Heiligster! sieh mich vor dir in den Staub geworfen, und nimm das Opfer meines Herzens gnädig an! Nie, nie soll es sich wieder den leichten lockenden Tönen meiner Gespielinnen öffnen. Nur zu oft liess es sich hinreissen! Dies Tagebuch, das ich schon manchmal auf meines Vaters dringende Bitte über mich hielt, soll mir das heilige Band sein, dass mich an meinen jetzt gefassten Vorsatz und Entschluss knüpft. In diesem Tone der grössten Exaltation, fuhr sie acht Tage lang fort. Die feierliche Handlung hatte auf ihre Imagination so lebhaft gewirkt, dass sie sich in ihrer Moralität, auf welche ihr würdiger Religionslehrer sie aufmerksam gemacht hatte, hinlänglich gegründet zu sein dünkte. Sie hielt sich in allem Ernst über die sie umgebenden Torheiten erhaben. Wie es aber den blossen Empfindungschristen mehrenteils geht, das Köpfchen kühlte sich nach und nach wieder ab, und es erfolgte in dem Tagebuche, w e l c h e s e i n heiliges Band zwischen ihr und i h r e m S c h ö p f e r s e y n s o l l t e , eine traurige Lücke. Und das musste so sein, wenn ich den Einfluss mit in Anschlag bringe, welchen der strafbare Leichtsinn ihrer Aufseher sowohl als ihrer Gespielinnen, auf das junge unerfahrne Mädchenherz natürlich haben musste. Ich erfuhr nachher durch besondre Veranlassung, dass die philosophische Madame Brennfeld nebst ihrem philosophirenden Vetter, dem Kandidaten, J u l c h e n z u r G e s e l l s c h a f t mit zum Abendmahl gegangen sei, weil das junge Ding so viel Mutlosigkeit gezeigt hatte. Vor- und nachher hatte der Herr Kandidat seine, vom Doktor B a h r d t geschöpfte, Weisheit ausgekramt, und der lieben Jugend insonderheit die Auferstehungslehre nach Bahrdtischen grundsätzen erklärt, bei welcher gelegenheit Madame Brennfeld ihnen weidlich vom höchsten Moralprinzip und kategorischen Imperativ, wovon sie nicht das geringste verstand, vorperorirt hatte. Diese schönen, gemissbrauchten Ausdrücke erdachte wohl der edle Weise nicht, um sie ateistischen Weibern zur Losung dienen zu lassen. Im August schrieb sie wieder an dem buch: Mein Vater (bemerken Sie, lieber Seelmann, sonst hatte sie mir immer zärtliche Beinamen gegeben; hier hiess es schon schlechtweg "mein Vater") wird mich vielleicht in diesem Herbste besuchen. – Was ist das? Was ist denn in der Vorstellung, das mich erbeben macht? Freude ist dies nicht; denn was weiss Freude von Furcht? – Mein Vater wird kommen, und nach dem Zustande meines Herzens forschen. Er sieht so scharf, beobachtet so genau, wird die unverhaltene Offenherzigkeit von mir fordern, die er sonst an mir zu loben pflegte; und diese verliert sich doch so leicht, wenn man sich nicht mehr täglich sicht. Zwar tue ich wohl nichts böses, aber der Vater fordert so viel, und in meinen Jahren kann man doch nicht so ernstaft an Gott denken, und sich mit diesen erhabenen Gedanken beschäftigen, wie ein Mann in den seinigen. In meiner Lage ist es nicht möglich, sich an regelmässige Andachtsübungen zu binden. Der Morgen ist so kurz, dass er kaum zu den Lektionen zureicht, und des Abends ist man zu schläfrig, oder von den mancherlei Gegenständen, die man um und neben sich hat, zu zerstreut, um sich zum ernstaften Nachdenken zu sammeln, oder das Herz zum Gebet erheben zu können. Als ich Madame Brennfeld neulich meine Bekümmernisse darüber mitteilte, beruhigte sie mich dadurch, dass sie mir aus einem buch vorlas, das Gebet sei überflüssig, es gehe alles seinen einmal von Ewigkeit her bestimmten gang, Gott verändere, unsrer Bitten wegen, nichts an seinen weisen Planen. Auffallend war's mir schon immer, dass mir ohne Gebet dasselbe Gute widerfährt, dessen ich genoss, als ich noch regelmässig und andächtig betete. Doch genoss ich damals, ich kann's nicht läugnen, eine Ruhe, eine Zuversicht, ich war so gut, so menschenfreundlich, und ging mir's nicht ganz nach meinem Herzen, dann betete ich, und die Zuversicht, dass Gott mir helfen werde, machte mich immer recht froh in meinem Gemüt. Aber das ist nun freilich leider! vorbei. Ich wollte doch, dass ich in meinem Leben den hässlichen Kandidaten nicht gesehen hätte! So oft ich mich zu träge zum Gebet fühlte, wiederholte ich mir was Madame las; doch wollte ich noch, zu meiner bessern Beruhigung, mich bei dem Vetter der Madame Rats erholen. Der lachte aber, der leichtsinnige Mensch, und sagte: ein hübsches Mädchen müsse sich den Kopf nicht mit dergleichen zerbrechen, das verderbe den Teint. Seitdem nannte er mich immer seine kleine Philosophin. Mein Vater empfahl mir die Freundschaft des Predigers E i c h e . Ich gestehe, dass ich die Rechtschaffenheit dieses Mannes verehre; und ich würde allerdings mehr Zutrauen zu ihm gefasst haben, hätte mich die liebe lose Mariane nicht mit ihm aufgezogen. Auch scheint mir sein Leben so streng, und er ist so ängstlich gewissenhaft, dass ich armes, schwaches Mädchen in seinen Augen gar zu fehlerhaft erscheinen würde. Lieber Himmel, die Zeit der Jugend ist ohnedies flüchtig genug! sollte es denn so unrecht sein, sie zu geniessen? – – Den 24sten.
Guter Gott! Was ich mir auch sagen mag, und so gern ich mich betäuben möchte, so fühle ich doch im Innersten, ich fühle es recht bitter, dass