1784_Unger_099_28.txt

h ö c h s t u n g l ü c k l i c h , uns schon verlassen zu müssen, und auch wieder s o s e h r g l ü c k l i c h , unsre i n t e r e s s a n t e Bekanntschaft gemacht zu haben; dann machte sie wieder das A b s c h i e d n e h m e n so unglücklich, und bald darauf war sie so g l ü c k l i c h , sich mit der Hoffnung, uns bald in der Stadt zu sehen, trösten zu können. – So ging es in einem Atem fort. Julchen wollte noch einmal kindlich an mein Herz eilen; aber ihre Mariane rief: "Komm, Liebe! was machst Du Dir das Herz schwer?" Julchen folgte ihrem Ruf, stieg in den Wagen, warf mir noch einen Kuss, ganz im neuesten Styl, zu, und hin rollte der Wagen. Ich sah ihm wehmütig nach, raffte mich zusammen, und ging an meine, indess ziemlich gehäufte Arbeit; ein Rat, den ich jedem gebe, dem es Ernst ist, sich zusammenzunehmen.

Bis jetzt war die Bildung und Erziehung meiner Kinder meine grösste sorge, und mein Hausstand beinahe ununterbrochen glücklich gewesen; unsre stillen genügsamen Herzen hatten auch den bösen Tag für gut genommen, weil der Herr beide werden lässt. Jetzt sollten wir auch Menschentücke erfahren. Meine Frau war von einer ihrer alten Tanten zur Erbin eingesetzt worden; ein anderer Verwandter protestirte dagegen, und da mir nun die Erwerbung dieses Vermögens ganz rechtmässig schien, hielt ich's, meiner Kinder wegen, für Pflicht, mein Recht zu behaupten. Auf diese Art wurde ich in einen weitläuftigen und kostspieligen Prozess verwickelt. Meine gute, gar zu empfindliche Frau nahm sich diesen Vorgang, und den Verdruss, der mir daraus erwuchs, so zu Herzen, dass sie in eine Schwermut fiel, die ich weder durch vernünftige Vorstellungen, noch durch Liebkosungen zerstreuen konnte. Der Prozess erforderte viel Reisen nach der .... schen Regierung; das nahm Zeit weg, und meine Wirtschaft litt sichtbar darunter. – Ich sah mich genötigt, eine Wirtschafterin ins Haus zu nehmen, die aber höchst unredlich haushielt. Sie verführte das Gesinde, und das unbestechbare verläumdete sie. Julchen war noch zu jung und ungeübt, einer so schweren Wirtschaft vorzustehen. Mein Prozess wurde immer verwickelter, und meine Frau immer kränker. Der Arzt, den ich kommen liess, schüttelte den Kopf; es war die Auszehrung. Ihre Gemütskräfte waren so abgestumpft, dass sie auch nicht einmal nach ihren Kindern verlangte. Ich sah die Redliche vergehen, und verging vor Schmerz beinahe mit ihr. Mein teilnehmender Freund E i c h e war schon, seit Ostern, in seine neue Stadtpfarre eingezogen. Seine Stelle bei uns war mit einem jungen mann besetzt, der den Bauern für sein Leben gern Freiheit und Gleichheit gepredigt, und die französische Vernunftreligion gelehrt hätte, wäre die liebe Obrigkeit und der Landrat nur nicht gewesen, der die Kantons fleissig bereisete. M a r a t war sein Heiliger, und R o b e s p i e r r e mordete noch nicht genug. Oft ging er bei Wind und Wetter dem Zeitungsboten Meilen Weges entgegen. Meinetalben mochte er, wenn er mir nur auch meinen Sinn verstattet hätte; aber dieser Enragé schlug oft in seinem revolutionnairen Eifer mit der Faust auf den Tisch, und weckte meine arme Kranke, wenn sie in heissersehnten Schlummer gesunken war. Das schreckte mich von seinem ungelenkigen Umgange so ab, dass ich mich verläugnen liess, wenn er mit neuen Zeitungen angesprengt kam. Es fehlte mir also durchaus an einem teilnehmenden Freunde, da mein Leiden zu schwer wurde, als dass ich's allein ertragen konnte. Jetzt fühlte ich's, wie wohl dem Menschen ist, wenn er sich den Gedanken an Gott nicht zu fremd hat werden lassen; wenn Kreuz und Not hereinbricht, ist die ununterstützte Vernunft eine zerbrechliche Stütze! Zwar sang ich keine Danklieder, als mein frommes Weib an meinem Herzen verschied; auch vermocht' ich nicht, so gleich zu sagen: was Gott tut, das ist wohl getan; aber mein Herz verschloss sich nicht widerspenstig den Tröstungen der Religion, die ich, in ihrer ganzen Kraft, auf meine Seele wirken liess.

Meine Freunde werden hier dem schwergebeugten Herzen gern einen Ruhepunkt verstatten. Wer eines solchen Weibes ohne innige Rührung gedenken kann, war nicht wert, an ihrer Seite zu leben. Ich habe ihrer kleinen Schwächen und Eitelkeiten erwähnen müssen, in so fern sie dem Schicksale meiner Tochter eine Richtung gaben, die nicht diejenige war, welche ich ihm zu geben wünschte. Aber sträflich wär's, gedächte ich nicht auch ihrer ungeheuchelten Frömmigkeit, ihres reinen, unbefleckten Lebens, ihrer Treue in Erfüllung aller häuslichen Tugenden, und der unverbrüchlichen, zärtlichen Liebe gegen mich. In diesem allen konnte sie ein Vorbild ihres Geschlechts genannt werden. Und was war sie mir dennoch durch ihren hellen Sinn für jede Art von wirtschaftlicher Ordnung! In allen Fächern des Hauswesens hinterliess sie Denkmäler ihres Fleisses und Ordnungsgeistes. Sie verstand in einem hohen Grade, Wohltätigkeit mit vernünftiger Sparsamkeit zu verbinden; eine Tugend, ich meine diese letzte, der wir Männer nicht immer mit der gehörigen achtung begegnen, weil sie mit unsern, im ehelosen stand angenommenen Gewohnheiten oft im Widerspruche steht. Wir übersehen im Unmute