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ja versprochen, wegen des Plans zu Julchens Erziehung mit Ihnen zu Rate zu gehen. – Ach, werte Madame, fiel ich ihr ins Wort, zu einem Erziehungsplan ist es bei Julchen in der Tat zu spät; ihre eigentliche Erziehung ist vollbracht. Das Gebäude war aufgeführt, ehe ich sie Ihren Händen übergab; meine Frau wünschte nur noch einigen Putz und Stukkatur daran zu sehen. – – Gut, gut, Herr Amtmann; darauf verstehen wir uns besser, als sonst irgend jemand. Ich werde für alles, was ihre Verfeinerung befördert, sorgen. – Ich wollte, Sie sagten V e r e d l u n g , Madame. Nur dass die feine Politur nicht ganz das Originalgepräge mit fortnehme. Dieses habe ich immer sorgfältig bei einem jeden meiner Kinder sichtbar zu erhalten gesucht; ich habe sie, so früh es nur anging, selbstständige Wesen sein lassen, habe sie nie gezwungen, j a zu sagen, wo ihr Herz n e i n sagte, habe ihnen Widerspruch gegen die elterlichen Meinungen erlaubt; denn ich habe mir nie eingebildet, dass sich die väterliche Autorität über den Geist meiner Kinder erstreckte, und immer fest an dem Glauben gehangen, dass es in England deshalb so viel Originalität der Karaktere gebe, weil die Kinder früh wie Menschen behandelt, und nicht alle auf einer Drehbank zu gleichförmigen Marionetten gedrechselt werden. – Wir müssen uns indess doch nach den einmal eingeführten Gebräuchen richten, wenn wir uns nicht lächerlich machen wollen, entgegnete die Madame. – In so fern sie vernunftmässig, und dem Bedürfnisse jedes Individuums angemessen sind. – Aber wir entfernen uns zu sehr von unserm Zwecke; ich war willens, mit Ihnen über den Religionsunterricht meiner Tochter zu sprechen. – Wohl, Herr Amtmann! Wenn es denn nun einmal so sein muss, dass der grosse Haufen eine positive Religion hat, so wünschte ich wohl, dass die Mamsell Tochter – – "Bei den einfachen Begriffen bliebe, die ich ihr beigebracht habe!" fiel ich ihr hastig ins Wort. Ich habe sie die Religion Jesu früh an sich selbst und ihrem Nebenmenschen durch Liebe und Tat ausüben lassen; sie weiss bereits, dass es Dogmen und Unterscheidungslehren ihrer Konfession gibt, sie soll sie erfahren, und wenn ihr Verstand reifer wird, mag sie darüber nachdenken und weiter forschen. Sollte sie aber nie den hierzu erforderlichen Grad der Gesetzteit erreichen, je nun, so wandle sie schlicht und einfach ihren Weg, und tue nach dem Glauben, den sie von ihren Vätern empfangen hat. Was vor ihr Millionen Trost gewährte, wird auch diese zarte weibliche natur nicht im Stiche lassen. Diese Religion, die in unsern Tagen so undankbar verlästert wird, hat sich so entschieden in den Schwachen mächtig bewiesen, dass ich meiner Tochter keine kräftigere Stütze anraten kann, als die Ehrfurcht für sie. Ich vermag nicht, ächte Weiblichkeit von Frömmigkeit zu trennen, und ich gestehe Ihnen, dass der empörende dreiste blick der jetzigen jungen Mädchen mir immer ein Herz zu bezeichnen scheint, das sich keine Fertigkeit erworben hat, sich dem höchsten Wesen im Gebete zu nahen; kurz, ein vermessenes geschöpf, das sich nie vor seinem Schöpfer gedemütigt hat.

Madame hatte mich nur so lange sprechen lassen, um eine Rede zu komponiren, worin sie mir bewies, dass ich von dem allen nichts verstände; dass ich, als ein Landwirt, dem es mehr obläge, guten Dünger zu machen, als Erziehungsplane zu erdenken, nichts davon verstehn könne; sie dürfe, als die Tochter eines Gelehrten, schon ein wenig mitreden; sie habe R o u s s e a u gelesen, und, wie sie sich schmeichle, den K a n t nicht fruchtlos studiert. Nun kamen die grossen Worte "Moral-Prinzip, Kritik der Vernunft," u.s.w., wie am Schnürchen; bei der gelegenheit nannte sie sich selbst einigemal eine Freidenkerin, und dankte dem Himmel, dass sie sich von allem religiösen System losgerissen habe, und nun wie ein ausgescheuertes Gefäss sei. – Sie brachte dies alles in einem so hochfahrenden Tone vor, dass ich sehr froh war, als die jungen Mädchen sie um erlaubnis baten, der Frau Amtmannin die letzte Komödie, die sie aufgeführt, zu rezitiren. "Gott behüte!" entfuhr mir's; "auch Komödie wird gespielt! – Spielt denn meine arme Tochter da auch mit?" – "Noch ist Mamsell Julchen nicht so weit!" sagte eine Kleine sehr geziert.

"Gebe Gott, dass sie nie so weit komme!" erwieder

te ich mit einem Stossseufzer. – Was könnten Sie gegen kleine teatralische Übungen einzuwenden haben? Herr Amtmann! – fragte Madame sehr suffisant. – Durch nichts erwerben junge Damen mehr Grazie und Anstand, sich zu präsentiren.

Den jungen Berlinerinnen, die sich u n a u f h ö r

l i c h und ü b e r a l l p r ä s e n t i r e n , mag es Bedürfniss geworden sein, es mit Anstand und Grazie zu tun, damit diese Alltagsvögel, deren Gesichter durch das stete Präsentiren allen Reiz der Neuheit verlieren, doch etwas zum Ersatz auszubieten haben. Aber für was tauschen diese Komödienspielerinnen diesen Anstand wohl ein? Zu einer Zeit, wo sie einen Vorrat von Begriffen und Kenntnissen einsammeln sollten, in einem Alter, wo jede Minute kostbar ist, lernen sie Rollen auswendig, und verderben sich den Geschmack