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verstehe den Wert der Tugend, deren Basis vernünftige erkenntnis des Schönen und Guten ist, und fühle tief den Unterschied zwischen einer g e b i l d e t e n F r a u und einer g e l e h r t e n P e d a n t i n , die ich für das gelbe Fieber weiblicher und männlicher Gesellschaft halte. In eben dem Masse ekelt mich vor Roheit und grober Unwissenheit, der Mutter so manches Lasters, und des dümmsten Aberglaubens, wo weder gesunde Vernunft die Gefühle des Herzens veredelt, noch sie auf die edlern Gegenstände des Lebens hinlenkt. Diese Ausbildung wird aber nie die Frucht einer Pensionsschule sein; und, aufrichtig gesagt, ich halte dafür, dass, je mehr dergleichen Anstalten ausposaunt werden, je mehr Vorwand gibt dies eitlen oder trägen Müttern, sich der Erziehung ihrer Kinder zu entledigen, um sie mit schweren Kosten einer Fremden aufzutragen, die es wenig oder gar nicht interessirt, ob die Kinder einschlagen, oder nicht; wenn nur übrigens, so lange sie unter ihrer Aufsicht sind, nichts Lautbares vorfällt, das ihrer schönen lebendigen Nahrung schaden könnte. Unglücklicher Weise gibt es Fälle, in welchen die Pension das kleinere Übel ist, und wo eine wohlmeinende Erzieherin weniger Schaden stiftet, als eine schlechte Mutter, die ihren Kindern ein böses Beispiel gibt. Auch für Waisen ist die Pension oft der geringere Nachteil. Diese einzelnen Fälle wiegen aber den Schaden bei weitem nicht auf, den die Pensionsanstalten im Ganzen stiften. Wenn Sie mir erlauben, meine Erzählung fortzuführen, werden Sie Ursache finden, die Bitterkeit zu entschuldigen, die vielleicht wider Willen mit einfliesst.

Ich wohnte, wie ich schon erwähnt habe, einigen Lehrstunden bei. Es fiel mir besonders auf, dass keine von den Gouvernantinnen, deren doch drei waren, wenigstens der Form wegen zugegen war. Es ist wahr, von Zeit zu Zeit ging die alte taube Französin, die den Kleinern das Buchstabiren beibrachte, durch das Zimmer; das trug aber mehr zur Störung als zur Ordnung bei. Bei dem Klaviermeister insonderheit schien ein wenig mehr Aufsicht nötig zu sein; er schielte mehr auf das Gesicht seiner Schülerinnen, als auf ihre Finger. Julchen gestand, dass er zuweilen so freche Histörchen vorbringe, dass sie die Stunden abbrechen müsse.

Die drei Gouvernantinnen hatten die Geschäfte auf folgende Art unter sich verteilt: Madame Brennfeld, – als Prinzipalin, – hatte Einnahme und Ausgabe, teilte den Unterricht und die Lehrstunden nach ihrer Bequemlichkeit ein, spürte allentalben nach den wohlfeilsten Lehrern umher, denen sie monatlich für alle Schülerinnen nur so viel bezahlte, als etwa zwei oder drei derselben dazu beitragen mussten. Sie besorgte ferner die Berechnung mit den Eltern der Zöglinge, sammelte die Geschenke ein, und teilte, was ihr davon nicht anstand, ihren Mitarbeiterinnen zu. Sie selbst gab den Zöglingen einige Stunden in den kleinen Gesellschaftsunterhaltungen, welche sie Lebensphilosophie zu nennen beliebte. Ob sie die Kunst, Whist und l'Hombre zu spielen, mit dahin rechnete, weiss ich nicht gewiss. Auch liess sie die grösseren Mädchen zuweilen aus französischen Büchern übersetzen, wozu sie mit einer besonderen ihr eigenen Gabe stets die unzweckmässigsten wählte. Endlich, wenn sie nicht notwendig mit dem Vetter Kandidat zu lesen und zu disputiren hatte, übernahm sie auch wohl die Mühe, Morgens und Abends mit den jungen Damen zu beten. Da sie aber von dieser geistlichen Übung nicht viel hielt, so ersparte sie sich die Ennuy dabei, und überliess sie gewöhnlich der dritten Aufseherin, die ich bald werde auftreten lassen. Wohnte sie zuweilen, Anstandes wegen, diesen sogenannten Morgen- und Abendandachten bei, so musterte sie indess die Kleidungen und Haltung der Schülerinnen, legte dieser die Locken anders, kämmte jener das Haar mehr in die Stirn; hier war der einen der Unterleib hereinzudrücken, dort einer andern die Schultern zurückzuziehen. Zur Erhaltung guter Andacht und Ordnung wurde unter den kleinern hier und da eine Ohrfeige oder ein Stoss in den rücken, und eine grosse bête unter die bürgerlichen grösseren Mädchen ausgeteilt; denn die Adlichen hatten auch hier ihr Privilegium, ungeahndet arrogant zu sein, nicht umsonst.

Die erste U n t e r gouvernante war eine geborne Pariserin, stocktaub, und sprach nur einige Worte gebrochnes Deutsch. Ihr Amt war, die Kleinen französisch buchstabiren und lesen zu lehren; sie zog sie aus und an, war, ihrer schadhaften Füsse und ihrer unscheinbaren Kleidung wegen, der beständige Haushüter wenn alles ausflog, und die arme Lastträgerin, auf welche alles geworfen wurde, wenn es etwas zu verantworten gab.

Die dritte Figur war nur eine Art von Kammerjungfer, spielte aber doch bei der Bildung der Jugend eine wichtige Rolle: sie lehrte sie Putzmachen, oder vielmehr die Kunst, sich zu putzen. Überdies musste sie, geschickt oder ungeschickt dazu, die arbeiten übernehmen, die Madame Brennfeld nicht anrühren mochte. Sie war geschmeidig, wie dergleichen Personen, welche sich durch die Vertraulichkeit Vornehmerer ernähren, immer zu sein pflegen. Sie liess sich von den jungen Damen zu allerlei Dienstleistungen gebrauchen, sagte ihnen Schmeicheleien vor, und versicherte, dieser oder jener vornehme Herr habe sich fast die Augen nach ihnen ausgesehen, u.s.w.

Noch hundert Kleinigkeiten der Art könnte ich Ihnen zu Rechtfertigung meiner Abneigung erzählen, besorgte ich nicht, Ihnen durch diese Weitläuftigkeit Langeweile zu machen. Also zu meinem Geschäft bei Madame Brennfeld. Ich sagte ihr, dass ich gesonnen wäre, nach einem halben Jahre meine Tochter nach