Nacht aufnahm. Ich hatte nicht das Herz, mich näher zu erkundigen; denn, war es Julchen, so schien es, als ob sie sich meiner schämte; und dann würde ich mich ihrer ebenfalls schämen. Aber, lieber Vater, das tun Sie denn doch, und erkundigen sich in der Gegend, wer die person ist, welche diese auffallende Ähnlichkeit an sich trägt? Es ist der Mühe wert, sie zu sehen.
Hier in Berlin bin ich wieder in meine alte Werkstatt gegangen. Der gute Meister ist vor einem Jahre gestorben, und ich bin bei seiner witwe in Arbeit. Das ist eine herzensgute liebe Frau, wie Sie gleich hören werden. Der Erziehung und des Beispiels eingedenk, welches Beides ich von meinem ehrenwerten Vater im Herzen trage, bin ich immer still und ordentlich gewesen, habe mich guter Arbeit beflissen, und bin Sonntags, wenn ich Zeit hatte, indes die Andern schwärmten, zu unsern Herrn Eiche gegangen; der mir dann dieses oder jenes gute Buch mitgab, woraus ich Abends, beim Feierabend, dem Meister und seiner Frau vorlas. Sie sahens gern, weil ich nichts damit versäumte, und die Andern oft damit vom Saus und Trunk abhielt. Da zeichneten mich die guten Menschen aus, und hielten mich wie ihr Kind; und ich habe oft Gott gedankt, dass mein Entschluss, mich diesem Gewerbe zu widmen, unter so biedre Menschen mich versetzt hat, wenn gleich ihr Gepräge ein wenig scharf und eckig ist: so weiss man dagegen auch, was man an ihnen hat.
Wie ich nun zurückkam, fand ich die Meisterin als witwe wieder. Sie nahm mich freundlich bei sich auf, und übergab mir, gegen erhöhten Lohn, die Besorgung ihrer Geschäfte. Ich habe sie mit Fleiss und Treue betrieben; und es schien ein Seegen auf allem, was ich unternahm, zu ruhen. Vor einigen Tagen – es war eben ein Sonntag – liess die Frau Hermannin mich zu sich rufen, und hiess mich neben sich setzen. Ich habs sonst nie getan, denn ich respektire sie wie eine Mutter; sie redete mich so an. Mein lieber Monsieur Grüntal, Sie werden sich nicht wenig über das wundern, was ich Ihnen zu veroffenbaren habe. – Ich vermerke, dass ich verfalle. – Ich bin nun ein und sechszig Jahr alt; und der liebe Gott kann bald ein Ende mit mir machen; obschon ich mich, dem Himmel sei Dank, noch ganz gut befinde. Mein Mann seeliger, hat mir ein grosses Vermögen hinterlassen, welches er durch seinen Fleiss erworben hat. Nun säh' ich gern, – und wenn er es wissen könnte, würde er es auch gern sehen, – wenn das schwere Geld wieder an einen fleissigen Mann käme. Ich habe zwar Verwandte, das ist aber alles reiches und üppiges Volk; Leute vom Handwerksstande, die alle Tage dazu schaffen. Und wieder die andern – der Herr Vetter Hofrat da, ja, lieber Gott! für den waren wir immer viel zu schlecht; über seine Schwelle durfte mein Mann seeliger nicht kommen. So wollt ich Ihnen vorschlagen, Monsieur Grüntal, ob Sie mich ehelichen wollen? damit Ihnen ohne Einrede mein Vermögen zu teil werden könnte. Verstehen Sie mich nicht unrecht, und halten mich nicht für eine alte verliebte Schwester; über solche Schwachheit ist man, in meinen Jahren, hinweg. Sie sollen mein Sohn, und ich Ihre Mutter sein; nur bloss dass der Priester den Seegen über uns spricht. Sie können hier im haus wohnen, wo Sie wollen, und ich bleibe in meiner Verfassung. Nur das müssen Sie mir versprechen, dass Sie meine alten Tage nicht zum Besten haben wollen, und sich vor der Welt so stellen, als ob wir wie Mann und Frau lebten. Ich werde Ihnen auch nicht im Wege stehen, wenn Sie in Zucht und Ehren nach einem jungen Mädchen sehen, auch nicht drum zanken, wie die alten Frauen wohl zu tun pflegen. Nein; Sie sollen sehen, wie es bei mir gemeint ist. Sobald wir getraut sind, mach' ich mein Testament; und Sie können mit dem lieben Gut schalten und walten, wie's Ihnen gefällt. Denn da Sie so überaus feine und künstliche Werke schaffen können, wird's was grosses mit Ihnen werden, wenn Sie Auslage machen, und Ihr Werk im Grossen treiben können. Nun, lieber Monsieur Grüntal, habe ich Ihnen weiter nichts zu sagen; antworten Sie mir nicht gleich; sondern nehmen Sie die Sache in Überlegung, und fragen Sie die Ihrigen, und Ihren würdigen Beichtvater um Rat. Hiermit Gott befohlen auf heute!
Meine Bestürzung war gross, lieber Vater, aber auch meine Dankbarkeit. Ich kann mein Leben darauf lassen, dass die respektable Frau es so meint, wie sie es sagt. So lange ich sie kenne, ist ihr Wandel still und ehrbar, fromm und wohltätig: ich habe ihren rechtschaffnen gang oft im Stillen bemerkt, und mich gefreut, dass noch so viel Tugend in dieser übel berufnen Stadt ist. Überhaupt möchte' ich sagen, dass, so weit ich gelegenheit gehabt habe, Bemerkungen zu machen, in dieser Klasse des Bürgerstandes, noch viel ächte Rechtschaffenheit, und viel, oft recht erhabne Tugend, ist; freilich ist ihr Gepräge altmodisch und schwerfällig, aber sie hat eine Zuverlässigkeit, von der die feinre Welt schon gar keine Ahnung mehr hat.
Ich bitte mir also Ihren Willen aus,