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und mich fragte, was mir wäre? – ich schäme mich zu sagen, was sie vermutete, warum ich geseufzt habe; sie ist so leichtfertig; darauf gestand ichs ihr. Ach Närrchen, sagte sie; wenn dir sonst nichts ist! Desto besser, wenn der Vater für dich betet; du wirst hier bei uns so das Beten bald satt kriegen; solche Pedantereien schicken sich nur für das langweilige Dorfleben. – Mich schauderte recht bei solchen Reden. Lieber Vater, die Stadtleute sehen wohl nur von Aussen so hübsch aus? Heute am 13. erwachte ich so spät, und war so dämisch, dass ich wieder keinen Augenblick zu irgend einem ernstaften Gedanken fand. Die Maitres kamen, und ich habe die erste Tanzstunde bekommen; aber o weh! ich dachte immer ich sei gut genug gewachsen, Monsieur Belair schüttelte mich aber so zusammen und riss mir die Schultern so zurück, dass ich vor Schreck und Schmerz laut aufschrie. Die Füsse wurden mir dabei in einem sogenannten Fussbrett so auswärts gedreht, dass ich sicher glaubte, sie wären mir verrenkt. Ach und die Reverenze! Denken Sie nur, die Damen machen keine Kniesenkung mehr, sondern grade so einen Bückling, als wenn unsers Meiers Christel in die stube trat, den ich immer nachzumachen pflegte. Das erstemal als ich so einen vor dem Tanzmeister übte, machte ich in Gedanken einen Kratzfuss dazu; da entstand ein gräulich Gelächter. Ach, mir vergeht fast die Geduld, ehe ich alle die hiesigen Manieren inne haben werde.

Am Abend tanzten wir erst, und dann lass ich Madame Brennfeld etwas aus einem buch vor, das L e s s i n g s F r a g m e n t e heisst. Ich verstand zwar nicht viel davon; Madame aber ist entsetzlich gelehrt, und wie mir Mariane sagt, eine P h i l o s o p h i n . Zuweilen soll ihr Vetter, ein junger Kandidat, herkommen, dann disputiren sie beide über allerlei Materien aus der Religion. Das sei aber entsetzlich ennüyant, sagt Mariane. Der Kandidat soll übrigens ein hübscher Junge sein, wäre er nur nicht so ein Pedant, meint das fräulein. Den 14.

Ich habe meine Trägheit diesmal glücklich überwunden, und bin um fünf Uhr aufgestanden. Ich wusste aber nichts mit mir anzufangen, denn hier, wo nur alles mit Zwang geschieht, habe ich an nichts eine rechte Freude; darum macht mir auch mein bischen Klavierspielen kein Vergnügen mehr. Da soll ich immer S o n a t e n und B a c h s c h e Sachen spielen, von denen ich nichts verstehe. Zuweilen, wenn es niemand hört, spiele ich meine alten Stückchen, der lieben Mutter Lieblingslieder, und alles was mein Vater gern zu hören pflegte; dann weine ich dabei, bis mir das Herz leicht wird. Die Arbeit welche wir machen, kommt mir auch gar nicht wie Arbeit vor. Es werden Börsen gestrickt, und allerlei Sächelchen gestickt, die man gar nicht braucht. Ach! wenn die Stunden aus sind, wird uns die Zeit immer entsetzlich lang. Madame ist dann immer in ihrem Kabinet und schreibt oder liest; wir sehen denn alle aus den Fenstern ob nichts Neues auf der Strasse ist, oder schicken das Hausmädchen nach einem Kuchenladen, und schmausen dann wie auf einer Kindtaufe. Das schmeckt uns denn auch, weil wir uns bei Tische von den behenden Gerichtchen selten recht satt essen können, und das Butterbrod Abends gar dünne und mager ist, immer vortreflich. Madame Brennfeld sagt zwar, so recht mit Apetit essen sei so animalisch, und Bier oder Wein trinken, errege Sinnlichkeit. Kann sein; aber wenn wir nur einmal über so eine Lindenauische Schüssel kämen, sie sollte unserm schlaffen Magen recht gut tun. – Die Tage kommen mir hier länger vor, als auf dem land; da waren sie mir oft zu kurz, und ich erwartete den folgenden Tag mit Ungeduld, um die angefangne Arbeit vollenden zu können. Den 15.

Ach Gott! wie bin ich innerlich beschämt! Ich suchte einige Blumen und Bänder für meine Haare, und da fiel mir das neue Testament in die hände, das die gute Mama hineinlegte, und zwar noch ganz so eingewickelt. Ich ward, so allein ich war, brennend rot im Gesicht, dass ich die teure Sorgfalt der guten Mutter so schlecht belohnt hatte! Denn ich darf nicht läugnen, dass ich an dies liebe Buch hier noch gar nicht gedacht habe. Nun, ich will alles nachholen, wenn es die andern nur nicht sehen, die necken einen dann, besonders Mariane, die immer französische Bücher in ihr Bette versteckt. Das mögen freilich wohl die rechten sein, wenn sie so geheim damit tun muss. Sie sagt, ihr Bruder, der ein Kornet ist, gäbe sie ihr. Wie gefällt Ihnen das, Pasterchen? unterbrach sich der Amtmann, und wischte sich den Angstschweiss ab. Es ist lange her, aber Gott weiss, das Herz im leib wendet sich mir bei solchen Schlechtigkeiten um. – Nun weiter. Nachmittags sind wir in Charlottenburger Garten gewesen. Hätten doch meine lieben Eltern das gesehen; so schön, so prächtig! Ach, was war da Amtmanns Julchen für ein armes kleines Licht. Es tut doch dem Herzen weh, überall und überall die Geringste zu sein! Davon habe ich in Lindenau nichts erfahren. Freilich war ich da immer unter meines Gleichen oder