an jedem ernstafteren Geschäft. Sie üben sich, Karaktere darzustellen, die nicht ihre eigenen sind; sie regen ihre Phantasie unnatürlich auf, und erfüllen sie mit Bildern einer idealischen Welt, wogegen die wirkliche, in die sie nun bald eintreten sollen, nicht immer zu ihrem Vorteile erscheint. Endlich noch werden sie unausstehlich eitel und pretiös. Die Schauspielkunst ist ein Bedürfniss unserer Zeit und Sitten geworden. Auch ich verehre hier in meinem Lindenau die ausübende Kunst und den talentvollen Künstler von ganzem Herzen, ohne eben zu wünschen, dass meine Tochter ein Talent erwerbe, von dem sie nie Gebrauch machen wird, oder s o l l . Julchen – indem ich meine Tochter bei der Hand nahm – versprich mir, dass Du nie eine Rolle übernehmen, dass Du Deine Veredlung auf andern Wegen suchen wirst. Das liebe Kind wurde ganz weich, und sagte: "gewiss, lieber Vater, ich will alles, was Sie gern sehen!" und die andern Mädchen sahen mich an, als dächten sie: "das ist ein harter, tyrannischer Vater." Auch hatte Mariane es nicht hehl, wofür sie mich ansah. Ich liess das gut sein, brach das Gespräch ab, und lief mit meinem Sohne in der Gegend umher, für die, wie ich leider! bemerkte, mein Julchen keinen Sinn mehr hatte.
Bei meiner Zurückkunft sah ich sogleich, dass Julchen geweint hatte. Wie? Tränen im väterlichen haus? Tränen statt der Freude des Wiedersehens? – Ich forschte, was es war, und es kam heraus, die Mutter hatte der Tochter das Leid geklagt, dass Fritz ein ordinärer Spiessbürger werden wollte. "Das werden Sie denn doch in Ewigkeit nicht zugeben!" sagte die Tochter gar altklug. Ich schalt nicht, gab mir auch nicht grosse Mühe, das eitle Ding zu belehren, sondern sagte kalt: Dein Grossvater war eben ein solcher Spiessbürger, ein Tischler; Dein Eltervater, ein Bäkker; und viele Deiner Verwandten sind ehrenvolle und geachtete Bürger. Dein Vetter, der Geheimerat in W .., sitzt auf der Festung. Der Grossonkel, Kapitän, ist wegen falschen Spiels kassirt. Der Vetter, Superintendent, wurde eines hässlichen Verbrechens halber abgesetzt. Seine Kinder bettelten und stahlen. Fritz wird ein Tischler, wird recht tun, und niemand scheuen; richte Dich so ein, dass er sich seiner Schwester nicht zu schämen braucht. Julchen erschrak über meinen Ernst, küsste mir schmeichelnd die Hand, und wollte noch etwas sagen; indem ging die Tür auf, und die Gäste, die zu Mittag geladen waren, erschienen.
Dies waren nun keine andern, als meine adlichen
Dorfgenossen und mein lieber Pastor E i c h e . Sobald die Duenna einen Gelehrten witterte, nahm sie weiter keine Notiz von mir armen Laien, sondern bestürmte den guten Mann mit fragen: ob er dieses oder jenes neue Buch gelesen habe? brach die gelegenheit vom Zaun, eine Abhandlung über die Juden zu halten, und ob diese im staat zu dulden seien? bei welcher gelegenheit sie mit ihrer Aufklärung und Toleranz zu prunken gedachte. Sie wurde äusserst entrüstet, als ich plumperweise äusserte, die Modewelt beweise ihre Toleranz vorzüglich darin, dass sie sich den gutgarnirten Tisch und Keller der reichen jüdischen Häuser gefallen liesse; und der jüngere und galante teil suche den Umgang romanhafter und excentrischer Israelitinnen teils aus Finanzspekulation, teils, um ohne Kopfanstrengung Beweise seiner hellen Denkart zu geben. Der Forstmeister, der keinen andern Juden kannte, als den, der ihn zur Zeit seiner Fähndrichswürde geprellt hatte, wurde höchst erbittert, und geriet mit der gelehrten Duenna in einen Streit, der weder von seiner feinen Lebensart noch von ihrer Sanftmut Beweise gab.
Indess dieses Paar wütend auf einander losging, und dabei des Weines nicht schonte, suchte fräulein von Lindenfels den rühmlichen Entwurf auszuführen, sich mit den sanften sittsamen E i c h e eine Lust zu machen, die darin bestand, dass sie ihm eine ganze Armade ihrer Reize entgegenstellte, und ihr Netz auswarf, um, wie Julchen es nachher berichtete, die platte Landpartie dadurch einigermassen pikant zu machen. Dieses fräulein war der Liebling der Erzieherin, weil sie zu den geforderten Geschenken das meiste Vermögen hatte; bei der gewöhnlichen Abend-Whistpartie ihr Nadelgeld, ohne scheel zu sehen, an die Madame verlor; nicht bemerkte, wenn Madame ihren Eleven, bei dem starken Kostgelde, elenden Kaffee gab, und, um die Triebräder der Maschine nicht in zu schnellen Umlauf zu setzen, ihnen Bier und ein Glas Wein versagte, womit sie den animalischen teil ihres Menschseins aber, in ihrem Boudoir, pünktlich zu stärken pflegte. Die Heuchlerin! Mariane war ein vorzüglich schönes Mädchen, lebhaft und witzig; ihre schönen schwarzen Augen wusste sie mit fürchterlicher Bedeutung zu gebrauchen. Ihr Witz war boshaft; ihr Verstand auf Kleinigkeiten und Modelektüre geschärft; ihr Anzug und ganzer Anstand üppig und dreist. Der arme E i c h e , der ihr gegenübersass, wusste nicht wohin? mit seinem bescheidenen Blicke, wenn sie mit ihm sprach; fasste sie ihn mit ihren brennenden Augen, so sank das seinige beschämt, und fuhr wieder erschrocken von ihrem frech entblössten Busen zurück, den auch nicht die dünnste Hülle einschränkte.
Was lässt wohl ein Mädchen von sich denken, dessen unsittlicher Anzug selbst Männern eine Schamröte abnötigt? das Stirn genug hat, die Blicke dreister Jünglinge nicht etwa bloss zu ertragen, sondern durch Stellung und blick zu noch grösseren Frechheiten zu reizen?