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Mariane tat alles, was grobe Sinnlichkeit erregen, aber rechtschaffne Männerherzen gegen sie empören musste. Eiche wendete sich verächtlich von ihr, indess sie ihn, als einen unempfindlichen Pedanten, fahren liess, und nun auch aus Rache derb auf das insipide Landleben schmähte. Sie wiegte sich nachlässig mit ihrem Stuhl, unsrer gar nicht achtend, und fragte wohl zehnmal die Madame: "machen wir nicht bald unsre Partie?" – Gleich nach Tische rasteten die Damen auch nicht, bis sie die Karten in den Händen hatten. Ich war neugierig, was meine Tochter machen würde; und da entging es meiner Beobachtung nicht, dass die Mutter den Geldschrank aufschloss, und der Tochter Dukaten aufzählte. Wozu das, Mutterchen? Julchen kann unmöglich schon all' das Geld, das Du ihr schicktest, ausgegeben haben. Oder hast Du, Kind? – Julchen errötete, und es kam heraus, dass sie es im Spiel an Madame und ihre Mitschülerinnen verloren hatte. – "Julchen! Geld, wovon mein Meier, und jeder, der hier im Schweiss seines Angesichts sein Brod isst, mit Weib und Kind ein Jahrlang sich reichlich ernährt haben könnten? O, hat er auch D i c h schon ergriffen, der Herz und Geist tödtende Spieldämon! Nun, dann fahre wohl sittliches Gefühl, und alles, was das Weib zum weib stempelt! Diese Gier, dieses Erpichtsein aufs Spiel macht die Weiber unausstehlich, und richtet die Familien zu grund. Die Immoralität weiblicher Spielsucht springt so stark in die Augen, dass ich kein Wort darüber zu verlieren nötig habe." – Julchen wendete ein, sie spiele nur der Madame zu Liebe, und diese habe es überhaupt für nötig erachtet, sie mit den gangbaren Spielen bekannt zu machen, weil man ohne diese jetzt eine Null in Gesellschaften sei. Ich liess das hingehen, weil ich nicht gern mit meiner Herzenstochter, von der ich noch viel Freude erwartete, zürnte. Auch die Mutter redete für das Beste ihres Kindes, und entfernte sich bald darauf mit demselben in ein andres Zimmer.

Indess nahm ich E i c h e n auf die Seite, und fragte ihn um seine offenherzige Meinung von Julchen. Er sah sie schon halb mit Bräutigamsaugen, das heisst, er bemerkte nur die rosenfarbene Seite. Überall Vollkommenheit, sich entfaltende Geistesblüten, liebenswürdige Offenheit, und noch gar schöne Dinge, die ihn zum glücklichsten mann machen würden. So verschönernd war zwar meine Brille nicht; allein es tat mir doch im Herzen wohl, Julchen loben zu hören, und ich fing an, mich selbst für zu strenge und parteiisch zu halten. Nun fragte ich ihn, ob es nicht besser sei, dem jungen Dinge etwas von seinen Absichten merken zu lassen? er aber bestand darauf, ihr Herz müsse sich noch einige Jahre überlassen bleiben; indess wolle er sie nach und nach daran gewöhnen, ihn als ihren treusten Freund anzusehn. Denn, – setzte er hinzu, – er wolle die teure Gefährtin seines Lebens keiner Überraschung des Herzens, auch keinem flüchtigen Eindrucke der Einbildungskraft zu danken haben. – Alles schön und gut, Freund, sagte ich; wenn nun aber die Mädchen nicht so vernünftig behandelt sein wollen? Lässt man ihnen Zeit zu überlegen, sokurz, sie überlegen eigentlich nichts, sondern handeln nach momentanen Eindrückken, die sie uns als Früchte ihrer Vernunft verkaufen; und wenn der Reiz des Neuen und Ungewohnten für sie dahin ist, so – – genug, mich ahnet's, das Mädchen wird uns Sprünge machen! Sie wird Romane und Gedichte lesen, Komödien sehen, von ewiger glühender Liebe, von interessanten Verwicklungen und Hindernissen, die den Genuss würzen, und von dergleichen schwatzen hören; wird bunte, geschniegelte Herrchen kennen lernen; und dann, fürcht' ich, wird der schlichte schwarze Rock, der, verzeihen Sie's, ohnedem nicht mehr sonderlich hoch im Cours steht, mit der schlichten vernünftigen Liebe, die sogleich vom heiraten spricht, den gewünschten Eindruck nicht machen. – "Lieber Grüntal," sagte er mir freundlich die Hand drückend, "wollen Sie mir denn in nichts meinen Willen lassen? Ich werde in Berlin über Julchens fernern Unterricht selbst mit wachen können; sie wird mir auf väterliche Empfehlung ihr Zutrauen schenken, ich werde ihr ein treuer Bruder sein. Sollte ich denn nicht ihre Liebe verdienen können?" Er machte mir nun seinen Entwurf so anschaulich, dass ich selbst glaubte, meine Tochter könne für unsre Absicht nirgends besser als in Berlin, sobald er nur da sein würde, aufgehoben sein; als ob das alles so am Schnürchen ginge, als ob die Mädchen immer gutem Rate folgten, zumal wenn er grade ihre Lieblingsideen bestreitet! Es wurde nun auch noch verabredet, dass ich an meine Nichte, Karoline Falk, schreiben, und sie recht herzlich bitten sollte, die Mitaufsicht über meine Tochter zu übernehmen. Diese Nichte war in Berlin an einen Mann, der in einer guten Bedienung stand, verheiratet. Ihn kannte ich wenig, sie aber als eine person, die ihrem Geschlechte Ehre machte. Sie war es auch, die Julchens Religionsunterricht bei einem würdigen Geistlichen besorgte, welches mir einen Stein vom väterlichen Herzen gewälzt hatte.

Diese Unterredung stimmte mich so gut, dass ich den übrigen teil des Abends mit leidlichem Anstande der faden Unterhaltung beiwohnte. Freilich war's kein Schatten von dem Vergnügen, das mir dieser Besuch meiner Tochter eigentlich gewähren sollte; doch, genug von