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eigenes kennen, – rief ich, so angegriffen, dass meine Frau für nötig fand, mir zur Beruhigung, wie sie glaubte, zu sagen, ich solle doch auch billig sein, und bemerken, wie tugendhaft unser Kind sei; wie böse sie geworden, da der Kornet zu dreist wurde. Was kannst Dusagte sievon so einem rechtschaffenen Gemüte besorgen? – Sie soll mir aber mit keinem Kornet tanzen! rief ich, so aufgebracht, dass mein Weib leichenblass ward. – Und überhaupt, da kennst Du Dein Geschlecht sehr wenig, wenn Du nicht voraussetzest, dass d i e s e r Tanz und d i e s e Stellungen, und das ganze süsse Geschwätz des jungen Menschen ihr nicht ganz vorzüglich wieder einfallen werden. Das sind eben die Szenen, die sich ihrer Einbildungskraft immer verschönert wieder darstellen; das sind die Vergnügen, gegen welche ihr das Landleben armselig erscheint. Ein grosser Kenner des menschlichen Herzens, Cervantes, setzte ich hinzu, lässt den Sancho sagen: "Wenn ein Jüngling einem Mädchen nur ein einzigmal sagt: i c h l i e b e D i c h , so flüstert der Teufel es ihr wohl hundertmal ins Ohr, bis sie über und über in Liebe auflodert."

"grosser Gott!" seufzte meine Frau erschrocken, und faltete ihre hände. Hinterher sagte sie ganz sanft: "Nun wohl, Männchen, wenn das Jahr aus ist, nehmen wir sie wieder in das Haus. Gesetzt nun aber, sie machte in der Stadt ihr Glück?" Liebe Frau, davon träume nicht; unter den Adlichen, die das arme Mädchen verächtlich behandeln? Denkst Du denn überhaupt, dass die jungen Mädchen, die von einer Lustpartie zur andern forttaumeln, je ein vernünftiges Glück machen können, und dass ein gescheuter Mann sich seine Gefährtin auf dem Ball aus dem leichtfüssigen Haufen wählen wird? – Tanzen ist doch aber an sich eine recht unschuldige Sache, sagte meine Frau in einem so friedlichen Tone, dass sie mir ihre ganze unschuldig verbrachte Jugend darlegte. A n s i c h , da hast Du recht, mein liebes gutes L i e s c h e n , und wie D u getanzt hast. Das geschah bei sittlichen Familienfesten; da tanztest Du eine ehrbare Menuet, und wenn's rasch ging, war's ein feierlicher Polonoisengang, bei welchem Deine Lebensgeister in ihren stillen Pulsen blieben. So musst Du Dir aber die Pickeniks in den Städten nicht vorstellen; da ist ein zusammengeraffter Haufen oft sehr leichtsinniger Männer, von denen der beste oft nicht wert ist, den Handschuh eines rechtlichen Frauenzimmers zu berühren. Hier aber hat er sich für s e i n G e l d das Recht erkauft, sich so lustig zu machen, als es die Umstände nur immer zulassen, und die Mädchen, welche sich zu dieser Lustbarkeit einfanden, nach Belieben wacker herumzuschwenken. Da werden rasche, wilde, ja tolle Tänze getanzt, welche die Sinnlichkeit unfehlbar aufBald darauf beantwortete ich meiner Tochter Tagen e h m e n F r e u n d s c h a f t e n , über deren Unzuverlässigkeit sie nun schon einige bedeutende Erfahrungen gemacht hatte; denn es ist immer Hundert gegen Eins zu wetten, dass es für bürgerliche Personen in adlichen Gesellschaften s e l t e n o h n e D e m ü t h i g u n g abgeht, ob ich schon, zur Steuer der Wahrheit, hinzusetzen muss, dass sich der B r a n d e n b u r g i s c h e A d e l durch Humanität auszeichnet, weil er für ächte Geistesbildung Sinn, und das trefliche Beispiel der ersten Personen im land vor Augen hat. Allein nach meinen Begriffen ist die Gleichheit, in mehr als einer Rücksicht, Erforderniss zur Freundschaft; der adeliche Freund kann Jahre lang den freundlichsten Umgang mit mir pflegen; plötzlich tritt ein Vornehmerer dazwischen, und der bürgerliche Freund wird verläugnet.

Zugleich schrieb ich an die philosophische Bonne, ersuchte sie in den höflichsten Ausdrücken, meine Tochter, die nie auf Reichtum zu rechnen habe, n u r b ü r g e r l i c h leben zu lassen, und sie, so viel möglich, für diese ehrenvolle Klasse zu bilden! Ich hätte freilich so meine ganz eigenen Grundsätze in Ansehung öffentlicher Lustbarkeiten, und fügte schliesslich, zur Unterstützung meiner ganz gehorsamen Bitte, ein Fässchen Butter, und was sich sonst noch so an Küchenpräsenten transportiren liess, dem Briefe bei.

Dies tat seine gehörige wirkung; ich erhielt bald darauf die verbindlichste Antwort, dass sie sich meine Absichten ganz gern gefallen liesse. übrigens sei es aber grundschade, Julchen wäre für eine höhere Sphäre geschaffen; viele ihrer Anlagen hätten sich zum Erstaunen schnell entwickelt, ich würde sie kaum wieder kennen. – Zuletzt denn noch ein künstlich gedrechselter Dank für die excellente Butter, und eine verblümte Aufforderung, bei so guten Dispositionen zu verharren, welches sich meine gutmütige Frau nicht umsonst gesagt sein liess. Fragte ich nach diesem und jenem, so lautete die Antwort: "liebes Männchen, das habe ich J u l c h e n s M a d a m e geschickt." dafür wurde denn die treuherzige Mutter immer mit einem Lobspruche auf das gute Betragen der Tochter erquickt. Auch hatte das Mädchen wirklich so erstaunlich profitirt, dass ich sie hin und wieder schon auf mancher kleinen Unaufrichtigkeit ertappte. Nach