Anfangsgründe der Geometrie, Briefstyl, und b e i h e r auch etwas Englisch lehrte, war so eben dabei, den Kindern den eigentlichen Sitz der Denkkraft zu beschreiben. Er hatte, wie's aus den griechischen und lateinischen Benennungen klar war, chirurgische und medizinische Kollegia gehört, und wurde, da meine Gegenwart ihn nun noch aufmunterte, so entsetzlich gelehrt, nannte jede Puls- und jede Schlagader bei ihrem anatomischen Namen, dass die Mädchen ein Schauer überfiel, und sie ihn baten, für diesmal lieber ihre Briefe durchzusehn. Julchen hatte zum Brieftema bekommen: "D a n k s a g u n g a n e i n e Fürstin, die der Briefschreiberin e i n G e s c h e n k g e m a c h t h a t t e ." Die Briefe waren steif und g e z i e r t ; dennoch fand sie der Herr Kandidat, bis auf die Fehler gegen die Rechtschreibung, vortrefflich. Mir wurde siedend heiss, als er J u l c h e n s Brief zur Durchsicht nahm; denn sie schrieb wahrlich! in ihrem zwölften Jahre besser, als er je geschrieben hatte. Er fand ihren netten natürlichen Brief t r i v i a l , aber doch nicht ganz schlecht. Nun gab er den kleinen Mädchen auf, wobei achtjährige waren, einen Aufsatz über den Stolz auszuarbeiten. Lieber Seelmann, kleinen Kindern, über den Stolz! Denken Sie doch, welchen Nutzen diese sinnleeren Übungen für Kinder haben konnten! – –
Nach diesem erschien der Klaviermeister, ein kleines luftiges Männchen, in schöngewesenen Kleidern und schmutziger Wäsche. Er warf sich nachlässig neben Julchen auf einen Stuhl vor dem Klaviere, liess sie eine Weile ein schweres Bachisches Konzert hakken, wobei dem armen Mädchen die Schweisstropfen von der Stirn flossen, tändelte indess mit Julchens herabhängenden Locken, oder spielte mit dem kleinen Hunde, und sang passagenweise aus voller Kehle mit. Durch das schwere Allegretto musste Julchen sich allein, ohne seine hülfe, durchklappern; denn der Musikmeister hatte sich indess in ein weitläuftiges Gespräch mit einem der jungen Mädchen über das gestrige Konzert eingelassen. Julchens stümperhaftes Spielen tönte ihm wahrscheinlich zu unangenehm in sein musikalisches Gehör; er liess abbrechen, und akkompagnirte dafür eine sehr schwere Bravourarie, bei deren Gesang Julchen eigentlich nur zeigte was sie n i c h t vermochte, und bei der ich zehnmal dachte: schade um ihre schönen natürlichen Anlagen, um die Herzlichkeit die sie, schon als erste Anfängerin, in kleine Lieder von Reichard zu legen wusste. – Zu meinem Trost war diese Stunde gewiss keine 60 Minuten lang. Ich hatte sie bewundernswürdig schnell überstanden; allein das heisst nun Unterricht in der Musik, den wir armen Eltern so teuer bezahlen! – Mit der Zeichenstunde hatte es, wie ich nachher erfuhr, eben dieselbe Bewandtniss. Den Mädchen, welche der junge Zeichner besonders wohl wollte (das waren denn immer die hübschesten), mahlte er die Zeichnungen aus, und die kleinen Lügnerinnen schickten sie dann den erstaunten Eltern als eigene Arbeit zum Neujahrsgeschenk. So steht es im grund mit allem Unterricht in solchen schulen; und dafür geben und entbehren alte unbemittelte Eltern alles, was sie nur aufbringen können, damit ihre Töchter e t w a s r e c h t e s lernen sollen!
Seelmann lächelte, und sagte, indem er seine Frau schalkhaft ansah: "Nehmen Sie sich in Acht, lieber Grüntal, meine Frau ist zwar nicht in Berlin, aber doch in einer Stadtpension erzogen." – "Ja, Herr Amtmann, das bin ich!" fiel die Frau Pastorin ihrem Herrn ins Wort, – indem sie ihr artiges Köpfchen trotzig in die Höhe warf, – "und ich denke, mein Mann hat noch nicht Ursache gehabt, auf die Pensionen zu schmähen. Nicht wahr, Männchen?" – Seelmann war ein höflicher Mann, er wich der Antwort aus; auch liess ihm Grüntal nicht Zeit, denn er antworte hastig: "Kann sein, kann sein, dass nicht alle gleich in die Augen fallende Ursachen haben, so wie ich, die Pensionen zur Hölle zu wünschen. Aber die Hand aufs Herz, Frauchen, wie viel haben Sie noch von den Pensionskünsten behalten? und welche finden Sie auf Ihre häusliche Verfassung als Frau und Mutter anwendbar? Macht es Ihren Mann oder Sie glücklicher, dass Sie vordem einmal kleine Strichelchen mit Bleifeder aufs Papier krizzelten? Den ächten Kunstsinn nehme ich allemal ehrfurchtsvoll aus; und dieser wird auch wahrlich! durch alle Schwierigkeiten späterer und häuslicher Verhältnisse sich Bahn brechen: allein diese kleinen Talente, die nicht von den Fingerspitzen zu Kopf und Herzen dringen, und, bei erster Veranlassung, gegen hundert andre kleine weibliche Eitelkeiten vertauscht werden, achte ich für wahren Zeitverlust." – "Ei, Herr Grüntal," sagte die Pastorin innerlich aufgebracht, "es scheint, als ob Sie Küche und Kinderstube für die angebohrne Sphäre meines Geschlechts hielten!" – Vielleicht hätte ich darin nicht so ganz unrecht, antwortete der Amtmann in eben dem Tone; aber Sie müssen es ja schon aus der Erziehung, die ich meiner Tochter zu geben suchte, gesehen haben, dass ich ihre Tugend und das Gefühl ihrer Pflichten nicht auf Unwissenheit gründen wollte. Ich erkenne dankbar die Mühe, die Ihr, von mir gewiss innigst verehrtes Geschlecht sich gibt, uns durch sittliche Ausbildung und Veredlung die Tage der irdischen Wohlfahrt mit Rosen zu bekränzen; ich