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Armen reissen, und was weiss ich, was ich in der ersten Bestürzung alles wollte. Indess ich noch unschlüssig da stand, war der Tanz zu Ende, und nun kam Paar für Paar herausgeschlendert, und verteilte sich in die Gänge. Meine Tochter kam mit ihrem Tänzer zuletzt. Ich trat in meine Laube zurück, die schmerzliche Beobachtung fortzusetzen, und meine Hitze sich abkühlen zu lassen. Nachdem sie die Allee einigemal auf- und abgegangen waren, führte der Offizier Julchen in die Laube dicht neben mir. "Aber sagen Sie mir, englisches Mädchen," (so redete er sie an, indem er ihre Hand lange an seine Lippen drückte, welches sie nicht hinderte) "warum antworten Sie auf meine Briefe nicht? Ich hoffe, der schurkische Magot wird sie doch richtig bestellt haben?" – Julchen schwieg, machte ein läppisch Gesicht, und sah schweigend auf ihren Fächer. – "O so sprechen Sie doch ein Wort! Wenn werden Sie doch endlich diese entstellende Blödigkeit ablegen?" – Gottlob, Gottlob! mir wälzte sich ein Stein vom Herzen, dass sie noch blöde war. Gottlob, Gottlob! rief ich beinahe unwillkührlich. – "Herr von Lindenfels," stammelte sie endlich, "ich schreibe nie an eine Mannsperson. Ihre Briefe habe ich bekommen; ich würde sie aber nicht angenommen haben, hätte Magot sie mir nicht in Beisein von Madame gegeben. Sie würde sie gesehen haben, wenn irgend ein Wortwechsel dabei vorgefallen wäre." – "Und was wäre das für ein Unglück gewesen?" fragte Marianens Bruder, – denn der war er – "Glauben Sie's mir, meine Beste, ich wäre reich, hätte ich so viel hundert Dukaten, als süsse Briefchen von Friseurs und Tanzmeistern in Pensionen praktisirt werden! Ich stehe dafür, dass ihre weise Duenna wohl selbst zuweilen ein Auge zudrückt, wenn nur die Zufuhr nicht ausbleibt." – "Fi donc, wer wird so arg sprechen!" sagte Mamsell Grüntal, albern geziert, und begleitete diese Worte mit einem Fächerschlage. Der Bube verstand die Aufforderung, die das unerfahrne Mädchen, ohne es vielleicht zu wollen, in diese Bewegung legte; er wurde dreister und zudringlich. – Nun ist es Zeit, dachte' ich, stiess, was mir im Wege stand, um, riss mich durch das Laub, das sie von mir trennte, und stand, ohne noch zu wissen was ich sagen oder beginnen würde, vor Julchen. Dem jungen Herrn war diese Unterbrechung sehr ungelegen, er sprang auf, und suchte mich zurückzudrängen; ich aber war angewurzelt, wie eine Eiche. "Es ist mein Vater!" – schrie meine Tochter, die starr und betäubt sitzen blieb, dann aber doch in meine unwillkührlich geöffneten arme stürzte. Ich weinte und schluchzte wie ein Kind, nicht achtend, wie das Bürschchen sich so breit machte. – "Unglückliches Kind! verdienst Du's, dass ich Dich mit dieser Inbrunst an mein Herz drücke?" – Julchen antwortete mit keiner Sylbe, und hielt sich beide hände vor die Augen. – "Gott hat gewollt, dass Dein Vater in diesem Augenblicke zu Deiner Rettung herbeieilte!" – Das Mädchen war immer noch einer Ohnmacht nahe. Indess hatte der Herr Kornet sich aus dem Staube gemacht, wahrscheinlich um der Gesellschaft von dieser Wundererscheinung Nachricht zu geben. Während der Zeit war ich wieder in so fern zur Besonnenheit gekommen, dass ich überlegte: jedes Aufsehn würde dem guten Namen meiner Tochter nachteilig sein; ich tröstete sie also mit Liebkosungen, bis sie sich erholte. Aber mir in die Augen zu sehen, wagte sie nicht. Nun kam nach und nach die übrige Gesellschaft herbei. Mariane überhäufte mich mit Vorwürfen, wobei sie mich ganz vertraulich D u nannte. "Bist Du toll, Alter? Deine Tochter so auf den Tod zu erschrecken! Glaube mir, Deine Galanterie schmeckt nach der Amtsstube! Armes, armes Julchen! Und der Louis ist vor Schreck wohl gar davon geflogen?" – So ging's in einem Atem fort, indess Julchens vermeinte Ohnmacht wohl funfzig Riechfläschchen in Bewegung gebracht hatte. Sie stand wie im Platzregen; die jungen Herren wollten durchaus das Verdienst ihrer Herstellung haben. Ich stellte mich dabei ganz munter und lustig, machte so tiefe Bücklinge und Kratzfüsse, entschuldigte mein unverhofftes Eindringen wider meine eigene Erwartung so manierlich und kaltblütig, dass die Gesellschaft, nachdem einige junge Herren, die vielleicht die Unternehmer des Pickenik's sein mochten, die Köpfe zusammengesteckt hatten, endlich ganz herablassend beschloss, (wahrscheinlich meiner schönen Tochter zu Liebe) mich an dem Feste teil nehmen zu lassen. Ich nahm das Anerbieten an, sowohl aus Schonung für meine Tochter, als auch, um einen Begriff von dem Tone der Gesellschaft zu bekommen, der mich dann schnell zu der Überzeugung führte, dass der ein Narr ist, der diesen sogenannten L u s t b a r k e i t e n eine der ächten Freuden des Lebens, oder auch nur seine häusliche Bequemlichkeit aufopfert. Es wurde auch kein gescheutes Wort, kein einziger, auch nur einigermassen witziger Einfall vorgebracht; gar nichts, das des Belachens wert gewesen wäre. Wer einen sogenannten Scherz, der nur Persiflage war, vorbrachte, musste seinen Einfall auch zuerst belachen; dann erst stimmten wohl einige aus Höflichkeit, wenn der Witzling eine betitelte person war, mit ein. Bei den Zweideutigkeiten, deren gar viele mit