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Tochter zur Antwort erhielt: "D a s w a r j a s c h o n a u s d e r M o d e ." Ich scheute mich nun, nach meiner Tochter Frömmigkeit und Sittsamkeit zu fragen, vielleicht hätte die Antwort auch gelautet: "M e i n H e r r , d i e s i n d j a l ä n g s t a u s d e r M o d e ." – Nach dem Frühstück beschäftigten sich meine Damen mit dem, was man in der Kunstsprache T o i l e t t e m a c h e n heisst. Ich dachte in allem Ernst, Julchen hätte sich wieder ins Bett gelegt, weil sie gar nicht wieder zum Vorschein kam. Freilich mochte sie bei der kopfbrechenden Arbeit mein wiederholter starker Stiefelgang vor ihrer Tür vorbei in Angst gesetzt haben. Sie erschien endlich ganz erhitzt, und in so feinen durchsichtigen Kleidern, dass ich eine Wielandsche Grazie vor mir zu sehen glaubte. Ich läugne nicht, dass der griechische Schnitt des Rocks des Mädchens Gestalt ungemein verschönerte; nur Schade, Schade, dass unser so ganz ungriechisches Klima diese an sich so schöne Tracht wieder zum Unsinn macht, und nichts als Gicht und Rheuma nach sich ziehen kann!

Es war nicht ganz Scherz, als ich Julchen, gar zierlich ihre Hand auf meinen Rockzipfel gelegt, zum Kanapee führte. Ihre Schönheit und Grazie hatten mich dummen Dorfkerl seltsam überrascht; ich neigte mich beinahe unwillkührlich vor meinem eigenen Fleisch und Blut. Das arme Kind aber nahm's für Satyre, und die Tränen traten ihr bei meiner Galanterie in die Augen. Ich fand nicht für gut, ihr ihren Irrtum zu benehmen; allein die Mutter, der die Augen vor Entzükken funkelten, war weniger zurückhaltend, und drückte ihr Wohlgefallen in den stärksten Worten aus. Da gab sich mein armes Putchen ein Ansehen, und nannte der Mutter so viel Moden und Modenamen her, sprach so kunstfertig vom J o u r n a l d e s L u x u s u n d d e r M o d e n , dass meine Frau, vor höchster Bewundrung, gar nicht wieder zur Sprache kam. Dagegen nahm ich das Wort, und schüttete aus, was mir so lange schon gegen dieses unvaterländische Buch, ich meine dieses L u x u s j o u r n a l , auf dem Herzen liegt. Dass es so lange besteht, und länger als so manche würdige Zeitschriften, ist zwar allerdings ein Zeichen, dass es seinen Saamen in sehr empfänglichen Boden ausstreut; welches besonders an solchen Orten der Fall ist, wo die erforderlichen Nippes und Zeuge gleich bei der Hand sind. Ich kann es auf Ehre beteuern, dass ich, in Leipzig besonders, Väter und Männer bittere Beschwerden über dieses Buch habe führen hören. Sobald es in dem Buchladen angekommen ist, sieht man die Schneider, mit dem magischen Büchelchen unter m Arm, wie wild hin und her laufen. Kleider, die kaum acht Tage seit ihrer letzten monatlichen Umschaffung im Schrank hingen, werden aufs neue geändert; wenn man nun den beständigen Arbeitslohn für alle Kleider, neben der Gabe der Schneider, aus Vielem wenig zu machen, in Rechnung bringt, so muss ein Hausvater ja wohl den pommeranzenfarbenen Hausfeind mit Schrecken ankommen sehen.

Nach und nach hatten nun auch die andern Damen ihre Toilettengeschäfte beendigt. Die Erzieherin erschien, völlig so jugendlich angetan wie ihre Zöglinge. Hier gab es ekelerregende Nuditäten, wie sie die ländliche Sittsamkeit, selbst bei säugenden Müttern, unserm Blicke vorentält. fräulein Mariane bezeichnete durch ihren Anzug die verwegenste Üppigkeit, ganz wie sie sich zu ihrem kühnen Blicke und ihrer festen unweiblichen stimme schickte. Ich zitterte, wenn dieses kühne geschöpf meiner Tochter mit der, in ihrem Verhältnisse liegenden Vertraulichkeit begegnete, und mit Schrecken bemerkte ich, dass Julchen eben an diesem verführerischen Mädchen vorzugsweise hing. Madame Brennfeld nahm bald gelegenheit, mich zu fragen, ob, und wo ich studiert habe? Als ich Halle nannte, fragte sie mich mit grosser Geläufigkeit nach allen, durch philosophische Schriften bekannten Professoren; gab Beifall, tadelte, hiess diesen tief, jenen seicht, mit einer Anmassung, wie sie mir noch nie bei einem weib vorgekommen war. Wenig gewohnt, mit Weibern d e r Art mich zu unterhalten, hätte ich mich beinahe durch die pomphaften Ausdrücke und scientifischen Worte verblüffen lassen, wäre es mir nicht durch einige ihrer Urteile, die mir noch aus einer gewissen gelehrten Zeitung ganz frisch im Gedächtnisse hafteten, einleuchtend geworden, wo der Weisheitsquell, aus welchem diese Dame schöpfte, anzutreffen sei. Bei näherer Untersuchung war es mir auch nicht schwer, zu entdecken, dass sie nie selbst urteilte, sondern, bei ihrem guten Gedächtnisse, bloss buchstäblich nachbetete; und wo die gelehrte Zeitung ihre Urteilskraft im Stiche liess, hatte sie gewiss ihr Vetter, der Kandidat, inspirirt. So seicht indess dieser Weiberkopf auch war, schien es ihr doch Herabwürdigung für sie zu sein, dass sie sich mit einem simpeln Landmanne über litterarische Gegenstände unterhielt, und auf meine gute Frau sah sie nun vollends wie auf ein tief unter ihr stehendes Wesen herab. Sobald ich dies merkte, brach ich ab, und brachte sie auf die, mir bei weitem wichtigere Materie, von meiner Tochter Ausbildung. Ja, es ist wahr, Herr Amtmann, – sagte sie, sich gewaltig hebend, – ich habe es Ihnen