jetzt beinahe versiegt.
Wir setzten unsre Reise ununterbrochen fort, hielten uns nur auf, den Pferden die nötige Erholung zu geben, und so kamen wir ohne merkwürdige Ereignisse in , an dem kleinen hof der Fürstin von an. Sie war durch Briefe der Prinzessin Eudoxia benachrichtigt, und günstig für mich eingenommen worden. Ganz das Gegenteil hatten aber diese Empfehlungen für mich bei ihrem Hofstaate bewirkt, insonderheit bei den Kammerfrauen, unter welchen mir eine Stelle angewiesen wurde. Sie hassten mich schon vorher, hatten sich vorgenommen, der Neueingetretnen das Leben sauer zu machen, und sie haben redlich Wort gehalten. Ich wurde in die Garderobe geführt, und bald kamen, unter mancherlei Vorwand, hohe und niedre Hofdiener und Dienerinnen, mich zu mustern. – Was Hagedorn irgendwo sagt, dass nichts verwegner, stolzer und kühner, als grosser Herren kleine Diener sind, fand ich hier sehr genau bestätigt. Noch hatte ich den ehrlichen Vater Popoff an meiner Seite. Sein befurchtes Gesicht und schneeweisser Bart machten hier einen seltsamen Kontrast gegen die flachen, nichtssagenden Physiognomieen. – Nachdem ich einige Stunden zur Schau gesessen, und manche unbescheidene Frage beantwortet hatte, wurde ich zur Fürstin abgerufen. Ich ging mit unbekümmerten Herzen, denn hier flösste mir nichts Scheu oder Ehrerbietung ein; auch fühlte ich, dass mir die Aufnahme der Gebieterin dieser leichten Menschen gleichgültig sein würde. Ich fand sie nach vollendeter Toilette im üppigsten Morgenkleide. Sie war sehr schön; aber eine auffallende Ähnlichkeit mit Marianen von Lindenfels, deren verderbender Umgang meinem Betragen eine so entschieden unglückliche Richtung gab, erschreckte mich; eben der blick, eben das Spiel mutwilliger schwarzer Augen, nur die stimme war weicher und weiblicher. Ihre Freundlichkeit hätte verführerisch sein können, wäre mein Herz nicht verwöhnt gewesen, und hätte es nicht verglichen. Da verlor sich aber die Anwesende in den tiefsten Schatten, neben der strahlenden Glorie der himmlischen Eudoxia. – Ich gefiel, ohne gefallen zu wollen; denn die Fürstin gefiel sich bei einer genauen Zergliederung meiner Gestalt und Bildung, wobei ich mehr als einmal rot wurde. Mit meinen kleinen Talenten war sie ebenfalls zufrieden. Von ihrer Freundin, der Fürstin Eudoxia, war ihr nichts wichtig, als ob sie noch so schön sei? ob das Feuer ihrer Augen noch unvermindert, und der weisse Busen fest und rund wäre?
Diese Audienz endigte damit, dass ich zur Vorleserin bestätigt, und auf den Hofetat unter den Kammerfrauen aufgeführt wurde. Sobald diese es erfuhren, erstickten sie mich mit Liebkosungen und Umarmungen. Die Fürstin fand den Namen Ida süss und romantisch, und alle fanden es so, und nannten mich die schöne Ida. Was mir vor Augen geschah, hätte mich vergnügen sollen, aber ich war von Herzen betrübt; denn mein väterlicher Freund, Michael Poposf, hatte mich verlassen, und es war vorauszusetzen, dass ihn meine Augen nie wiedersehen würden. Da erst ekelte mich die Freundlichkeit der mir so fremden Race recht sehr an; es war nichts von dem natürlichen, liberalen und frohen Wesen der Pallastbewohner in Petersburg; selbst die herbe natur der Lebrün war mir lieber, als das lachen dieser, zum lachen immer offnen, Mäuler. Die Fürstin war gütig, z u gütig gegen mich; aber dieser Güte fehlte das Herzliche und Rührende von Eudoxia's holdem Wesen. Oft las ich noch spät nach der Abendtafel, wenn die Fürstin sich schon zur Ruhe gelegt hatte; sie selbst suchte die Stücke aus, welche ich lesen musste, und ich gestehe, dass es immer solche waren, welche die geheimsten Tiefen der Sinnlichkeit aufregten. Dann musste ich mich ganz nahe zu ihr setzen, sie schlang ihren Arm fest um mich, und liess ihre Finger sich so verirren, dass ich Fassung und stimme verlor. Sie schmiegte ihr Gesicht an meinen Busen, und liess sich zu Küssen herab, welche sie erwiedert haben wollte; aber, ich weiss nicht welch' eine unüberwindliche Abneigung sich dann meiner bemächtigte, so dass ich mich zuletzt mit Angst und Schaudern dem Lesekabinette näherte.
Unter ähnlichen Beschäftigungen und dem einförmigen Wogen des Hofgeräusches vergingen sechs Monate. Die Gunst der Fürstin und der Neid der andern nahmen zu. Ich fand meine Lage so widrig, dass ich schon mehr als einmal meinen Abschied fordern wollte, als ein unerwarteter Vorfall ihn mir plötzlich verschaffte. Die Fürstin war einige Tage kränklich, oder vielmehr in einem schmachtenden Zustande gewesen, wobei sie über Krämpfe klagte. Ich durfte ihr Zimmer und ihren Sopha keinen Augenblick, auch bei Nacht nicht, verlassen. Sie ruhete in meinem Arm, und ihr Benehmen wurde mir immer rätselhafter. Sie hing oft lange mit wollüstigen Küssen an meinen Lippen, welche sie Rosenlippen nannte; mein Halstuch lösete sie unter dem Vorwande auf, dass es sie drücke, wenn sie an mir ruhe, und bald war ihr dieses, bald jenes meiner Kleidungsstücke zu ihrer Bequemlichkeit im Wege. – Ich wünsche einen dichten Vorhang über die Begebenheit, und über die Schrecken des letzten Augenblicks, der mich auf ewig von ihr trennte, ziehen zu können; – ein Augenblick, wo die letzte und schwächste der Schranken durchbrach, die ihre strafbare Sinnlichkeit gehalten hatte. Sie stürmte wie ein gewaltiger Strom auf mich los; empörte Sinnlichkeit des ungestümsten Mannes kann nicht gewaltsamer sein! Ich rang, stiess die Wahnwitzige zurück, und sank betäubt, oder vielmehr ohnmächtig, zu Boden hin. Da hörte ich sie ihre Glocke anziehen, die aufwartende Kammerfrau erschien, und die aufgebrachte Dame befahl, man solle