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und nach bekam sie eine ordentliche Fertigkeitich will nicht sagen zu lügenaber dem, was ich nicht wissen sollte, auszuweichen. Dies betrübte mich recht herzlich, und ich war entschlossen, sie, trotz alles Widerspruchs, auf Ostern nach haus zu nehmen. So lange ich lebe ist es mir aber so gut noch nicht geworden, die Umstände regieren zu können; sie haben mich immer, ohne mein Zutun, da- und dortin geschoben. So ging mir's denn auch hier.

Einst an einem schönen Morgen kam unser Pastor E i c h e zu mir. Ich sah es seinem offnen gesicht bald an, dass er etwas auf dem Herzen hatte; es wollte sich irgend eine wichtige Mitteilung davon losarbeiten. Für's erste kam es heraus, dass er, ganz ohne sein Mitwirken, einen Ruf nach Berlin bekommen hatte. Zweitens erfuhr ich denn auch noch das, lange so sorgfältig verschlossene geheimnis, dass er Julchen liebe, und sie zu heiraten wünsche, wenn sie alt genug sein würde, und wenn sie, wie sich das von selbst verstände, ihm nicht abgeneigt wäre. Das wird sie nicht, rief ich, freudig ihn an mein Herz drückend; wenn sie nicht ganz zur Törin wird, kann sie das nicht! Aber wie? holen wir das Mädchen gleich her? – Ich würde dann leider! der Freude, sie zu sehen, bald verlustig werden: denn ich trete bald an, es ist kein Wittwenjahr zu bestehen, antwortete er, über meinen Eifer lächelnd. – Nun, Pastor, da ist was zu lachen! Meines Bedünkens wäre dies das Natürlichste. – Mein lieber Freund, ich erwarte von Ihrer gesunden Überlegung, dass Sie keinen raschen Schritt, in Ansehung des liebenswürdigen Mädchens, tun werden, deren Herzen meine Sache ganz zu eigener Entscheidung überlassen werden muss. Sie muss von unserm Plane auch nicht die fernste Ahnung haben; es würde ihrem jugendlichen Sinne einen harten Zwang auflegen, sie würde sich in den Willen eines so guten Vaters aus Gehorsam fügen, und, – halten Sie mir diese kleine Eitelkeit zu gute, – ich möchte gern mit Zustimmung ihres eigenen Gefühls gewählt werden, ihre Liebe und achtung mir verdienen, wenn ihre Vernunft Reife genug wird erhalten haben, um auch ein Wort zu meinem Besten mitzureden. Wie so manches gute Mädchen warf sich einem mann, den es nicht liebte, in die arme, weil es keinen andern kannte, und lernte dann zu spät d e n kennen, dem es mit ganzer Seele angehangen haben würde! – Wenn nun aber das Mädchen in der Stadt eitel wird, und ihr Herz verplempert? rief ich ungeduldig; denn, die Wahrheit zu sagen, auf solche Subtilitäten habe ich mich niemals eingelassen, – wie meine eigne Heiratsgeschichte das bezeugt. – So verliere ich ein Gut, worauf ich mein wahrscheinliches künftiges Glück berechnet habe; wenn Julchen aber mit einem Andern so recht nach ihrem Herzen glücklich wäre, würde ich, wie das Pflicht und notwendigkeit ist, zu resigniren wissen. – Beinahe wäre ich böse auf ihn geworden, weil mir das zu vernünftig vorkam; und ich hätte gewiss etwas Übereiltes gesagt, hätte er nicht mit dem sanftesten Ton, der je aus einem männlichen mund kam, hinzugesetzt: "Lassen Sie in Berlin sich ihre Talente ausbilden; sie wird eine desto liebenswürdigere Gesellschafterin für den Glücklichen, den sie einst wählt. In drei Monaten reise ich ja selbst hinüber, und ich verspreche mir viel von dem Vergnügen, ihr Zutrauen zu gewinnen, und dadurch in den Stand gesetzt zu werden, über ihre Bildung mit zu wachen."

Jetzt leuchtete es mir plötzlich ein, weshalb er es gern sah, dass das Mädchen in der Stadt bliebe. Die Freude, und der frohe blick in die Zukunft, die in meinen Augen alles wieder gut machte, hatte die üblen Eindrücke gegen die Pension bei mir verwischt; denn ich muss es nur gestehn, wenn es meine Freunde noch nicht selbst bemerkt haben sollten, dass ich mich, wie alle Schwächlinge, leicht von plötzlichen und augenblicklichen Eindrücken lenken lasse. Dabei kam es mir auch selbst beinahe so vor, als ob zur Bildung einer Stadtpfarrerin, noch dazu in dem superfeinen Berlin, etwas mehr gehöre, als ich meiner Tochter auf dem land zu verschaffen im stand wäre: worin ich aber ganz Unrecht hatte; denn ich habe nachher wohl eingesehen, dass mein armes Kind mit dem, was es bei mir gelernt hatte, gewiss nicht unvorteilhaft gegen viele andre würde abgestochen haben.

Indess nahm ich mir vor, ihre Neigungen auszuforschen. Ich schrieb deshalb an Madame Brennfeld, ob sie mir meine Tochter zu Weihnachten wohl zukommen lassen wolle? Wie mich das verdross, dass ich mich in die notwendigkeit gesetzt hatte, von einer Fremden V a t e r f r e u d e n zu erbetteln! Ich erhielt bald eine bejahende Antwort, dass nicht allein Julchen, sondern auch die Frau Erzieherin selbst, nebst einem Schwarm kleiner gnädigen Gänselein entschlossen wären, während des Festes meine arme Landhütte mit ihrer hohen Gegenwart zu beehren.

Das war mir nun äusserst fatal; denn ich wollte meinen Fritz auch holen lassen, und einmal wieder ein Weihnachtsfest nach der alten Weise feiern. Ich musste indess süss dazu aussehen, so sauer mir's auch ankam, und war im grund doch seelenvergnügt, weil ich gewiss hoffte, E i c h e würde mein Schwiegersohn werden. "Ei