Geringern. Mein Bruder ist mir auch mit einem seiner Lehrer begegnet. Ach! wie der arme Fritz so steif gegen die andern aussah. Meine Gefährtinnen lachten über ihn, da habe ich recht weinen müssen. Wenn es ihm der liebe Vater doch schriebe, dass er sich ein wenig mehr nach seinen Mitschülern richtete, den Zopf nicht so dicht an dem kopf, und die Locken nicht so geklebt trüge. Freilich ist es mir manchmal ordentlich, als ob er so ehrlicher aussähe als die andern.
Zuletzt als wir uns ganz müde gesehen und gelaufen hatten, fuhren wir auf Bauernwagen zurück. Mir hüpfte recht das Herz vor Freude, als ich den Korbwagen bestieg. Wenn es so nach Lindenau ginge, dachte' ich, und doch war es auch als wäre mir bei der Vorstellung ein wenig bange. Vom Tor an gingen wir durch die Lindenallee zu haus. Da stand ein Mann mit einem Raritätenkasten, der Kaiser und Könige auf seine eigne Art reden liess. Mit einemmal aber hiess es: "da werden sie sehen den Herrn Christum am Kreuz!" und alles lachte und belustigte sich daran. Mein Gott, ich habe das schon so oft bemerkt, dass sich die Leute hier nicht so recht viel aus dem Herrn Christus machen. Das sagen auch meine Mitschülerinnen, sogar unser Hausgesinde; wenn sie unter einander sprechen, und bei diesen Spöttersinn erlaubt man auch noch, dass diese heilige geschichte so öffentlich prostituirt wird? Mir traten Tränen in die Augen, und ich liess meinen Unwillen darüber merken; da wurde ich ausgelacht, und selbst Madame Brennfeld sagte, es wäre recht gut für mich, ich sollte nur bei meinen ländlichen Ideen bleiben. Wenn meine Vernunft mehr Fortschritte gemacht haben würde, wäre mir das Weiterforschen unverwehrt. Mir wird ganz bange, lieber Vater! Bei solchen Reden scheine ich mir so einsam, als wäre ich unter einer fremden Nation, oder unter Juden, die meines Glaubens nur spotteten. Den 16ten.
Ach! ich bin recht entsetzlich erschrokken! Ich und alle Pensionnairen sind zu einem Ball, bei dem Vater der fräulein Lindenfels, eingeladen; er will ihren Geburtstag feiern. Ein Ball! in meinem Leben habe ich nicht geglaubt, auf einen Ball zu kammen. Es muss etwas erstaunlich Schönes sein, denn sie sind Alle ganz ausser sich. Ich würde mich auch noch mehr darüber freuen, wenn ich gewiss wüsste, dass mein lieber Vater es gern sähe. Wenn er doch recht ausdrücklich beföhle, wie ich mich in gewissen Fällen verhalten soll! Ich vermag es nicht, zu läugnen, dass ich den morgenden Tag kaum erwarten kann; und die Ungewissheit, ob ich recht tue mich zu freuen, ist mir ordentlich zur Last, so dass ich die Andern beneide, wie die sich so ungestört ihrem Entzücken überlassen. Mit den Lehrstunden sieht es heute schlimm aus; keine hat Gedanken dazu. Wir wollen früh zu Bette gehen, damit es bald wieder Tag wird. Den 19ten.
drei Tage habe ich Dich nicht angesehen, Du mein ehrliches Tagebuch! Jetzt will ich alles nachholen, und so tun, als ob ich meinen lieben Eltern selbst erzählte, wie mir auf dem Balle zu Mute gewesen ist. Von meinen Gedanken und Empfindungen werde ich aber wenig Rechenschaft ablegen können, denn in meinem kopf ging alles bunt durch einander. So viel erinnre ich mich wohl, dass bei dem Schönen auch viel Nichtschönes ist, was man von fern nicht entdeckt. Erst hatte ich mich gefreut, wie ich geputzt sein, und mir das so hübsch lassen werde; aber als ich neben den andern stand, kam ich mir ganz schlecht vor: besonders als Madame sagte, mir würde immer ein je ne scais quoi fehlen, das ich doch für mein Leben gern hätte, wenn ich nur erst recht wüsste, was es wäre. Wenn ich also das je ne scais quoi nicht ertappe, hilft mir alle die Marter im Fussbrett, alle das Schmerzliche Auseinanderrecken in der Tanzstunde nichts. Ich fühlte mich so gedemütigt und niedergeschlagen, dass ich nun schon lieber zu haus geblieben wäre; um so mehr, da die adelichen Mitschülerinnen heute ganz fremd gegen mich taten, und sich unter einander schon immer im Voraus ma chère fröle, und mich M a m s e l l G r ü n t h a l nannten.
Meine lieben Eltern haben mich gelehrt, ich solle mich allentalben mit anständiger Freimütigkeit betragen, ein tugendhaftes Gemüt scheue nur Gott. Das sagte ich mir oft vor, mich dreist zu machen; aber als ich in die grosse vornehme Gesellschaft trat, war Mut und alles hin: ich wünschte mich weit weg. Die Kniee wollten unter mir einsinken; und darum war es mir auch schon ganz recht, dass Madame Brennfeld dem alten Baron Lindenfels nur ihre adlichen Kostgängerinnen vorstellte, und ihm die Titel ihrer Eltern hernannte; mich aber gar nicht bemerken liess. "Und wer ist denn dies schöne Kind?" fragte der Baron, indem er, mit dickgeschwollenen Beinen, durch ein grosses Augenglas mich bekuckend, an mich heranrutschte. Ich schlug die Augen nieder, als Madame mit einem recht widrigen Tone sagte: "Es ist eines gewissen Amtmanns Tochter aus Lindenau; ihr Vater ist sehr reich, und hat mich inständigst gebeten, sie unter meine Zöglinge aufzunehmen." "Also ein Töchterchen vom land?" sagte der alte Herr, recht hässlich grinsend, wobei er mich immer noch durch seine Gläser anschielte; dabei