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oft, wie viel wir von dem Wohlstande und der Bequemlichkeit, die sie um uns her verbreitet, ihr zu verdanken haben. Diesen Vorwurf habe ich freilich nicht auf mich geladen; denn ich fühlte in einem hohen Grade, was die Verbindung mit diesem würdigen weiblichen Wesen seit meinem Justiziariat aus mir gemacht hatte. Die Entwicklung so mancher guten, mir selbst unbewussten Anlage, den Sinn für häusliche Ordnung und alles das, worin uns das weibliche Geschlecht so weit überlegen ist, verdanke ich der treflichen harmlosen Seele, über deren Aschenhügel noch am späten Abend meines Lebens manche Träne hinfliessen wird. Der Tod meiner Frau gab meiner damaligen Empfindungsart eine ganz entgegengesetzte Richtung. Meine liebsten Zeitvertreibe wurden mir gleichgültig, und selbst das sonst immer rege Gefühl für meiner Kinder Wohl schien darunter zu leiden. In Ansehung meiner Tochter beruhigte ich mich eine Zeitlang gänzlich mit den Nachrichten, die sie mir selber von sich gab, und die E i c h e mehrenteils bestätigte. Es ging aber dem redlichen mann, wie es vielen jungen und auch wohl alten G e l e h r t e n geht, es fehlte ihm an Weltkenntniss und hinreichenden Erfahrungen, die besonders ein Geistlicher nur selten zu erlangen gelegenheit hat. E i c h e sah und urteilte mit dem parteiischen Blikke der Zuneigung; sein wohlwollendes Herz liess ihn nur die gute Seite erblicken, wie ich schon an ihm gewohnt war, und wodurch er mein strengeres Urteil zur Parteilichkeit hinneigte. Ich nahm mir von Zeit zu Zeit vor, nach Berlin zu reisen, und selbst zu sehen; es kamen mir aber so mancherlei Hindernisse in den Weg, dass gegen andertalb Jahr verstrichen, ehe ich meinen Vorsatz ausführen konnte. In dieser Zwischenzeit verlor ich meinen Prozess, und liess meinem, noch immer wunden Herzen eine zweite Ehe aufschwatzen. Ein reiches Mädchen nahm die Stelle meiner geliebten Frau, zwar nicht in meinem Herzen, doch aber in meiner Haushaltung ein. Nur der offenbare Verfall alles dessen, was die geliebte Selige, durch so redliche Anstrengung eingerichtet hatte, bewog mich zu dem mir selbst so fatalen Entschlusse, meine Kinder Stiefkinder werden zu lassen. Meine zweite Frau hatte die alltäglichsten Vorurteile gegen Stiefkinder und war gegen die ihrigen, die sie noch nicht einmal kannte, schon so eingenommen, dass ich keines von den Dreien zur Hochzeit einladen durfte. Von Julchen erhielt ich bei dieser gelegenheit einen kalten abgezirkelten Brief, der mein eingeschlummertes Gefühl aufs lebhafteste erweckte und mit Bitterkeit erfüllte. Von meinem Herzenskinde vermochte ich das nicht zu ertragen, nun wollte und musste ich nach Berlin, so bald die Erndte vorbei sein würde. Das stete "Gut und Gut sein lassen" des gar zu gutmütigen Eiche fing an mir verdächtig zu werden. Julchens Briefe bewiesen mir nur zu sichtlich, dass eine bedeutende Veränderung mit ihr vorgegangen sein musste. Ihre einfache ungezwungne Schreibart war so merklich von einer aufgeregten Phantasie zu den hochfliegenden Ausdruck gewisser Romane hinaufgeschroben, dass ich das Mädchen notwendig für eben so verändert, wie ihre Briefe, halten musste. Die Fortschritte ihrer sogenannten feinern Ausbildung, und die wirkung der Pensionserziehung nicht aus den Augen zu verlieren, werde ich alles, wo sie selbst spricht, wie es der Zeitfolge nach hieher gehört, beilegen.

Zuerst die Fragmente ihres Tagebuches, wie sie es zu verschiednen zeiten über ihr Herz gehalten hat. Vom März. Ich nähere mich der heiligsten und ehrwürdigsten Handlung meines Lebens. In kurzem werde ich mein Glaubensbekenntniss ablegen. O dass meine immer und immer gleich geliebte Mutter das nicht erlebt hat! Wie würde ihre fromme Seele zu der meinigen gesprochen haben! Sie würde mich sanft über die Leere, die ich mit Schrecken in meiner Seele erblicke, getröstet haben! So war es sonst nicht. Ach ich lohne die treue Sorgfalt meines rechtschafnen Vaters nicht wie ich sollte; das bekenne ich mir wehmütig! Wie innig erhob sich sonst mein Herz, wenn ich in kindlicher Einfalt betete! Wie dankte ich Gott für jeden einfachen Genuss meines stillen harmlosen Lebens. Ach nein, nein, so ist es nicht mehr. In dem ewig umtreibenden Kreise abwechselnder Zeitvertreibe bleibt das Herz fürchterlich leer. Mein verengtes Herz ist ein Tummelplatz kleinlicher Leidenschaften geworden. Es ist mir augenscheinlich gewiss, dass das Kartenspiel zur Verunedlung meines Herzens am stärksten mitgewirkt hat. Auch nicht die kleinste Kraft ist mir geblieben, mich zu meinem Schöpfer im Gebet zu erheben. Ich sinke gleich wieder kraftlos und erschlafft zu Boden, wenn ich auch auf einen Augenblick Mut gefasst habe, den Versuch zu wagen. Dann habe ich mir wohl das Herplappern einiger Formulare, aus welchem unsre sogenannte häusliche Andacht besteht, als Gebete angerechnet. Wie kalt blieb das Herz! Aber es muss, es s o l l anders werden, und dazu wird die heilige Handlung mich stärken. Am Charfreitags-Abend.

Noch schwimmt meine Seele in den erhabenen seligen Gefühlen, von welchen ich, in dem wichtigen Augenblicke, da ich das heilige Abendmahl genoss, bis zur Erschöpfung überwältigt wurde. Der Himmel ging in meiner Seele auf! Gott! Gott! sollte ich je aus diesem seligen Zustande wieder in jene trostlose Lauigkeit zurücksinken können? Nein, stark und fest ist mein Entschluss, nur Gott und das Gute will ich lieben! Sähe mein lieber Vater in mein Herz, Freudentränen würde er weinen! Wie entsetzlich leichtsinnig ist doch diese Mariane! Wie sie meine Rührung verspottete! Wie unheilig war ihre Neckerei über das, was sie Bigotterie nannte! O mein Gott, du