatte sich zu Anfang meiner Anrede in hundert grämliche Falten gezogen, und ich war auf eine vulkanische Eruption gefasst; aber bei dem Worte d a n k b a r s e y n ging mir plötzlich das helle Sonnenlicht ihrer zwei fahlbraunen kleinen Augen auf. "Meine Tochter," sagte sie, "wäre ein bezauberndes Mädchen; – in kurzem würde sie die Krone ihrer Eleven geworden sein; – es sei ihr leid, sehr leid; – und wieder nicht leid, wenn sie bedächte" – – und was der Alltagssprüche mehr waren.

Nach diesem ging ich mit Julchen in ein besonderes Zimmer, und kündigte ihr meine Absicht mit ihr an, doch ohne ein Wort von E i c h e n zu sagen. Sie wurde blass und zitterte, dass sie sich nicht aufrecht halten konnte; dann sagte sie mit gedämpfter stimme etwas von Gehorsam und Folgsamkeit her, wobei ihr die heissesten Tränen über die Wangen liefen. – Was ist das? Mädchen! (fragt' ich) weisst Du noch, wie Du mich batest, Dich recht bald von diesem hässlichen, zwangvollen Orte wegzunehmen? O, Du bist ein verwahrlosetes geschöpf! – Geh', ich liebe Dich nicht mehr! – "Mein Vater, erbarmen Sie sich! Um Gotteswillen, nicht diese Härte! (sie streckte weinend ihre hände nach mir hin) Ich will tun, was Sie mir befehlen; aber ich muss Zeit haben, mich zu fassen! Mein Herz ist ein so wunderliches, weiches Ding; ich gewöhne mich so leicht an etwas." – – Du h ä n g s t Dich auch leicht an etwas; nicht wahr? – Zeige mir doch, wenn Du noch nicht alle Zucht aufgegeben hast, die Briefe, die der Friseur Dir heimlich zusteckt. – Nun wechselte auf ihrem Gesicht Todtenblässe mit dem höchsten Karmin ab; sie war unschlüssig, ob sie läugnen oder bekennen sollte. Mein Herz litt bei dieser Strenge kaum weniger als das ihrige. Liebe war in meinen Augen nie Verbrechen; aber hier war doch die Operation notwendig, so schmerzvoll sie dem guten kind auch war. Als sie immer noch anstand, sagte ich ganz erweicht: "liebes Julchen, gieb sie mir." Diesem Tone widerstand sie nicht; sie holte ein, über und über mit Vergissmeinnicht und Silhouetten verziertes, Taschenbuch hervor, und übergab es mir mit einer Bewegung, die ganz unzweideutig den tiefsten Schmerz ausdrückte. – "Hm! in so zierlichem Gewahrsam? Ein so ansehnliches Paquet?" – Ich schlug es aus einander, sah flüchtig hinein, und dann wieder auf das tief beschämte Mädchen. Und hier sage ich: wehe dem Herzen, das mit Wohlgefallen auf die Demütigung eines armen, schwachen Mädchens blikken, und sich seiner ruhigern Stellung überheben kann! Wehe dem Vater oder der Mutter, die in solchen Momenten nur i h r e Rechte fühlen; deren Gefühl kein Wörtchen für die arme Menschennatur spricht! Das gute Julchen hielt meine gewiss nicht strengen Blicke nicht aus; sie sank auf einen Stuhl, und verbarg das Gesicht mit beiden Händen. Die Briefe waren so dumm und voll der fadesten Schmeicheleien, dass ich nur darüber erstaunte, wie das sonst so kluge Mädchen sie der geringsten Aufmerksamkeit gewürdigt hatte; aber die armen schwachen Geschöpfe sind so eitel, hören sich so gern schön nennen, dass sie einen achtjährigen Knaben liebgewinnen würden, der ihnen das vorsagte. Nachdem ich mich von dem Inhalte der Briefe hinreichend überzeugt hatte, gab ich sie ihr zurück, neugierig, was sie damit machen würde? denn es war mir aus allem deutlich genug geworden, dass der Bube ihr Herz gefangen hatte. Jetzt aber – o Gott, es war wohl zum letztenmale! – siegte noch der gute Grund, den ihre erste Erziehung in sie gelegt hatte; sie stürzte in meine arme, undach! wer vermag's auszusprechen, wenn nach herben Leiden Vaterfreude ihn erquickt! – ihre und meine Tränen vermischten sich, ich drückte sie innigst an mein Herz, undverzieh.

Gestimmt zu den süssesten Regungen gingen wir nun beide zur Nichte, wo wir den Tag in stiller Heiterkeit zubrachten. nachher stellte auch E i c h e sich ein; mein volles Herz trieb mich unzählich oft an, seine und meiner Tochter hände in einander zu legen, aber E i c h e selber hielt mich durch die ehrerbietige Entfernung, in der er von dem Mädchen blieb, davon zurück.

Jetzt nahm ich auch gelegentlich eine Musterung mit meiner Tochter Kenntnissen vor, die mir, den Aufwand in Kleidern ungerechnet, 800 Taler kosteten; aber ich bemerkte bald, dass sie, in mancher Rücksicht, wirklich zurückgegangen war. In ihrem kopf war ein Chaos von gar mancherlei; die Begriffe schwankten und schwammen durch einander; ein Gegenstand des Wissens verdrängte den andern. Die Kaiser und Könige spukten ohne Zweck und Ordnung in ihrem kopf herum; mit der Naturgeschichte war es eben so, man hatte sie in den Stunden überladen, und sie litt offenbar an Indigestion. Dazu kamen noch die harten Brokken, die Madame Brennfeld ihr von ihren philosophischen