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sind oft, ehe sie es glaubten, von diesem Ungeheuer ergriffen worden. Meine liebe, lies doch das dritte Kapitel der ersten Epistel Petri; beherzige besonders den 3. u. 4. Vers: W e l c h e r G e s c h m u c k s o l l n i c h t auswendig sein mit Haarflechten und Goldumhängen oder Kleiderumlegen; sondern der verborgne Mensch des Herzens, unverrückt mit stillen sanften geist, das ist k ö s t l i c h v o r G o t t . Mein Töchterchen! du wirst hoffentlich diese Ermahnung, darum, dass ein Apostel sie gibt, niemals zu altvätrisch finden; sie passt für jegliches Zeitalter, für das jetzige aber ganz besonders.

Auch ist es mir nicht lieb, dass du die gute ländliche Sitte des Frühaufstehens, mit dem schädlichen Langschlafen vertauschen musst. Du sollst ein Kämmerchen für dich allein haben, und kostete es auch mehr als vier Friseurs. Denke nur, mein Julchen, wie viel du weniger lebst, wenn von jedem Tage drei Stunden abgehen! Fühlst du nicht jetzt schon, dass du dich um die Freuden der Erholungsstunden bringst? Denn bei so verkürzten Tagen wirst du schwerlich noch Stunden zu deiner Erholung aussetzen können. Die lange üble Gewohnheit hat die Stadtdamen freilich dahin gebracht, dass sie alle ihre Tage zu Festtagen machen können, ohne die geringste Unruhe im Herzen dabei zu empfinden. Du bist, Gottlob! s o nicht erzogen, meine Tochter. Du hast früh gelernt, dich vor dieser trostlosen Vergessenheit deiner Bestimmung zu hüten. Es ist dir aus übelverstandner Schamhaftigkeit nicht verschwiegen worden, dass auch d u zu den Pflichten der Gattin und Mutter bestimmt bist. Sei dessen fleissig eingedenk, und versäume keine gelegenheit, das zu lernen, was zu diesem Endzwecke führt. Aber die V i e l w i s s e r e i (du wirst mich verstehen) fliehe wie die Unwissenheit. Die kluge Frau von Lambert sagt in dem Rat, den sie ihrer Tochter gibt: mais songés que les filles doivent avoir sur les sciences une pudeur presque aussi tendre, que sur les vices.

In allem, was die Stadt P l a i s i r s nennt, empfehle ich dir eine besondre Nüchternheit. Du würdest dir durch den Genuss geräuschvoller Vergnügen, den Geschmack an den einfachen Freuden der schönen natur verderben, zu welchen man doch zu seiner Zeit wieder zurückkehren muss. Deinem Geschlecht insonderheit stehen Jahre bevor, wo die Männer von euren Personen sagen: sie gefallen uns nicht; und in welchen öffentliche Lustbarkeiten, euren schmucklosen Gesichtern nicht mehr anstehen. Dann findet ihr den sichersten Trost in den Armen der treuen Freundinn natur, die eure Eitelkeit durch keinen empfindlichen Contrast beleidigt. Diese Bemerkung wird dir allerdings im funfzehnten Jahre etwas zu früh angebracht scheinen. Jetzt ahnest du auch jene Zukunft noch nicht, aber, Kind! du wirst einst dieser Worte gedenken. Die goldne Jugend verfliegt pfeilschnell, und wehe dem, der nicht zeitig genug an ihre Hinfälligkeit dachte.

Ich bin ernster geworden als ich es wollte. Beruhige mich, und schicke mir bald dein versprochenes Tagebuch zu, damit ich mich mit meinen Augen überzeuge, dass du meiner Liebe wert bist."

Mein gutes braves Weib, (denn das war sie mir doch bei allen ihren kleinen Fehlern und Vorurteilen) meinte: ich würde unsere Tochter durch dergleichen Ermahnungen nur immer schüchterner machen. Bei einem jungen Mädchen sei die Eitelkeit natürlich, und gäbe sich von selbst, sobald die Veranlassungen dazu nicht mehr vorhanden wären. – Nach einiger Zeit erhielt ich Julchens Tagebuch. Hier ist es unverändert. Den 12. August.

Mein lieber Vater wünscht, ich soll frühe aufstehen, wie in Lindenau; ja, wenn er nur wüsste, er würde es selbst sehen, dass es hier gar nicht angeht! Wir gehen vor zwölf Uhr nicht zu Bette. Gestern Abend zum Beispiel haben wir mit dem jungen Prediger, dem Neveu der Gouvernante, allerlei witzige Pfänderspiele gespielt. Erst war ich blöde, und wollte mich von keinem mann küssen lassen. Überdem weiss ich ja wohl, was mein Vater von dergleichen hält. Die andern aber sagten, das wäre Ziererei, ich wäre eine kleine Landpute. Das ärgerte mich; ich zwang mich ein wenig, und da ging es recht gut. Ich war so lustig wie die andern, und wurde ordentlich übermütig, wie sie sagten. Das brachte mir nun gleich den Vorteil, dass fräulein M a r i a n e v o n L i n d e n f e l s mich d u nannte, und recht familiär mit mir tat; nun werdens die andern auch wohl tun, denn Mariane ist die älteste und schon Braut.

Beim Schlafengehen war mir, von allem lachen und Schäkern der Kopf so wüst und hohl, dass ich schlechterdings nichts Ernstaftes denken, viel weniger aus dem Herzen beten konnte; ich gestehe, dass ich daher nur flüchtig ein Abendgebet las, wobei mich aber die lustigen Mädchen unaufhörlich neckten und dazwischen trallerten. nachher konnte ich nicht einschlafen; mich dünkte ich hätte Böses getan, und mir war wie beklommen ums Herz. Noch ängstlicher wurde mir, als mir plötzlich einfiel, mein verehrungswürdiger Vater möchte wohl um eben die Zeit, da ich um Pfänder spielte, für mich gebetet haben; denn das tut der liebe gute Vater gewiss immer. Ich seufzte so, dass es fräulein Mariane hörte,