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Luter einmal gesagt.

Als ich mich des Tanzens schon begeben hatte, die fräulein aber nicht mehr recht fort konnten, kam Marianens Bruder, und zog mich aus meinem Winkel hervor. Die junge Rätin hatte es abgeschlagen, weil sie heute gar nicht tanzen würde. Jetzt verging mir vor Blödigkeit beinahe hören und Sehen. Ich habe noch nie anders, als einige Menuets auf meiner Cousine Hochzeit, getanzt, und dazu munterte mich mein lieber Vater selbst auf. Die starr auf mich gerichteten Blicke meines Mittänzers brachten mich vollends aus der Fassung, und ich wusste nicht wohin? mit meinen Augen. fräulein Mariane lachte mich entsetzlich aus; sieh' meinem Bruder nur immer ins Auge, sagte sie, er ist ein guter lieber Junge: nicht wahr, Louis? Der Kornet küsste ihr und mir die Hand mit recht ungezwungener Art, und sagte mir auch viel Schönes, wie gut ich es gemacht hätte. Da ward ich etwas dreister; und nachdem mir Mariane warmen Punsch zu trinken gegeben hatte, verlor sich meine Schüchternheit ganz, so dass ich es sogar wagte, mich in eine Quadrille einzulassen. Hier glaube ich, etwas von der Ursache bemerkt zu haben, weshalb mein lieber Vater oft sagte, er möchte mich lieber auf dem Krankenbette, als in dem Taumel eines wilden Tanzes sehen. Es ist ganz unmöglich, bei der betäubenden Bewegung, durch welche man schwindlich wird, genau auf sich Acht zu haben, und sich der Dreistigkeit mancher zudringlichen Mannspersonen zu entziehen. Ich schämte mich recht über die vertrauten Stellungen, die man gegen seinen Mittänzer annehmen muss; unglücklicher Weise fiel mir gerade in dem Augenblicke ein, als ich vor den jungen Offizier hintrat, recht keck balanzirte, und mich ein wenig zu zieren bemühte: "wie, wenn jetzt Dein guter Vater, und der sittsamste aller Männer, unser Pfarrer E i c h e , hereinträten, wie würde ich ihnen wohl in der Stellung erscheinen?" Ich sah in dem Augenblicke, als ich so dachte, gewiss recht einfältig und weinerlich aus, als ich darauf meinem Moitie in die arme eilte, und dahinschwebte, indem er mich im betäubenden Kreisel wie davon trug. Ich machte mir allerlei ängstliche Vorstellungen. Der Zustand kann nicht beschrieben werden; es war mir wohl und wehe, und ich fand mich so erhitzt, dass ich wohl nicht bei vollem deutlichen Bewusstsein war, als ich mich, ohne es selbst gleich zu merken, an meinen Tänzer schmiegte. Dieser Rausch, denn so war es, würde vielleicht länger angehalten haben, wäre der Kornet nicht so dreist geworden, unter dem Vorwande. an meine Blumen zu riechen, einen Kuss auf meine Brust zu drücken. Ich war höchst beleidigt, und sprach in einem recht aufgebrachten Tone, was alles, weiss ich nicht mehr. Da kam Madame Brennfeld dazu, und fragte was es gäbe? Der Kornet erzählte den Vorgang auf eine lustige Weise, und Madame, statt es ihm zu verweisen, sagte zu mir: "Mon dieu, Julie, que cela sent le village! N'apprendrez vous donc jamais, ce que c'est qu'un badinage?" Wär' ich doch nur zu haus bei der tauben Französin geblieben! sie ist wenigstens gutmütig, und beschämt einen nicht vor den Leuten. Der ganze Ball war so einen Verdruss nicht wert. Das soll mir nicht wieder begegnen.

Das hiess doch aber im Ernst, seine Zeit verschleudert! einen Tag um die Anstalten zum Ball, Haarkräuseln und hundert Kleinigkeiten zu machen; dann der Ball selbst, und den dritten Tag das Dämischsein. Aber so ermüdet ich war, schwebte mir doch, ich möchte sagen um so lebhafter, die Musik und das ganze bunte Gewirr vor, und, wie mich dünkt, in weit schönerer Gestalt, als es wirklich gewesen war. Selbst wenn ich mich zwang, etwas vorzunehmen, kamen diese Vorstellungen immer, so zu sagen, von selbst wieder, und so warm, dass mir das Herz recht davon wallte. Einigemal fiel mir s ein, ob unsere kleinen Familienfeste, die wir manchmal mit unsern Nachbarn feierten, mir auch wohl solche Bewegungen zurückgelassen hätten. An meine guten Eltern dachte' ich zwar wohl mit Liebe, aber – – ich habe es ja dem guten Vater versprochen, immer alles aufrichtig zu sagen; und da darf ich es nicht läugnen, dass wenn ich mir das Landleben gegen diese Stadtvergnügen dachte, sie mir einförmig, ja ich möchte beinahe sagen recht armselig, vorkamen. Das jammerte mich dann wieder, und ich bat es den guten Landleuten ab. Ich hoffe, ein Brief von meinen Eltern wird mich beruhigen, und diese gar zu lebhaften Eindrücke wieder verwischen. Den 21sten.

Das geht! Aus einer Lust in die andre! An dieser Freude wird mein Vater gewiss nichts auszusetzen haben; er, der selbst Musik über alles liebt! Ich bin in einem Konzert gewesen. Madame Brennfeld erwartete eine gelehrte Gesellschaft, die sie gern ungestört geniessen wollte; darum erlaubte sie uns allen, einigen hier, andern dort hinzugehen. Ich fuhr, zu meinem unaussprechlichen Vergnügen, mit fräulein Mariane und ihrem Vater, dem alten Baron, ins Konzert. Sie gaben E r w i n und E l m i r e , da hätte mein Vater die Arie: "Ihr verblühtet, süsse Rosen, etc." von der Mama einmal beruhigt wurde, als sie ein starkes Fieber hatte, hören sollen! Wenn