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unter liefen, waren es allemal die Damen, die durch helles Gelächter ihrem Scharfsinne, auf Kosten ihrer Schamhaftigkeit, ein Kompliment machten. – Sie erinnern sich der zeiten, lieber Pastor, da die jungen Männer durch Schön- und Süsssein, durch verunglücktes Kopiren des Werter, und anderer, minder treflichen Romane dieser Periode, bei vernünftigen Frauenzimmern Ekel erregten. Seit der Zeit ist das Kind mit dem Bade ausgeschüttet, die Ritterromane und Schauspiele haben Ton und Manier so derb, so zufahrend und zurückschrekkend gemacht, dass ich die Mädchen bedauren würde, wenn auch sie sich nicht der zarten Weiblichkeit entschlagen hätten, und etwas affektirten, das D e u t s c h h e i t sein soll; wie denn leider! so viel Missgriffe in dieser Hinsicht gemacht werden, und Rohheit oft für Deutschheit gelten muss. Dass dieser dem Zeitalter gar nicht harmonische Ton noch gehört wird, der schon lange zu unsern Sitten nicht mehr stimmt, veranlassen die Dichter, welche die eisernen Männer der vergangenen Jahrhunderte durch ihre Dichtung so verschönert und oft zwitterartig darstellen, welche die Gediegenheit der vorigen Zeit, mit der Kultur und Urbanität der jetzigen gepaart, in ein liebenswürdiges Gemälde bringen, das denn freilich Nachbildner reizt. Ein Berlichingen, ein Wittelsbach erhebt die Schwingen ihrer Phantasie; ein Richelieu, ein Orleans schmeichelt ihrer Sinnlichkeit. Und welchem Vorbilde folgen sie? Beiden; jenem in der Derbheit, diesem in der Sinnlichkeit. Wie steht es da aber um die Weiber, die solchen Männern gefallen wollen? Lieber Seelmann, ich meine den grossen Haufen; denn vielleicht gibt es an keinem Orte in der Welt so viel ehrenvolle Ausnahmen, als in Berlin. Aber für jemanden, der sein Kind diesem wogenden Meere anvertrauen soll, ist's denn doch über alles schwer, den Klippen oder Untiefen auszuweichen.

Nach Verlauf einer Stunde hatte ich das alles satt und übersatt. Mariane, als sie sah dass ich mich mit Julchen entfernen wollte, nahm mich schmeichelnd bei Seite, und strich mir die Backen. "liebes Väterchen, Du sagst doch der Frau S i r a c h (sie meinte die Erzieherin) nicht, dass Julchen hier mit mir geweJetzt nahm ich mein Töchterchen unter'm Arm, und m e n verzeihen, wenn Du es vergessen kannst, dass Du mich und Deine Aufseherinnen hintergehst, so will ich's zu vergessen suchen, dass Du der Liebling meines Herzens gewesen bist. – Während dieses, meinem Herzen so schmerzlichen Dialogs waren wir vor Karolinens wohnung angekommen. – Julchen weinte laut und trostlos; ich sprach ihr einigen Mut ein, denn sie jammerte mich innigst, und beschloss, den Vorgang niemanden merken zu lassen. Karoline bewillkommte uns, wie ich's an ihr gewohnt war, mit unendlicher Gutmütigkeit; als sie Julchen aber so gebeugt und niedergeschlagen sah, erwähnte sie, zu des Mädchens grosser Pein, dass sie mir's wohl abgeraten habe, Julchen nicht zu überraschen. Die grosse Freude habe auch ihre Schrecken; denn sie glaubte nicht anders, als meine Tochter sei vor Freude und Überraschung so bewegt. – F a l k , Karolinens Mann, gefiel mir nur halb; er schien mir auch ein schwankendes, karakterloses Wesen zu sein. Karoline liebte ihn zärtlich, und ich hätte es keinem geraten, gegen ihren Karl etwas einzuwenden. Nun wurde Eiche eingeladen, und so blieb Julchens Niedergeschlagenheit unter dem lauten jubel des Wiedersehens ziemlich unbemerkt.

Gegen zehn Uhr brachte ich meine Tochter nach haus. Das schon erwähnte schnippische Hausmädchen kam uns entgegen, und entschuldigte Madame Brennfeld damit, dass sie schon schliefe; flüsterte aber Julchen laut genug zu, dass ich's hören konnte: "der Vetter ist drinn, und lieset noch." Ich legte meiner Tochter, zur guten Nacht, noch Verschiednes an's Herz. Tränen waren ihre einzige Antwort, als ob sie jede andere Sprache verlernt hätte. Nun ging ich in mein Nachtquartier, zu Falk's, zurück. Dass die Eindrücke des vergangenen Tages jede Anwandlung von Schlaf fern von mir hielten, wird man, ohne mein Erwähnen, leicht glauben.

Ein nicht aufzuschiebendes Geschäft fordert meine Gegenwart, ich behalte mir daher die Fortsetzung auf gelegnere Zeit vor. Sie erfolgte diesmal in mündlicher Unterredung in Seelmanns Pfarrhause. "Der Herr Amtmann blieben da, wo Sie Ihre Tochter von dem Pickenik holten," fing die Frau Seelmann das Gespräch an. – Ganz recht, antwortete Grüntal, ich blieb bei dem – – Pikkenik. Hier entfuhr ihm ein unartiger Fluch, den die Frau des Pastors mit einem eben so nachdrücklichen "Gott behüte uns!" erwiderte. – Ich habe Ihnen gesagt, dass ich die Nacht über in Falk's haus kein Auge zutat. Morgens war ich der Erste im haus, weckte Karolinen, entdeckte ihr beim Frühstück alles, was mir auf dem Herzen lag, und verschwieg ihr auch Eichens Absichten auf Julchen nicht. Die ehrliche Seele weinte mit mir, verteidigte doch aber Julchen aus allen Kräften. "Der Grund ist noch gut," sagte sie; "was Sie beunruhigt, sind üppige Auswüchse, durch die Unart ihrer Mitschülerinnen hervorgebracht. Dies ist allentalben der Fall, wo in dergleichen Anstalten viele junge lebhafte Menschen in enger Verbindung leben." Freilich, freilich sitzt da der Knoten; aber was ist zu tun? Wie helfen wir dem Übel ab? – F a l k meinte, das Beste sei: der sorglosen Erzieherin den