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: "Die ist nicht zu haus!" und husch flog die Tür wieder ins Schloss. Die kecke Berlinische Jungfer stand mir nicht weiter Rede; und ich hätte noch lange warten, oder unverrichteter Sache abziehen müssen, wäre nicht ein kleiner leichtfüssiger Hase, in einer bunten Jacke, vor mir vorbeigehuscht; er trallerte sich aus vollem Halse ein Stückchen, holte aus seiner tasche einen Drücker, schloss auf, und schlüpfte in die Tür hinein, vor der ich, blöde wie ein Bettler, stand. Betroffen genug, rief ich ihm nach, mich einzulassen. "He! was sukt her ihr?" rief die Fratze zur Tür hinaus, ohne mich anzusehn. Dies war der Tanzmeister, der die Äffchen mit Grade kokettiren lehrte. Er war indess so höflich, mich anzumelden, und so wurde ich doch wenigstens in das Vorzimmer eingelassen. Die Frau Prinzipalin sei nicht zu haus; hätte ich aber etwas zu suchen, so könne ich mein Gewerbe bei der Sousgouvernante anbringen, hiess es. Mit unsäglicher Mühe bedeutete ich der alten hartörigen Frau wer ich wäre, und was ich wollte? Sie verstand zehnmal unrecht, und schon riss das letzte Fädchen meiner Geduld. Endlich entschlüpfte ein kleines schlaues Ding dem Tanzmeister, und schrie der alten Frau aus Leibeskräften ins Ohr: ich sei der Monsieur Amtmann, Juliettes Papa, und wolle diese sprechen (solch' buntschäckiges, verstümmeltes Französisch ist in diesen Treibhäusern einheimisch). "Juliette?" – sagte die Alte betreten – "mais vous savez, qu'elle n'y est pas!" Wo ist sie denn? schrie ich, als stände ich auf dem Wollmarkt. "Sie is gegange sik promenir," antwortete die Alte, auf deren grundehrlichem Gesicht ich die gesagte Unwahrheit sehr deutlich sah. – Das ist mir sehr unangenehm: ich werde sie also wohl erwarten müssen; – sagt' ich verdrüsslich. "O, da würden Sie lange warten müssen!" versetzte die Kleine, die schon wieder vor dem Tanzmeister zappelte, "sie wird spät wiederkommen." – Sie wissen also wo sie ist, fräulein? – "Ich weiss es recht gut," sagte das Ding vertraut; "sie haben mir aber verboten, es wiederzusagen." – Meine Bestürzung stieg aufs höchste. Endlich drang ich es dem Kätzchen ab, dass Julchen von Marianen zu einen Pikkenik abgeholt sei, Mariane sei jetzt bei ihrem Vater, und würde in der andern Woche den Herrn von K ... heiraten; der heutige Pickenik werde in dem **** schen Garten gehalten. Kann ich da wohl hingehn? – fragte ich das Kind. – "O freilich, es kann ja ein jeder hin; es ist ein öffentliches Haus." – Schnell entschloss ich mich, hinzugehen, und meine leichtsinnige Tochter eine Zeitlang unbemerkt zu beobachten. "Da zeigt Sie jedes Kind hin!" sagte die Kleine, die sich ein boshaftes fest daraus zu machen schien, Julchen in Verlegenheit zu setzen. Ich liess mich nach den **** schen Garten hinbringen, und folgte meinem Führer gewiss mit schwerem Herzen. Unter dem Gewühl der aus- und eingehenden Bedienten war es leicht, mich unbemerkt in den Garten zu schleichen, und mich, dem Tanzsaale gegenüber, in eine Laube zu setzen. Julchen, mein stilles, sanftes Julchen, hier, in einem öffentlichen haus, verstrickt in wilde Tänze! – diese Vorstellung presste mir Tränen ab. Wer ist die Gesellschaft, die da tanzt? fragte ich einen Marqueur. "Das weiss der Himmel," – antwortete der Mensch, – "wie es mit den Pickenik's ist; alles bunt durch einander, Juden und Christen, wer bezahlen kann, und einen guten Rock auf dem leib hat!" Kennt Er aber gar keinen von dieser Gesellschaft? – "Ein Paar junge Offiziere kenn' ich nur zu gut; sonst, glaube' ich, sind kaum sechs dabei, die einander kennen mögen." – Jedes seiner Worte war mir ein Stich ins Herz. Wenn ich mir dagegen meine Tochter in ihrer ehemaligen liebenswürdigen Unschuld dachte! – unter diesem bunten Haufen! – Jetzt ging die Tür auf; ich verschlang den Anblick, so widrig er mir auch war. Es kamen Kerlchen zum Vorschein, Kerlchen, lieber Seelmann, die kaum noch das Leben zu haben schienen. Dieser fatale Saal sah viel eher einem geöffneten Krankenhause ähnlich, aus dem die armen Siechlinge herausschlichen, sich an Gottes Sonne zu wärmen, als einem Orte der Freude. Es gingen viele aus und ein, alte und junge Knaben, geschminkte und fahle Gesichter; aber meine Tochter kam immer noch nicht zum Vorschein. Schon glaubte ich, die kleine Pensionsschlange habe mir etwas aufgebunden, als plötzlich die Musik aus einem englischen Tanz in einen wilden Walzer fiel. Nun flog Paar für Paar vor der offnen Tür vorbei; fräulein Lindenfels mit einem kleinen schwarzbraunen Pigmäen, den ich sogleich für einen jungen Juden erkannte, dessen sittlicher Ruf eben nicht fein war; hinter ihr tummelte sichach Gott! es war – – es war wirklich meine Tochter! – Ein junger Kavallerieoffizier hatte sie fest umschlungen, und schwenkte sie in kleinen schnellen Kreisen herum. Eins verschlang des andern Blicke: Auge an Auge, Mund an Mund; der junge Lecker musste die Glut ihrer brennenden Wange fühlen. Ich sprang bei dem Anblick, wie von einer Schlange berührt, auf, wollte sie dem Milchbart aus den