ich will nicht ehrlich sein, wo sie seit dem Pensionsleben fünf Worte in dieser Sprache von sich gegeben haben. Der Bücher, des Lesens wegen? Haben wir denn etwa der d e u t s c h e n Bücher, und der gewiss guten Übersetzungen nicht genug? Als ich noch Student war, kam ich einst zu einer Frau Professorin, die im Rufe der Gelehrsamkeit stand. Sie las in einer englischen Ausgabe, von Tomsons Jahrszeiten; ich gab zu erkennen, dass ich es nicht im Original gelesen hätte; so, sagte sie, also hat man das auch deutsch? Wer hier die Pedanterie nicht mit Händen greift, muss Handschuhe von englischen Sohlleder tragen.
Gesetzt nun, die französische Sprache wäre, wie Sie glauben, unentbehrlich, gibt es denn gar keine Mittel, diesen Talisman an sich zu bringen, als das unseligste, die Töchter deshalb auf Jahre, die gerade die gefahrvollsten sind, der mütterlichen Aufsicht zu entziehen? Und sollen denn die Töchter ihre, vielleicht ganz alltäglichen Gedanken, durchaus in einer andern als der lieben Muttersprache auszudrücken wissen; so setze man gewisse leere Stunden dazu aus, und nehme einen rechtschaffenen Lehrer an, der ihnen dann in einem halben Jahre das beibringt, was sie sonst oft mit Aufopferung ihres ganzen moralischen Karakters in vielen Jahren entweder gar nicht, oder doch sehr unvollkommen lernen. Überdem, wie lernen sie es in den kostspieligen Instituten? Ich weiss der Beispiele genug, wo nach den eigentlichen Lehrjahren doch durch einen Sprachlehrer nachgeholfen werden musste. Hierzu kommt: dass, wo ein Frauenzimmer die Sprache lehrt, dieses nur immer unvollständig geschehen kann; denn welche spricht ihre Sprache nach Regeln? – Den französischen Sprachlehrer lasse ich indess nur für grosse Städte zu, wo diese Sprache oft ein Mittel werden kann, ehrlich durch die Welt zu kommen. Schickt aber ein Mann vom land oder aus einer kleinen Provinzstadt seine Mädchen nach der Residenz, und opfert seinen besten Erwerb auf, um sich ein Zierpüppchen zurechtdrechseln zu lassen, das in seinem Haushalte nachher zu nichts taugt, als die Köpfe zu verwirren, so ist er was ich war, – wozu ich mich beschwatzen liess, – ein Narr! – Und wenn nun auch unter hunderten drei vernünftig bleiben, und einen zweckmässigen Gebrauch von dem Erlernten zu machen wissen, sollen denn, um der drei willen, sieben und neunzig verdorben werden? Überdem, was erwächst nicht für Nachteil aus der unseligen Vermischung der Stände in den Pensionen? Es liegt in der natur der Sache, dass der Geringere sich nach dem, den er für vornehmer hält, bildet. – Dies tun Erwachsene, wie sollten es Kinder nicht tun? Gehen sie in die erste die beste französische Schule, oder in das französirte Institut einer deutschen Erzieherin, da finden sie Gräfinnen, fräulein, Geheimeratstöchter, und so hinunter und herauf, durch alle Klassen des bürgerlichen Lebens. Die Tochter des Handwerksmannes wird eben so gemodelt, wie das fräulein. Für diese Klasse mag das schon gut sein, allein, was fängt die Handwerkerstochter nun mit dem Zeuge an? Bei ihres Gleichen findet sie keinen Mann von ähnlichem Modeschnitt; sie sieht sich unter den Söhnen des Landes um, ob ihr einer anstehe. Ist sie reich, so findet sie einen, so brüstet sie sich mit dem Titel desselben, staffirt sich modisch heraus, und bringt nun in ihren Kotterieen alles an, was sie noch von der französischen Schule wie am Schnürchen hat; sie erzieht Kinder, denen sie den verstimmten Ton von Jugend an vorsingt, und so geht's aus Generation in Generation, wenn nicht ein Trübsalswind die bösen Dünste vertreibt; und das kann bei der üppigen Lebensweise kaum fehlen. Muss eine solche verbildete Bürgerstochter sich, ihrer Glücksumstände wegen, mit einem Handwerker, wie ihr Vater war, begnügen, so verbittert sie ihm das Leben, oder achtet auf die Schmeicheleien eines Galans, der sich ihres ehelichen Missverhältnisses bedient, sie zu verführen. Grüntal sprach so eifrig, dass er nicht merkte, wie schläfrig seine Zuhörer waren, bis die Pastorin das Signal zum Aufbruch durch ein unverhaltenes Gähnen gab. Grüntal verstand es, und ging; war aber so voll von seinem gegenstand, dass er sich zu haus noch hinsetzte, und seine geschichte schriftlich fortzusetzen anfing. Ich erhielt Julchens Tagebuch, oder wie ich es sonst nennen soll, da meine Frau sich eben nicht zu haus befand. Wie mir dabei zu Mut war, kann sich nur der vorstellen, dessen liebste Hoffnungen schon getäuscht wurden. Kaum ein Vierteljahr aus dem väterlichen haus, und schon mehr als die ersten Spuren offenbarer Verirrung! O der armen zerbrechlichen Menschheit! Mein gutes Weib kam, und ich musste wohl sehr wild aussehen, denn sie erblasste, und fragte zitternd: was mir widerfahren sei? Da, lies nur, sagt' ich; hier ist was von Julchen. – Doch nichts Schlimmes? Nicht viel besser als schlimm, antwortete ich, indem ich ihr den Brief hinreichte. – Sie las, und warf sich, da sie gelesen hatte, mir um den Hals. Bester Mann, sagte sie sanft weinend, mache mir keine Vorwürfe; ich habe es, weiss Gott, herzlich gut gemeint. Sieh' nur, Männchen, wir müssen der Madame schreiben, dass sie Julchen besser in Acht nehmen soll. – Das kann keine Fremde; das kannst Du nur und ich, wir, die ihr junges Herz geformt haben, und es wie unser