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ansehnlicher als den Grossknecht bezahlte; dafür aber hatte ich an ihm einen Freund, der grade in meine Absichten mit den Kindern eintrat, und mein angefangnes Werk weder verächtlich tadelte, noch ganz andere Wege mit ihnen einschlug. Der älteste äusserte früh einen entschiednen Hang zur Landökonomie; und Fritz, das liebe Johannesgesicht, war von der Mutter zum geistlichen stand bestimmt. Die Tochter, Julchen, – o lieber Freunde, wenn je ein Vater mit einigem Rechte auf sein Kind sich etwas zu gute tun konnte, war ich es. Ihre schöne natur bedurfte nur einer liebreichen hülfe, sich zu entwickeln; jede weibliche Tugend lag im zarten Keime vor mir, und brach an dem warmen Vaterherzen zur lieblichsten Blüte auf. Sie wissen, lieben Freunde, wie glücklich uns Eltern das macht, wenn die natur uns wohlwollend den Weg vorzeichnet. Bis in ihr zehntes Jahr war ich ihr einziger Lehrer gewesen, denn mir war bange, so vernünftig der Hofmeister auch war, er möchte mir in ihre junge Seele allerlei hineinkünsteln, was nicht hineingehörte, und allerlei Erziehungsmetoden an ihr versuchen, wie das jungen Gelehrten so an der Art ist; auch war es mir schon dazumal sehr einleuchtend, dass es um die Bildung, welche junge Männer den Mädchen geben, so eine ganz eigne Sache sei. Wenn sie so ein liebes zartes Knöspchen vor sich haben, geraten sie gewöhnlich in gar poetische Stimmung, idealisiren, träumen von Einfachheit der guten alten Vorwelt, und zuletzt kommt aus ihrer bildenden Hand das Mädchen entweder als burschikoser Wildfang, oder als ein idealisirendes, excentrisches, nervenschwaches Wesen. Überdem lasse ich es mir nicht ausreden, dass unter der Leitung eines jungen Mannes, der, ohne es selbst zu ahnen, dem Mädchen zu gefallen sucht, – denn so will es die natur, der Instinkt, – lassen Sie mich das so nennen, was der Sprachgebrauch mit einem deutlichern Namen bezeichnet, – das Mädchen zu früh erwärmt und entwickelt wird. Belege zu meiner Behauptung gibt das Buch da! – Grüntal zeigte auf Ewalds Rosenmunde, die im Strickkörbchen der Frau Pastorin lagen. – Diese lachte, warf das Köpfchen in die Höhe, unterbrach aber Grüntal nicht, und er fuhr fort:

Vielleicht irre ich in meiner Überzeugung; allein der systematische Unterricht in Wissenschaften bei dem andern und schwächern Geschlecht hat mir nie zu Sinne gewollt; der anmassende Ton der von ihrer Überlegenheit träumenden Weiber ekelt jeden, der Gefühl für prunklose weibliche Würde hat, von Herzen an. Es mag denn auch wohl Weiber geben, denen Vielwissen und Gelehrtsein frommt, – nun, meinetwegen! Ich denke mir immer, unter tausend Weiberköpfen gibt's kaum einen, der fest genug organisirt ist, um die Schätze tieferes Wissens aufzufassen. Genug, ich hatte mir meiner Tochter wahrscheinlichste künftige Bestimmung zum Ziel gestellt. Zu dieser sie zu bilden, war mir ein gar liebes Geschäft; denn ich dachte mir: sie wäre was sie sein müsse, wenn sie eine kluge, fromme Hausfrau würde, der es nicht an Verstand und Bildung fehlte, einem gescheuten mann das Leben zu versüssen, und in ihren Kindern dem staat nützliche Bürger zu erziehen. Ich liess mich allentalben, wo es nur tunlich war, von dem lieben kind begleiten, erklärte ihr auf eine ungelehrte Weise, was uns Bemerkenswertes auf unsern kleinen Wanderungen aufstiess; machte ihr junges Gemüt sehr früh auf die Wunder der natur aufmerksam, und zögerte nicht, ihre Seele empfänglich für die erhabnen Begriffe von dem Urheber der sie umgebenden Schönheiten zu machen. Noch ehe sie die Worte deutlich aussprechen konnte, lehrte ich sie so zu ihrem Schöpfer sprechen, wie sie zu mir sprach; ich flösste ihrer jungen Seele Liebe und Vertrauen ein, und war bemüht, diese Richtung des Herzens zu dem Geber alles Guten bei ihr zur Fertigkeit zu erheben, damit es ihr einst kein vereinzelter Begriff sein sollte. Ich liess sie auch, was die neuere Pädagogik immer dagegen einwenden mag, sich früh mit einigen herzlichen Sprüchen der Bibel bekannt machen. Freilich gab ich ihr eben nicht die geschichte von der keuschen Susanne und das hohe Lied zuerst in die hände; aber die geschichte der Schöpfung gab ich ihr so, wie die alte ehrwürdige Urkunde sie uns gibt; denn was sollte ich ihr sagen, wenn sie nun darauf bestand zu erfahren, wie der schöne Wald, die Wiese, wo sie ihre Blümchen pflückte, und die Vögel, die ihr so viel Freude ins Herz sangen, – wie dies alles entstanden sei? Sollte ich ihr nun Büffons oder Lamettrie's System, oder Silberschlags Geogonie vorsagen? Moses Erzählung passt so sehr für das Kindesalter des einzelnen Menschen, wie sie für die Begriffe des Kindesalters der Welt überhaupt erfunden zu sein scheint. Wäre meine arme unglückliche Tochter nicht nachher unter Menschen geraten, die ihre Begriffe verwirrten und sie ihr lächerlich machten, so wäre diese meine erste Bildung ihrer Religiosität, ihren künftigen Fortschritten in vernünftiger Berichtigung ihrer Begriffe wahrlich kein Hinderniss gewesen.

In meinen geschäftslosen Stunden brachte ich ihr gesprächsweise vaterländische und fremde geschichte bei, und sie begriff bald den Zusammenhang des Ganzen. Die Karte von Deutschland war ihr so geläufig, dass sie mir zu meiner innigsten Freude sogleich von der Lage jedes Ortes und Landes Rechenschaft geben konnte. Schreiben und Rechnen lehrte sie der Hofmeister. In den übrigen Stunden beschäftigte die Mutter sie mit kleinen häuslichen, ihren Kräften angemessnen Geschäften, und ich war sehr froh darüber; denn diesen schönen Ordnungsgeist, diese uns Männern so gesegnete