sie auch sehen, und hören. – Das muss man der Welt lassen, sie versteht ihre Leute zu dressiren – was wir gemein gegen sie aussehen! Und wie das Gesichtchen so ein edles Gepräge bekommen hat. Doch Sie werden sie schon einmal sehen; ob ich gleich nicht glaube, dass sie Ihnen ins Gesicht wird blicken können; denn ehe man sichs versieht, weint sie, und klagt sich an. Ich glaube, wenn der Hagel meine Kornfelder zerschlagen hätte, würde sie sich dessen anklagen.
Bei dem Allen sind wir noch unentschlossen, wie wir leben wollen. Der Neffe und die Nichte wollen uns nicht lassen, und auch mir ist es, als müsst ich hier bleiben, wo sie mir wiedergegeben ist. Da hat ihr der Neffe ein Haus und Garten geschenkt. Er sagt, sie sei im grund doch die unmittelbare ursache, dass er seine Lina habe. – Nicht weit von uns wohnt die Frau Minna, die einen ganz gescheuten Mann haben soll. Mein Sohn, der Amtmann, ist auch nur ein vier Meilen von hier; nur dem armen Fritz, dem Tischler, kann ich nicht zumuten, dass er Särge für Bauern mache. Wer hätte gedacht, dass der Himmel mir einst so noch wieder lachen würde! Aber Sie haben mir wohl mit Recht immer gesagt: 'Wer Gott vertraut, hat wohl gebaut.'
Die jungen Leute rufen nach dem Alten; ich verlasse Sie, weil mir so wohl ist, dass ich mich ausjauchzen muss! Gott grüsse und bewahre Sie.
Ihr
G r ü n t h a l ."
Eiche an Grüntal.
"Gott Lob, dass Ihnen wohl ist, mein Freund! Ihre Freude verbreitet einen heitern Schein über meine Tage; wie Ihr Kummer auch die meinigen trübte! Ich werde Sie so bald noch nicht sehen, weil mein Kollege verreiset ist; aber sobald er zurückkehrt, komme ich zu Ihnen, um mich ein Paar Tage mit Ihnen zu freuen. Doch muss ich zuvor wissen, ob meine Gegenwart auch niemanden unangenehm sein könnte. In diesem Fall würde ich mir auch dieses schönste aller Vergnügen versagen, noch einmal mit meinem alten Freunde einige frohe Tage auf dem land zu verbringen; denn in Zukunft, mein Freund, werden neue Verpflichtungen mich an meinem Wohnort festalten. Die Tochter meines Kollegen willigt ein, mein kleines los mit mir zu teilen. Ein gutes mildes Herz, und ein sehr gebildeter Verstand, der ihr einen zuverlässigen charakter gab, lassen mich auf eine heitre Zukunft rechnen. Sie gönnen es mir von Herzen, mein Lieber, das weiss ich. –
Gestern hatte ich einen Vorfall, der mich sehr sonderbar bewegt hat. Mein Aufwärter meldete eine Frau mit einem kind bei mir an, welche sich wegen Armengelder meldete. Ich liess sie vor: mit einer Art von alter Vertraulichkeit drängte sie sich zu mir; ihr schlechter Anzug hätte sie mir unkenntlich gemacht, wenn nicht der alte Schwall von Worten mit die Madam Brennfeld verraten hätte. Sie schalt sehr bitter die Intoleranz der Menschen, welche sie ausgestossen hatten, nach dem Beweiss, den sie von ihrer eigenen toleranten Denkart gegeben hatte. Sie habe den Vater ihres Kindes heiraten wollen, aber da sie standhaft darauf bestanden, er müsse ein Jude bleiben, habe kein Geistlicher sie trauen wollen. Nun sei ihre Kostschule auseinander gegangen. Ihr Liebhaber habe sich mit einer jungen reichen person seiner Nation verheiratet, und ihr Vetter, der Kandidat, sei in einer entfernten Provinz versorgt, habe die Philosophie aufgegeben, und sei nun von ganzem Herzen bigotter Priester. Ihre Lage sei traurig: aber sie rechne auf Unterstützung, weil ihre Verdienste um den Staat, in Bildung einer künftigen Generation, auffallend genug wären. Man k ö n n e sie nicht abweisen, wenn sie Pension fordre; indess wolle sie sich mit dem dürftigen Anteil, den ich ihr reichen könne, begnügen Ich hatte nichts zu verteilen, und gab ihr aus meinen Mitteln; sie nahm es mit ihrem bekannten Übermute an; und tat, als ob sie Wohltat erwiese, indem sie Wohltat empfing. – Ich hoffe nicht, dass ich diese unangenehme Erinnerung öfter sehen werde: sie ist mir ein Vorwurf meiner unbesonnenen Leichtgläubigkeit. –
Etwas Angenehmeres hoffe ich Ihnen in diesem dicken Pack von Ihrem guten Sohne Fritz zu überschicken; fällt Ihre Antwort günstig, das ist bejahend, aus; so ist er nächstens bei Ihnen, und holt Sie alle zur Hochzeit ab. Wie auch alles gehe, so rechnen Sie immer auf einen Freund, der in frohen und trüben Tagen ganz Ihr eigner war und bleiben wird.
E i c h e ."
Fritz Grüntal an seinen Vater.
Liebster Vater! "Mein letzter Brief aus Neuwied benachrichtigte Sie, dass ich nächstens meine Rückreise aus Neuwied nach Berlin antreten würde. Der Abschied von einem Orte, und von Personen, bei welchen mir so mannichfaches Gute wiederfahren ist, war nicht leicht Auf meiner Heimreise wiederfuhr mir etwas Seltsames, lieber Vater. Nach einem heissen Tage zog ein Gewitter auf, und ich übernachtete auf einem Edelhofe, wo ich eine Dame traf, die meiner verlornen Schwester so ähnlich sah, so ähnlich! dass ich wetten wollte, sie sei es selbst gewesen; nur, dass sie mir grösser, schöner und stärker vorkam, und ihre stimme voller und wohllautender war. Die Dame erschrak, als sie mich sah und sprechen hörte, und schaffte mich fort; so dass eine Freundin mich für die