mich wegschaffen, ich habe sie im konvulsivischen Anfalle erdrosseln wollen. – Die letzten Worte vernahm ich, ungeachtet meiner Betäubung, sehr deutlich; o nein! nein! rief ich unvorsichtiger Weise, indem ich mich aufrichtete. Kaum hörte die Fürstin meine stimme, welches sie vermutlich besorgen liess, ich würde mich deutlicher erklären, so schrie sie, gleich einer Wütenden, man möchte eilen, mich fortzuschaffen, sie fürchte den Anblick des Wahnwitzes. Die dienstfertige, innerlich höchst erfreute, Kammerfrau machte mit kummervoller Miene Anstalt, mich fortbringen zu lassen; aber ich ersparte dem armen Dinge die Mühe, und ging ganz fest nach dem Entresol, wo meine Kammern waren. Bald nachher erschien der Leibarzt, legte mir besondre fragen vor, und schien verwundert, dass ich nicht irre redete. Er war so fest von der Wahrheit der fürstlichen Aussage überzeugt, dass er, als ich sagte, ich habe längst schon gewünscht, diesen Hof zu verlassen, sehr weise meinte: ach, nun merke er; ich habe mich also irre gestellt! Was für verschrobene Menschen sind diese Hofschranzen grösstenteils! Ich hatte Mühe, mich ihm verständlich zu machen, ohne die Fürstin zu kompromittiren. Er verordnete mir zum Schein ein kühlendes Tränkchen, und dieser Tag, der so fatal für mich angefangen, endete mit der frohen Aussicht, nun bald im vollen Genusse der Freiheit zu sein, mich meinem vaterland wieder zu nähern, und mich um die Verzeihung meines geliebten Vaters zu bewerben. Der Hofmarschall hatte schnell meinen Abschied ausgefertigt, und in der kleinen winzigen Stadt und am hof selbst ging die Rede: ich habe im Zimmer der Fürstin ein Kind bekommen. Einige wollten sogar den derben Knaben schreien gehört haben. – Die dienstabende Kammerfrau affektirte ein geheimnissvolles Wesen darüber, und bestätigte dadurch die Sage.
Ich brachte seit langer Zeit die erste, recht ruhige und vergnügte Nacht zu. Am frühen Morgen kam der Leibarzt, und bot mir zur Abreise die Gesellschaft seiner Frau an, die ins Bad reisete. Ich bedachte mich nicht lange, packte mit frohem Sinne meine Effekten zusammen, und fuhr ab, ohne die Fürstin noch einmal zu sehen. Ihretwegen hatte ich darum angehalten, aber ihre Weigerung war mit sehr angenehm; denn ich würde mich ihr nicht ohne Schaudern und Abscheu genähert haben. Wie so ganz anders verliess ich den Engel Eudoxia! nie, nie wird das Bild dieser Tugend aus meinem dankbaren Herzen weichen!
Von dem Örtchen, welches ich vorzugsweise vor der Hand zu meinem Aufentalt wählte, erinnerte ich mich, in meiner Kindheit viel Gutes gehört zu haben. Die Vorsehung selbst hat mich in diese Gegend geführt, wo ich meine edle Verwandtin, und den über alles, alles teuren Vater so unverhofft angetroffen habe! Will er, der allerbeste und treuste, mich neben sich leben lassen, so soll jeder Augenblick meines Lebens seiner Pflege und Erheiterung geweihet sein! Vielleicht duldet er mich! Die Grossmut der tugendhaften Russin setzt mich in die glückliche Lage, niemanden mit meiner Versorgung beschwerlich fallen zu dürfen. Wenn meine redliche Verwandte es vergessen können, dass mein Leichtsinn jede Freude des Lebens ihnen raubte, dass ich strasbar wurde, um mir ein Glück auf seichtem grund zu bauen, dass jeder Schein wider mich war, dass ich einer strafbaren Neigung nachhing, und der bessren Frau den Mann raubte; dass ich einem fremden mann in ferne Gegenden auf seinen leisesten Wink folgte; dass ich, am rand des Abgrunds, dem eitlen Gedanken, er könne mich zu seiner Gemahlin erheben, nachgab; wenn dies alles vergessen werden kann; ich meine, wenn A n d r e dies vergessen könnten, so gibt es noch ein Glück für mich, in so fern das marternde Bewusstsein der Fehlenden sie es geniessen lässt.
Während ich dieses Heft übergeben habe, während es gelesen wird, wird mein Herz in Ungewissheit verzagen. Aber meine edle Minna wird mich vertreten; sie wird die Urteile mildern, wo sie hart über mich ergehen. Aber o mein Herz, sei still! Hast Du nicht am Herzen der verzeihenden Karoline, am Herzen des versöhnten Vaters geschlagen? Sei still, demütig, und hoffe! –"
Grüntal an Eiche.
"Und nun, mein lieber Freund, wenn ich je in Ihrem Herzen zu lesen wünschte, so wäre es jetzt! Unwille, oder Mitleid? freilich, freilich; – – die Szene in Petersburg, mit dem Demetrius – sie ist ganz stark; aber doch, mir hat die Haut geschauert, ehe sie fiel, und sich den Kopf zerschlug. – Ich dachte wahrhaftig, sie würde ganz anders fallen. Es war ein glücklicher Fall, der sie wieder zu sich brachte. Eiche! Ich rede in der Freude meines Herzens! Wenn Sie könnten: wenn Sie nichts verschworen hätten! Aber nein, nein! es geht nicht, es geht freilich nicht, Sie haben Recht; wären Sie nicht in einem amt, wo Sie so hell und rein strahlen müssen, so ging's noch eher. Lesen Sie dies lieber nicht; ich will Sie nicht beleidigt haben. Antworten Sie mir auch darauf nicht. Ich könnt' es nicht ertragen. Die Freude hat mich toll und laut gemacht; aber wir sind alle nicht um ein Haar anders; der Oberst wie wir Verwandte, die fremde Frau da, die Minna, wie der Oberst. hören Sie, ich bin so jung geworden, als wär' ich mein Sohn. Aber Sie sollten