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sah er recht gräulich aus, und wollte sogar mich in die Backen kneipen. Ich trat zurück, und dachte: so was leide ich von einem Fürsten nicht! "Kleiner schüchterner Narr," fletschte darauf der Alte, und fragte: "Sie ist wohl noch nicht lange hier?" – Ach, ich war so verdrüsslich, dass Madame mir leise sagte: "Mon dieu, quel visage! Prenez garde à ce que vous faites, Julie."

Des Fräuleins Tante, eine bejahrte aber sehr munter gekleidete Dame, machte die Wirtin. Es ist vielleicht nicht ganz recht, dass ich Anmerkungen zu machen mir herausnehme; allein ich kann mich nicht entalten, einer Sache zu erwähnen, wogegen mein ganzes Herz sich empört, wie Madame immer zu sagen pflegt. Einst sprach mein lieber Vater über weibliche Kleinheiten, und rügte die Bitterkeit, mit der die Frauenzimmer oft Abwesende behandeln. Da meinte meine sanfte, immer gütige Mutter: so hässliche Gemüter gebe es schwerlich, wie der Verfasser, aus dem der Vater uns vorlas, sie schilderte. Hier ist, was ich selbst mit angehört habe. Die Tante sagte, als alle im Kreise um sie sassten, und sie den Tee machte, auf eine lustigseinsollende Art: (aber sie sah recht garstig dazu aus) wir werden heute etwas von der komischen Art haben; eine Repräsentation in aller Form. Meines Bruders Agent, der Rat M.., wird heute seine junge G e m a h l i n (auf dieses Wort legte sie einen besonderen Nachdruck) vorstellen. – "So?" sagten verschiedene alte Damen zugleich; "und wer ist sie, wenn man fragen darf?" – E i n e s e h r b a r e n H a n d w e r k e r s T o c h t e r ; ich glaube Steinmetz oder Kupferstecher war der Vater. Er hat bei dem Bau im neuen schloss viel verdient. Sie nannte ihn, ich habe aber den Namen nicht behalten. Darauf sagte eine angenehme Dame von mittlern Jahren: "O, das ist ja der berühmte Bildhauer! Da freue ich mich, dessen Tochter zu sehen;" aber die vornehme Erzählerin bemerkte es kaum, und fragte: ist Bildhauer und Steinmetz nicht einerlei Handwerk? – dann fuhr sie fort: "sie soll eben nicht hässlich aussehen; hat sich auch als F r a u R ä t h i n schön herausstaffirt. Nun, der Rat musste wohl aufs Geld sehen; er war ein armer Schlucker, und wenn mein Bruder ihm nicht fortgeholfen hätte" – – "Ich erinnere michfiel hier eine ganz alte verzerrte Oberstin einwenn ich nicht irre, ist bei dem Mädchen 'mal so etwas passirt; so etwas Kleines, von einem Offizier. – – Ja, wenn die Bürgermädchen ein bischen gut aussehen, so wird so viel Aufsehens gemacht, indess manches fräulein aus dem besten haus sizzen bleibt." – Mariane winkte mir boshaft zu, und blickte auf ihre Tante; ich fand das alles nicht hübsch, und sah wo anders hin. – "Neveu, fuhr die Tante fort, indem sie einem jungen Offizier eine Tasse reichte, ich dächte, Sie gäben uns die Farce, den jungen Ehemann ein wenig eifersüchtig zu machen." Ehe der Neveu antworten konnte, flog die Tür auf, und der Rat trat mit einem wirklich schönen jungen Frauenzimmer herein. S o e b e n s p r a c h e n w i r v o n I h n e n , meine c h a r m a n t e Rätin, schrie das alte fräulein, und ihre Augen funkelten so, als wenn unser schwarzer Mausekater im Dunkeln sitzt; dabei eilte sie ihr mit offnen Armen entgegen. (Wie konnten diese guten Leute es sich wohl träumen lassen, dass sie einen Augenblick vorher so jämmerlich waren zerrissen worden?) "Ich achte es für ein Glück, dass es mir vergönnt ist, der Gesellschaft ein so würdiges Paar vorzustellen." Die alte Dame, die von dem K l e i n e n gesagt hatte, musste sich doch noch schämen können; denn sie sah aus wie das böse Gewissen, und als die Reihe an sie kam, die junge Frau zu küssen, blickte sie seitwärts. – Gewiss, die junge Frau betrug sich weder lächerlich, noch auf irgend eine Art unschicklich; auch war sie bei weitem die Schönste und am besten Gebildetste in der ganzen Gesellschaft.

Bald nachher fingen sie an zu tanzen. Menuet's tanzten nur einige bejahrte Herren und Damen, und die jungen Tänzer standen schon Paarweise bereit, ihre muntern Tänze anzufangen. Diese begannen denn auch so rasch, dass sie bald, wie die Bindermädchen hinter den Mähern, glühten. Einige Stundenlang tanzten die Adlichen erst nur unter sich; mir fing an die Zeit lang zu werden, obschon ich im grund froh war, dass man mich vergass. Mir fiel ein, was mein Vater einst zur Mutter sagte, als die Forstmeisterin sich so impertinent in unserm eigenen haus aufführte: "B l e i b ' b e i D e i n e n G e n o s s e n , s o w i r s t D u n i c h t v e r s t o ss e n ." Das hat, glaube' ich,