Kopf tüchtig zu waschen, und Julchen in eine andere Pension zu bringen. Nein, sagte Karoline, Julchens guter Name würde darunter leiden, wenn sie so plötzlich wegkäme. Und was würde dabei gewonnen werden? Die Mängel, welche der Onkel mit so vielem Rechte zu Herzen nimmt, sind nicht der Brennfeldischen Anstalt allein eigen, sie liegen in der Sache selbst. Mir ist kein Beispiel bekannt, dass ein Frauenzimmer ein solches Institut aus Gefühl ihres inneren Berufs zum Erziehungsgeschäft errichtet hätte; es ist bei ihnen nur Erwerbssache. Zwar gibt es hier Anstalten, wo beide Absichten so glücklich verbunden sind, dass man versucht wird, Liebe zur Sache für die Haupttriebfeder zu halten; diese sind aber leider! mehr für das erste Geschlecht, als für das unsre errichtet. Und Frauenzimmer, welche den ehrwürdigen Namen Erzieherin oder Institutrize ganz unrechtmässig usurpiren, unternehmen es, der Jugend etwas geben zu wollen, was ihnen selbst fehlt: Bildung und Erziehung. Die fehlenden Talente hoffen sie durch einen Schwarm von Lehrmeistern zu ersetzen; unter diesen wählen sie alsdann die wohlfeilsten, wobei denn natürlich die Wahl, in Absicht des moralischen Wertes dieser Menschen, nicht sehr strenge sein kann. Meine Schwester wurde nach unsrer Eltern Absterben von dem Vormund in eine Pension getan, wo die Frau Prinzipalin an dem ganzen Erziehungsgeschäft keinen andern Anteil nahm, als dass sie der Jugend einigen Unterricht im Putzmachen gab, wobei sie den armen jungen Mädchen, wenn es ihnen nicht geriet, manche Ohrfeige zuteilte. Überhaupt stehen die meisten ihrem Berufe mit dem grössten Widerwillen vor; er ist nur traurige notwendigkeit. Wehe der Jugend, wenn die Erzieherin eine Kinderfeindin ist, und mit Ekel ans Werk geht. Bei der immer zunehmenden Menge der Erziehungsanstalten kann es einige geben, die weniger von den allgemeinen Mängeln haben; es können, auf den Rat einsichtsvoller Männer, bessere Lehrer gewählt worden sein; die Erzieherin selbst kann ein würdiges Subjekt sein: aber wie so selten verstehen Gelehrte den wahren Wert eines Weibes zu würdigen! Wie so oft gilt ihnen Geschwätz für inneren Gehalt; Worte für Tat; ein wenig Manier für Wesen; Lektüre für Selbstdenken! Ach, und diesen Irrtum müssen Tausende büssen, die einer, durch ihre Aussenseite gefallenden, Frau in die hände fallen! Wenn die Verfassung der bürgerlichen Gesellschaft es auch notwendig macht, dass die Söhne ausser dem elterlichen haus die Quellen der Kenntnisse aufsuchen und benutzen müssen, so sollten doch die zärteren Blumen nicht so früh vom mütterlichen Boden hinweg in fremde, kalte Erde verpflanzt werden. Wie viel Liebe und Wohltaten fordert ihre Pflege? und wer kann Liebe verkaufen, oder mit Gelde bezahlen? – Was soll ich aber mit Julchen anfangen? fragt' ich Karolinen, die von dem Eifer, womit sie perorirt hatte, recht rot geworden war; denn vieles und langes Reden lag nicht in ihrer sanften, stillen natur. – "Stimmt mein lieber Mann hierin mit mir überein," sagte sie, ihrem Karl zärtlich die Hand drückend, "so wohnt Julchen bei mir, bis sie heiratet. Indess übt sie sich in der Stadtwirtschaft, und kann in Ruhe und Stille ihre Lehrstunden abwarten. Wir wollen ein Herz und eine Seele sein, wenn Sie mir nur das liebe Mädchen anvertrauen, lieber Onkel." – "Den Augenblick sollen Sie sie haben, Nichte! Ob ich Sie Ihnen anvertraue? Ei, mit Leib und Seele soll sie Ihnen gehören!" rief ich, so freudig, dass die stube wiederhallte; denn ich sah's Falk an den Augen an, dass er den Vorschlag genehmigte. "liebes Onkelchen," fiel mir die altkluge Karoline in's Wort, "nicht so rasch! Julchen muss ihr volles Jahr dort bleiben; ihr guter Name muss sich jetzt, da sie im Begriff ist in die Welt zu treten, zu dem bilden, was er bleiben soll."
In meinem kopf ging's jetzt herum, ob ich nicht besser täte, Julchen ohne alle Umstände nach Lindenau zu nehmen? aber, ach Gott! wie hätte es da um den lieben Hausfrieden gestanden! Meine Frau zitterte vor Ärger, wenn sie nur das Wort Stieftochter hörte. Julchen, glaubte sie, hätte von der Stadt gewiss schon so viel weg, dass sie eine Staatsdame geworden wäre, und in unsern Haushalt sich nicht schicken würde. Überdem war meine Frau ihrer Niederkunft nahe, und da machte ich mir ein Gewissen, ihr in irgend einer Sache entgegen zu sein. In d e r Lage musste ich mir allerdings den Vorschlag, als den besten, gefallen lassen.
Als nun alles dahin Gehörige fein ordentlich verabredet war, eilte ich zu Eichen, ihm diesen Plan mitzuteilen. Er nahm ihn mit aller Freude eines vernünftigen Mannes auf, der nun der Erfüllung seines Wunsches entgegensieht. Um Julchens Vermögensumstände hatte er mich nie gefragt, obobgleich die seinigen nicht die besten waren, und sein Einkommen grösstenteils von den guten Gesinnungen seiner Gemeine abhing. Wir rechneten auf die Genügsamkeit meiner Tochter und Karolinens guten Rat. Mit Verabredungen der Art hatten wir eine gute Stunde hingebracht, und ich mich in eine Zukunft versetzt, bei der ich mir Pickenik und alles übrige Herzweh aus dem Sinne schlug. Dann umarmte ich meinen künftigen Schwiegersohn, und eilte mit erheitertem Gemüt zu Julchen.
Ich ging da ohne alle Umstände in die Lektionsstube. Der Herr Kandidat, der die jungen Damen mit sehr vieler Artigkeit Christentum, geschichte, Naturhistorie, Erdbeschreibung, Logik, Deutsch,