es wahr ist, dass die Seligen musiziren, so muss es gewiss in solchen Tönen sein; und ich möchte, für mein Leben gern, einen Mann sehen, der sich solche himmlische Melodien ausdenken kann. Ich war ganz ausser mir, und wusste gar nicht mehr, wo ich, noch mit wem ich war. Alles andere kam mir so recht schaal vor. Mich dünkt, Musik macht ordentlich fromm und andächtig. Mein Herz war so weich wie Wachs, und es gingen schnell allerlei rührende Vorstellungen durch meine Seele, die zwar keinen recht bestimmten Gegenstand hatten, aber ich war doch gewiss zu allem Guten aufgelegt.
Allein auch dieses Vergnügen ging nicht ohne alle Unannehmlichkeit ab. Unterweges, als wir hinfuhren, war das fräulein sehr freundlich gegen mich; auch der alte Herr fragte mich so gutmütig nach allerlei Dingen, von Lindenau, von meinen Eltern, etc., und schien mit meinen Kenntnissen recht zufrieden zu sein. Sobald wir in den Konzertsaal getreten waren, sah sich Vater und Tochter aber gar nicht mehr nach mir um, und ich war in Todesängsten, dass ich sie in dem Gedränge verlieren würde; denn mich an den alten Herrn zu halten, hatte ich nicht das Herz. Endlich erreichte ich sie doch, als sie sich eben in der vordersten Reihe gesetzt hatten, und setzte mich neben Marianen. Mir war es so recht Bedürfniss, mit jemanden mein Vergnügen zu teilen; aber wenn ich sie anredete, sah sie gerade immer wo anders hin, oder rief einen von den vor uns stehenden Herren heran. Ein ältlicher Mann, der wohl sehr vornehm sein musste, denn er trug ein Ordensband, fragte sie, wer das schöne Mädchen neben ihr sei? ob es zu ihrer Gesellschaft gehöre? Ich weiss nicht wer sie ist, antwortete sie ohne Anstoss. Da dachte' ich, er könne mich auch wohl nicht gemeint haben, und ich schämte mich, dass ich das Wort s c h ö n auf mich gezogen hatte. Allein nach dem Konzert, da sie der alte Herr, den sie Excellenz nannte, herausführte, liess sie mich auf gut Glück zurück, ohne sich nur ein einzigesmal nach mir umzusehen. Ich drängte mich in der Angst mit Gewalt durch, kam aber doch zu spät, denn eben rollte der Wagen fort. Da stand ich nun weinend, in Angst und Verwirrung, als plötzlich, wie ein Engel, mir Marianens Bruder erschien, und mich dadurch, dass er mich zu haus führte, aus der grössten Verlegenheit riss, in der ich in meinem Leben gewesen bin. Mariane war schon lange vor mir angekommen, und hatte es der Madame geklagt, dass ich mich gar nicht zu ihr gehalten hätte; sie hätte sich Mühe genug um mich gegeben, aber mit solchen kleinen Landputen sei nichts anzufangen. Madame schalt mich, in Ausdrücken, die ich nie von ihr zu hören vermutet hätte, ja ich möchte sagen, sie habe mich geschimpft, denn d u m m e s T h i e r kann doch wohl gewiss für geschimpft gelten. Ich sei der Ehre nicht wert, sagte sie, die mir ein fräulein von solchem stand erwiesen habe. Zuletzt kam es noch darauf hinaus, dass ich förmlich abbitten musste! O wie wehe tat mir diese schreiende Ungerechtigkeit; eine solche Behandlung habe ich noch nie erfahren. Ich litt alles ganz still, hielt es aber, als wir allein waren, Marianen vor. Sie umarmte mich, weinte, und bat, ich solle es ihr nur diesmal verzeihen, sie würde mir gelegentlich sagen, warum sie so habe handeln müssen. Die Madame könne ich bald versöhnen; sie sei entsetzlich geizig, und wenn ich ein Stück Zeug zum Geschenk für sie hätte, habe ich alle Freiheit, zu tun, was ich wolle. Ich erschrak, und sagte, dass ich es nimmermehr wagen würde, ihr etwas anzubieten. – Ach, warum nicht? antwortete das fräulein lachend, an die zierlichen Sentenzen, womit sie um sich wirft, muss man sich nicht kehren; es ist eine ganz gemeine Seele! Gieb den schwarzen Taffet her, den Dir die Mutter geschenkt hat; er ist zum Mantel. Sie riss ihn mir weg, und fort war sie damit. Sie hatte ihn ihr wirklich in meinem Namen gebracht; dafür nannte sie mich ein gutes liebes Kind.
Nun muss ich schliessen. Morgen gehst du, ehrliches Päckchen, nach dem lieben Lindenau. Ach, tausend Grüsse für die besten Eltern! Mein Bruder wird mit dieser gelegenheit auch schreiben; er hat mich besuchen wollen, als ich eben im Konzert war. Ich küsse meinen lieben Eltern die teuren hände, u.s.w. Lieber Amtmann, begann in der Pause, die jetzt Grüntal machte, die Frau Pastorin, ich gestehe Ihnen gern, dass in dem allen viel Abschreckendes für Eltern liegt, die ihre Kinder ausser dem haus wollen erziehen lassen. Aber sagen Sie nur, wie sollen die Kinder Französisch, und was sonst noch zur feinen Ausbildung gehört, lernen? denn heutiges Tages gehört doch das Französische zu den ganz u n e n t b e h r l i c h e n Dingen. U n e n t b e h r l i c h ? rief der Amtmann; nennen Sie mir unter h u n d e r t Frauenzimmern d r e i , denen es unentbehrlich wäre! Sie verstehen es, aber wozu?