etwas in mir liegt, womit ich nicht werde bestehen können, wenn mein Vater mich zur Rechenschaft auffordert! Mein Vater! sage ich? – Ach! wenn's d e r nur wäre! aber eine stimme, tief in meinem Innersten, ruft mir zu: "Du bist nicht, was Du sein sollst! wiege Dich nicht in betäubenden Schlummer ein!" Was Madame und ihr Vetter; der Geistliche, auch sagen mögen, es gibt so eine stimme. Wer sie nur sein mag? Gestern war ich seit langer Zeit zum erstenmal wieder mit der Cousine F a l k in der deutschen Kirche. In der französischen, in die uns Madame Poulet zur Sprachübung hineintreibt, bin ich gar nicht andächtig; die Sprache kommt mir nicht so feierlich vor, die Gesänge erbauen mich nicht, und die geschwind gesagte Predigt verstehe ich nicht. Darüber habe ich mich beinahe schon gewöhnt, die Kirche als einen öffentlichen Ort zu betrachten, wo wir unsern Putz auslegen, um ihn sehen zu lassen. Wie wurde ich nun durch das schöne Lied von Gellert plötzlich getroffen: "N a c h e i n e r P r ü f u n g k u r z e r T a g e ," u.s.w., und dann E i c h e n s Predigt, über die Rechenschaft, die wir von dem Gebrauch unsrer Zeit werden ablegen müssen. Jeder Zug traf besonders m i c h , und es war mir, als wäre allein unter allen Zuhörern i c h der ungerechte Haushalter. Meine Tränen flossen reichlich; denn ich versetzte mich zurück in die Tage meiner kindlichen Unbefangenheit, wenn Eiche in unsrer Lindenauischen Kirche so sanft und herzlich wie zu Brüdern und Schwestern sprach. Damals war ich eine treue fleissige Haushälterin, unter dem Schutz und Schirm meiner liebenden Eltern! – Ich verlor mich ganz in diesen Betrachtungen. Auf einmal wurde ich den Kornet Lindenfels gewahr; er hatte seine Augen starr auf mich geheftet, und flüsterte mir im Vorbeigehen zu: "Heilige Juliane, bitte für uns!" Ich kam aus meiner ernstaften Fassung, es durchlief mich wie ein Feuer, meine Gedanken lenkten sich auf so fremde und entgegengesetzte Gegenstände, dass ich nur noch dem Körper nach in der Kirche blieb, und das letzte Lied gedankenlos mitsang.
Nach der Predigt war E i c h e bei der Cousine. Seine Güte beugte mich diesmal; ich wagte es kaum, ihn anzusehen. – Er kann Dir in der Seele lesen, – dachte' ich, und das peinigte mich so, dass ich mich nicht lange aufhielt, sondern unter einem Vorwande zu haus ging. Da fand ich den leichtfertigen Kornet, der den ganzen Auftritt schon erzählt hatte. Madame Brennfeld lächelte, und sagte: "Ihrer Jugend kann man wohl den Irrwahn zu gute halten; ihr guter Kopf lässt mich hoffen, dass sie einst selbst denken, und etwas mehr als bloss empfinden wird. Ihr Kopf ist noch ganz unphilosophisch dunkel, und mit verworrnen Prinzipien angefüllt." Der Kornet hörte nicht drauf, und klimperte auf dem Klavier: "Vive le vin, vive l'amour," etc. Nun ich wieder allein bin, fühle ich, dass ich nicht verdiente, ausgelacht zu werden. Die Leute haben aber so etwas Überredendes: Madame mit ihrer Gelehrsamkeit wohl eben nicht; aber Lindenfels mit seinen brennend schwarzen Augen, die einem immer ins Herz blitzen, so dass ich oft meine eignen und gewiss nicht schlechtern Einsichten verläugnen kann. Späterhin bekam ich noch einige Briefe von Julchen, über ganz allgemeine Gegenstände, und in einem kalten, zurückhaltenden Tone abgefasst. Dagegen empörte sich mein ganzes Vaterherz. Der Erwerb in der Wirtschaft durfte mir nicht wichtiger, als die Wohlfahrt meines Kindes sein, und ich flog nach Berlin, ehe die brennenden Augen des Kornets mein armes Julchen ganz verzehrten. Ich stieg bei Karolinen ab; sie nahm mich kindlich auf; ihr Mann war eben nicht zugegen. Nach der ersten Bewillkommung bat ich sie, mir jemanden zu geben, der mich zu meiner Tochter führte. Sie bestand darauf, ich solle Julchen nicht so plötzlich überraschen; sie könnte zu heftig erschrekken. – Erschrecken? Vor ihrem Vater? sagt' ich. Hat sie nicht ursache sich zu freuen, so mag sie immerhin erschrecken! – Ich liess nicht ab, bis Karoline mir ihren Bedienten mitgab. Nun ging's an ein Traben aus einer Strasse in die andre; ich dachte, der Kerl hätte mich zum besten, wenn er aus einer meilenlangen Strasse in eine noch längere einlenkte. Was um und neben mir vorbeirauschte, hüpfte und stolperte, bemerkte ich nur flüchtig. Mein ganzer Sinn stand auf den Empfang gerichtet, den ich zu erwarten hatte. "Hier ist es," sagte jetzt der Bediente, und zeigte auf eine schöne Treppe, die wir hinauf mussten. Mir schlug bangahnend das Herz. So rasch ich gelaufen war, so langsam und bedächtlich stieg ich die Stufen hinan, und befand mich endlich zwischen zwei Stubentüren, vor denen ich, wie ein furchtsamer Schulknabe stand, unentschlossen, an welche ich klopfen sollte. Endlich wählte ich die, vor welcher es wie Bisam und Moschus roch. Auf mein leises, bescheidenes klopfen erschien ein keckes, freches Hausmädchen; sie betrachtete mich von oben bis unten, und fragte trotzig: zu wem ich wolle? Als ich Mamsell Grüntal nannte, bekam ich zur Antwort